Unauflöslichkeit ist nicht nur eine Frage menschlicher Liebe

Das Sakrament der Ehe – „Gottes heilige Zeichen“ – Folge XI

Das Sakrament der Ehe, auf dem die christliche Familie gründet, ist für viele Gläubige von großer Bedeutung und auch für die Priester ist es immer wieder Anlass zur Freude. Die Ehe ist ein wichtiges Fundament der Gesellschaft. Es hat schon immer in verschiedenen Formen eine Verbindung zwischen zwei Menschen gegeben, die einander zugetan sind und die um der Fruchtbarkeit willen und der Stärkung der gegenseitigen Liebe zusammenfinden.

Im Alten Testament zeigt das Buch Genesis, wie Adam und Eva in der exklusiven Partnerschaft der Einehe lebten. Diese Ehe ist das Vorbild jener Ehe, die Christus zum Sakrament erhoben hat. Wie alle anderen Sakramente, so hat auch die Ehe ihren Ursprung von Christus her. Schon auf der Hochzeit von Kana hat er der Ehe einen besonderen Glanz verliehen durch seine Gegenwart und durch das Wunder der Verwandlung von Wasser in Wein. Aber der Herr hat noch viel mehr getan. Er hat die Ehe zu einem unauflöslichen Sakrament erhoben, das vor Gott geschlossen wird.

Aus den Worten Christi in Mt 19, 3–6 hat die Kirche von Anfang an die Heiligkeit, die Einheit und die Unauflöslichkeit des Ehebundes abgeleitet, den zwei Menschen vor Gott und im Angesicht der Kirche schließen. Schon in der apostolischen Tradition wird die Ehe nicht als weltliches Ding verstanden, sondern als eine Verbindung der Eheleute im Namen des Herrn. Der heilige Apostel Paulus hat eine besonders tiefe Verbindung der Eheleute in Eph 5, 27–29 beschrieben. Die eheliche Liebe wird hier auf tiefe Weise mit der Verbindung Christi zur Kirche verglichen, die auch unauflöslich ist. So wie Christus die Kirche liebt, soll der Mann seine Frau lieben und die Frau soll diese Liebe mit der gleichen Tiefe beantworten. Von dieser Zeit an hat die apostolische Tradition immer das Eheband als vor Gott geschlossen betrachtet und nicht daran gezweifelt, dass Christus derjenige ist, der die Sakramentalität der Ehe stiftet.

Es dauerte lang, bis sich Form und Materie des Ehesakramentes theologisch herauskristallisierten. Heute sagt die Kirche, dass der Ehekonsens, der Wille der Eheleute, einander ganz anzugehören, das Sakrament begründet (vgl. KKK 1625–1628). Somit ist die Ehe kein Egoismus zu zweit. Indem sie auf dem gegenseitigen Konsens gründet, ist sie offen auf Familie hin, was die Bereitschaft zur ehelichen Fruchtbarkeit voraussetzt. Wichtig ist, dass die Eheleute diesen Ehekonsens ganz frei eingehen. Es darf keine irgendwie geartete Beschränkung in ihrem Willen geben. Sie müssen sich gegenseitig ganz schenken wollen. Weder äußerer noch innerer Zwang darf das beeinträchtigen. Ebenso dürfen keine Bedingungen das Wesen der Ehe – die Fruchtbarkeit, die Unauflösbarkeit, die Einheit – beschränken. Wer etwa nur eine Ehe auf Zeit oder keine Kinder will, der kann vor Jesus Christus und unter der Assistenz der Kirche keine gültige Ehe eingehen. Die Ehe ist eben nicht Selbstzweck, sondern hat einen kirchlichen und öffentlichen Charakter.

Die Ehe ein Leben lang zu verwirklichen, halten manche Menschen für schwierig oder gar unmöglich. Solche Befürchtungen sind unbegründet. Denn die Unauflöslichkeit kommt nicht allein aus der menschlichen Liebe oder dem Willen. Gott ist es, der diesen Ehekonsens zu einem unauflöslichen Bund erhebt und durch besondere Gnaden den Eheleuten die Möglichkeit gibt, diese eheliche Liebe zu vertiefen und durch ein Mitleben mit der Kirche auch in der Zukunft zu erhalten. Dabei hilft es den Eheleuten, wenn sie nicht nur sich selber sehen, sondern ihre Verantwortung gegenüber den Kindern und im Gesamt der Kirche und der Gesellschaft wahrnehmen. Weil die Ehe ein Bund fürs Leben mit Verantwortung füreinander und die Gesellschaft ist, beschenkt Gott sie mit Gnaden, die ihren Bestand sichern.

Der Ehekonsens ist sowohl die Form als auch die Materie der Ehe. Der Katechismus der katholischen Kirche sagt, dass dieser Konsens dadurch vollzogen wird, dass die beiden „ein Fleisch werden“. Zur Ehe gehört also nicht nur die Zusage der Ganzhingabe, sondern auch ihr Vollzug in der ehelichen Liebe. Erst dann ist das Vollsein des Sakramentes gegeben. Dann ist es ein unauflöslicher Ehebund, den niemand scheiden kann außer Gott, wenn er einen der beiden Eheleute zu sich nimmt. Die Ehe ist unauflöslich bis zum Tod.

