„Unsere Bewegung ist ein Krisenindikator“

Der Apostolische Nuntius von Deutschland, Erzbischof Jean-Claude Périsset, hat kürzlich an der Bundesversammlung des Netzwerks katholischer Priester teilgenommen. Über den Besuch des Nuntius und die Aktivitäten des Priesternetzwerkes sprach Markus Reder mit den Sprechern des Netzwerkes, den Pfarrern Guido Rodheuth, Hendrick Jolie und Uwe Winkel.
Foto: privat | Das Priesternetzwerk weitet sein Engagement nach Österreich aus. Im Bild (v.l.n.r.) Pfr. Christian Sieberer, Pfr. Hendrick Jolie, Apostolischer Nuntius Erzbischof Jean-Claude Périsset, Pfr. Uwe Winkel, Pfr.
Foto: privat | Das Priesternetzwerk weitet sein Engagement nach Österreich aus. Im Bild (v.l.n.r.) Pfr. Christian Sieberer, Pfr. Hendrick Jolie, Apostolischer Nuntius Erzbischof Jean-Claude Périsset, Pfr. Uwe Winkel, Pfr.
Herr Pfarrer Rodheudt, welche Bedeutung hat die Teilnahme des Nuntius, Erzbischof Jean-Claude Périsset, an der Bundesversammlung des Priesternetzwerkes für die Geistlichen, die sich über dieses Netzwerk verbunden wissen?

Für uns war dieser Besuch enorm wichtig. Denn der Nuntius ist der Botschafter des Papstes in Deutschland. Der Erzbischof ist unserer Einladung gefolgt und zwar nicht nur zu einem kurzen Vortrag. Er hat an beiden Tagen unseres Treffens teilgenommen. Auch bei der Feier der Heiligen Messe und des Stundengebetes, beim abendlichen Beisammensein und bei den anderen Veranstaltungsblöcken war er anwesend. Der Nuntius hat deutlich gesagt, dass er sich über unsere Initiative freut. Erzbischof Périsset hat begrüßt, dass ein Netzwerk katholischer Priester existiert und er hat betont, von welch grundsätzlicher Bedeutung eine gute Verbindung zwischen Bischöfen und Priestern ist, die die eigentlichen Träger der Seelsorge sind.

Warum braucht es überhaupt ein Priesternetzwerk? Sollte priesterliche Mitbrüderlichkeit und Gemeinschaft nicht eine Selbstverständlichkeit in der Kirche sein?

Pfarrer Uwe Winkel: Leider haben wir innerhalb des Klerus eine regelrechte Spaltung. In den herkömmlichen Strukturen haben wir nicht die Einheit und den Zusammenhalt, weil sich manche Mitbrüder ärgerlicherweise mehr oder weniger über die Lehre und die Ordnung der Kirche hinwegsetzen. Dadurch dass die Einheit unter uns Priestern nicht mehr gegeben ist, suchen wir dekanats- und diözesanübergreifend Gemeinschaft. Wir sind jedes Mal beeindruckt, wenn wir bei unseren Treffen erleben dürfen, welch tiefe Einheit wir unter uns Priestern und Diakonen erleben dürfen.

Seit wann gibt es das Priesternetzwerk? Wie hat es sich entwickelt? Und welche Bedeutung hat es für Sie?

Pfarrer Hendrick Jolie: Für mich persönlich war das Netzwerk, als es 2001 gegründet wurde, eine echte Lebensrettung. Ich war damals nach Übernahme meiner Pfarrei in einer schwierigen Situation. Ich habe fassungslos gesehen, dass das, was ich eigentlich sein will, nämlich katholischer Priester, von der Mehrheit der Katholiken nicht mehr angenommen oder begrüßt wird. Das Netzwerk als solches hat sich inzwischen verjüngt. Es sind jüngere Mitbrüder zu uns gestoßen. Wir haben uns auch internationalisiert. Zumindest sind wir im deutschen Sprachraum vertreten – in der Schweiz und in Österreich. Gleichzeitig haben wir uns virtuell vernetzt. Wir haben einen Newsletter, den über fünfhundert Priester, Diakone und Laien im deutschsprachigen Raum empfangen. Von daher kann man sagen: Die Initiative hat sich verbreitert und stößt auch medial mittlerweile auf Interesse. Wir sind ja kein eingetragener Verein, sondern eine Interessensgemeinschaft von Priestern und Diakonen, denen die unverkürzte Verkündigung der Lehre der katholischen Kirche wichtig ist. Unser Anliegen ist das katholische Profil und die Vernetzung untereinander.

Sie weiten Ihre Aktivitäten nach Österreich aus?

Pfarrer Uwe Winkel: Wir werden ab jetzt eine unmittelbare Kontaktstelle in Österreich haben; Ansprechpartner ist Pfarrer Christian Sieberer aus Wien. Zunächst geht es darum, uns auf regionaler Ebene zu treffen – zum Gebet, zum Austausch über theologische und pastorale Fragen, zum mitbrüderlichen Beisammensein. Darüber hinaus haben wir überregionale Veranstaltungen wie unser Bundestreffen. Wir machen gemeinsame Wallfahrten und Exerzitien, nehmen an Akademien teil oder unterstützen diese aktiv. Da sich mit dem „Aufruf zum Ungehorsam“ Mitbrüder international zusammengeschlossen haben und Forderungen stellen, die im offenen Widerspruch zur kirchlichen Lehre stehen, ist auch uns eine internationale Verknüpfung wichtig. Seit acht Jahren arbeiten wir bereits mit dem „Linzer Priesterkreis“ und dem „Churer Priesterkreis“ zusammen. Die Mitbrüder der Ungehorsamsinitiativen können daher nur einen gewissen Teil der Priesterschaft repräsentieren, keinesfalls aber im Namen aller Geistlichen sprechen.

Das Priesternetzwerk verstehen Sie als Gegenbewegung zur österreichischen Pfarrerinitiative?

Pfarrer Hendrick Jolie: Spaßeshalber könnte man sagen, wir sind früher da gewesen. Von daher sind wir keine Reaktion. Die Pfarrerinitiative in Österreich gibt es noch nicht lange. Die Bestrebungen, im Klerus und unter den Gläubigen eine andere Kirche voranzutreiben, gibt es allerdings schon länger. Von daher kann man durchaus sagen, dass unsere Bewegung eine Art Krisenindikator ist. Es trifft zu, dass wir auf einen konkreten Missstand aufmerksam machen wollen. Was wir in unseren Zielen vereinbart haben, die Wahrnehmung der priesterlichen Leitungsfunktion, die unverkürzte Verkündigung der kirchlichen Lehre und die treue Befolgung der liturgischen Vorschriften bei der Feier der Heiligen Messe müsste im Grunde eine Selbstverständlichkeit sein. Dass es das nicht ist, hat zur Gründung unseres Netzwerkes geführt.

In einem Beitrag des Magazins „Der Spiegel“ hieß es vor kurzem, Sie, Herr Pfarrer Jolie, seien Autor des für seine Hetz- und Hasstiraden bekannten Online-Portals „kreuz.net“. Stimmt das?

Die Frage ist ähnlich verfänglich wie der Spiegelartikel. Wenn ein anonymer Internetdienst meine Artikel kopiert, die andernorts im Netz bereits erschienen sind, kann offenbar der Eindruck entstehen, ich identifiziere mich mit dem bisweilen offen rechtsextremen Gedankengut dieser Seite. Die Antwort kann nur ein klares Nein sein. Mit meinen Sprecherkollegen habe ich diesbezüglich eine Klarstellung verfasst, die auf der Homepage des Priesternetzwerkes zu lesen ist. Dem habe ich nichts hinzuzufügen.

Das Priesternetzwerk hat mit kreuz.net absolut nichts zu tun?