Das ändert nichts daran, dass menschliche Gebrochenheit eine Ehe in schwere Krisen stürzen kann. Wenn aus Liebe und Vertrauen Untreue und Misstrauen werden, erschüttert das die Eheleute im Tiefsten. Aber das von Gott geschlossene Eheband wird von dieser menschlichen Zerbrechlichkeit und Sündhaftigkeit nicht zerstört. Es kann nicht nur weiterleben, sondern seine ganze Schönheit gerade dadurch wieder entfalten, dass Gott sein Weiterbestehen garantiert. Der Herr geht in Mt 19, 7–9 auf die Möglichkeit ehelicher Untreue eigens ein und zeigt, dass sie kein Grund sein kann, die Ehe zu zerbrechen. Dabei gilt schon die zivile Scheidung als Ehebruch.

Falls ein Zusammenleben unmöglich wird, kann eine Trennung von Tisch und Bett herbeigeführt werden. Eheleute können für eine Zeit lang auseinandergehen, um neue Kraft, Ruhe und Frieden zu finden und um ihre Ehe wieder zu versöhnen. Die Kirche steht in solchen Fällen jedem bei. Aber niemand darf das Wort Jesu von der Unauflöslichkeit der Ehe beschönigen. Christus will, dass die Eheleute in Kreuz und Leid, in Gesundheit und Krankheit, in guten und bösen Tagen, zu ihrem Ehebund stehen, den sie vor Gott versprochen haben und den Gott unauflöslich gemacht hat. Der Bund dieser Treue kann auch einseitig sein. Menschen, die der Ehepartner verlassen hat, können vor Christus ihre Liebe zeigen, indem sie selber dem Eheband treu bleiben. Die Kirche umgibt auch hier die Betroffenen mit Sorge und bindet sie in das Leben der Kirche ein. Derjenige, der verlassen wird, und auch derjenige, der einen Ehepartner verlassen hat und nicht mehr zurückkehren kann, ist immer willkommen, nicht nur an den heiligen Sakramenten teilzunehmen, sondern auch durch eine Beichte seine eigene Situation wieder vor Gott in Frieden zu bringen.

Diejenigen, die, weil sie eine neue zivile Ehe eingegangen sind, nicht mehr zu den Sakramenten hinzutreten können, sind deswegen trotzdem nicht völlig vom Leben der Kirche ausgeschlossen. Sie können dem heiligen Messopfer beiwohnen, die Sakramentalien empfangen und im Gebet und in der Anbetung des allerheiligsten Altarsakramentes Christus nahe sein. Sie können darum bitten, dass er ihr Leben in eine Situation führt, wo all diese Schwierigkeiten in seiner Liebe aufgelöst werden.

Damit die Ehe vor solchem Unheil verschont bleibt, braucht es eine Einbindung in das christliche Leben. Jeder der Eheleute muss ein Gebetsleben führen, um seinen eigenen Verpflichtungen treu zu bleiben. Messbesuch, Empfang des Bußsakramentes und regelmäßiger tiefer Kontakt zu Jesus sind Bedingungen dafür, dass jeder aus den Standesgnaden leben kann, die ihm gegeben worden sind. Viele Ehen zerbrechen daran, dass man glaubt, das Sakrament habe einen Automatismus in sich: Einmal vor dem Altar getraut, bliebe die Ehe immer unversehrt. Die Ehe ist ein Geschenk, das mit Christus gelebt werden will. Deshalb sollen die Eheleute vor allem ein gemeinsames Gebetsleben führen, das hilft in Schwierigkeiten das Gewissen zu erforschen, einander zu verzeihen und in Liebe neu anzunehmen. Es ist so wichtig, dass in der Familie gebetet wird.

Die Ehe ist in ihrer Fruchtbarkeit auszuweiten auf die Familie hin. Die Eheleute sind gerufen, Kinder in die Welt zu setzen und eine Familie zu bilden. Wenn sie das tun, wird ihre Ehe mit Segen beschenkt werden. Tun sie es nicht, wird das, was vor Gott sein soll, gleichsam begrenzt. Künstliche Geburtenregelung ist daher keine Lösung, die Ehe zu leben. Die Kirche erlaubt aus ernsthaften Gründen natürliche Familienplanung, aber die Offenheit für das Leben ist eines der größten Geschenke der Familie.

Die Ehe ist ein großes Geschenk auch für die Kirche, wo sie einen besonderen Platz hat. Die Familien sind Bausteine, ohne die die Kirche nicht bestehen könnte. In der Gesellschaft ist die Familie der Zentralbaustein, der alles stabil hält und auch in der Zukunft auf Verbesserung und Erneuerung hoffen lässt. Deswegen muss die Ehe als etwas Positives gesehen werden – nicht nur aufgrund der ehelichen Liebe, die zum unauflöslichen Bund durch den Ehekonsens wird, sondern weil in ihr Christus gegenwärtig ist und in dem, was die Eheleute einander zeigen, ihnen selber den Weg weist für einen Aufbau der Familie und der Gesellschaft.

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