Pfarrer Guido Rodheudt: Nein. Hier sind wir Opfer der in der heutigen Medienlandschaft fast unausweichlichen Sucht zur Kommunikation, in der Genauigkeit des Urteils und Diskursfähigkeit so gut wie keine Rolle mehr spielen. Dies betrifft besonders die vergröberte Informationsverarbeitung im Internet. Heute weiß jeder, der sich öffentlich positioniert, dass Beiträge und Äußerungen wie beim Kinderspiel „Stille Post“ im Internet durch eine Mitteilungskette geschickt werden, bei der sich ein Autor am Ende nur wundern kann, was er alles gesagt und getan haben soll. Hinzu kommt, dass das Medium Internet auf dieser Basis bequem als ein Mittel zur Denunziation genutzt werden kann, vor allem, wenn es in der Anonymität geschieht. Im vorliegenden Fall empfinden wir es so, als ob die mediale Verknüpfung mit kreuz.net genutzt wird, um den Ruf unserer lehramtstreuen Initiative zu beschädigen. Denn es geht uns ja nicht um uns selbst, sondern um eine Erneuerung des Priestertums auf der Grundlage von Glaubens- und Papsttreue. Um diese beiden Momente zu desavouieren, sucht man stets nach einer Gelegenheit, diejenigen, die sie auf ihre Fahnen geschrieben haben, zu treffen. Letztlich steckt dahinter auch eine subtile bis offene Aversion gegen den Heiligen Vater, wie die Äußerungen im Spiegel beweisen, nach dem Strickmuster: „Man schlägt den Sack und meint den Esel!“

Vereinigungen wie dem Netzwerk haftet schnell der Ruf an, da seien ein paar „verstrahlte“ katholische Existenzen am Werk, die kirchlich nicht mehr vermittelbar sind und jetzt als Randgrüppler ihr Dasein fristen...

Pfarrer Guido Rodheudt: Das trifft mit Sicherheit nicht zu. Im Gegenteil. Es hätte eine Vermutung in der Gründungsphase des Netzwerkes sein können, dass sich dort Priester sammeln, die aus hoher Frustration oder weil sie schon konkret gescheitert sind, zu uns stoßen, um hier „ihre Wunden zu lecken“. Das ist aber nicht so. Wenn wir uns treffen, treffen sich zu 99 Prozent aktive Pfarrer oder Kapläne, also Priester aus der Pfarreiseelsorge. Der Altersdurchschnitt ist außerordentlich gut. In unseren Reihen gibt es auch etliche jüngere Pfarrer und Neupriester. Es kommen Seminaristen und Ständige Diakone. Priester im Ruhestand sind eher selten. Der aktive Mittelbau des Seelsorgeklerus ist bei uns vertreten. Damit kommen auch alle Spielarten der Pfarrseelsorge bei uns auf den Tisch.

Wie steht es um das Verhältnis des Priesternetzwerkes zu den Ortsbischöfen?

Pfarrer Uwe Winkel: Selbstverständlich wird jeder einzelne Priester bemüht sein, sein Weiheversprechen ernst zu nehmen und einzuhalten. Jeder von uns hat seine Hände in die Hände des Bischofs gelegt und ihm und seinen Nachfolgern Ehrfurcht und Gehorsam versprochen. Von daher ist es sehr wichtig, diese Einheit mit dem Ortsbischof zu wahren und im Alltag unseres priesterlichen Wirkens umzusetzen. Andererseits stellen wir mit Sorge fest, dass manche Priester von ihren Bischöfen zu wenig Unterstützung erfahren, wenn es um eine konsequente papst- und lehramtstreue Ausrichtung ihres priesterlichen Handelns in der Praxis geht. Ein weitaus größeres Problem ist aber manchmal in der administrativen Zwischenebene, nämlich bei einigen Vertretern der Generalvikariate, zu sehen.

Das „Jahr des Glaubens“ hat begonnen. Welche Rolle spielt das für sie als Netzwerk katholischer Priester? Was erwarten, was erhoffen Sie sich von diesem Jahr, das in besonderer Weise der Verbreitung und Vertiefung des katholischen Glaubens gewidmet ist?

Pfarrer Hendrick Jolie: Wir sind sehr dankbar, dass der Heilige Vater dieses Jahr ausgerufen hat, auch im Zusammenhang mit dem Konzilsjubiläum. Wir begreifen das als eine Ermutigung, gerade in den Pfarreien als Priester wieder Lehrer des Glaubens zu sein. Viele Mitbrüder machen bei uns die Erfahrung, dass die Katechese weitestgehend an ehrenamtliche Laien delegiert worden ist. Wir wollen das selbstverständlich nicht zur Gänze widerrufen, meinen aber, dass der Priester als Lehrer des Glaubens in seiner Gemeinde den ihm zukommenden Platz einnehmen muss. Er sollte nicht nur zu katechetischen Bemühungen ermutigen, sondern muss sie auch selber in die Hand nehmen.

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