Umstrittener Aufsatz

Spanien: Bischöfe tadeln Bioethik-Institut

Würzburg (DT) Die Auseinandersetzung um die Liberalisierung des Abtreibungsgesetzes in Spanien hat auch katholische Wissenschaftler erfasst. Die Tarragonesische Bischofskonferenz (ihr gehören die Hirten der Bistümer Tarragona, Girona, Lleida, Tortosa, Vic, Urgell und Solsona an) verurteilte in einer gemeinsamen Erklärung eine einschlägige Stellungnahme des Borja-Instituts für Bioethik (IBB). Das Institut, in dem mehrere Jesuiten tätig sind, ist der Privatuniversität Ramon Llull in Barcelona angegliedert. Diese strebt nach eigenen Angaben eine „Ausbildung auf der Grundlage des christlichen Menschenbildes“ an.

Im Oktober hatten Wissenschaftler des IBB in der Zeitschrift „Bioetica & debat“ den Artikel „Überlegungen zum menschlichen Embryo“ veröffentlicht, der nach Angaben des Instituts als Orientierungshilfe gedacht ist. Darin heißt es, die neue Fristenregelung „sei als eine juristische Antwort auf die gegenwärtige Situation zu verstehen, die von der spanischen Gesellschaft toleriert wird“. Die Verfasser kritisieren mit Blick auf das geltende Abtreibungsgesetz aus dem Jahr 1985 zwar die laxe Praxis, aufgrund derer sich Frauen ohne genauere Prüfung auf die Indikation Gefährdung der psychischen und physischen Gesundheit der Mutter berufen, um Ungeborene straffrei zu töten. Für den konsequenten Schutz des Embryos in allen Lebensphasen sprechen sich die Verfasser jedoch nicht aus, sondern befürworten lediglich die zwölfte Schwangerschaftswoche als gesetzliche Frist für straffreie Abtreibungen.

Der Gesetzentwurf, über den das spanische Parlament in dieser Woche berät, sieht vor, dass die Tötung Ungeborener bis zur 14. Woche straffrei bleiben soll, bei gesundheitlichen Gefahren für die Frau oder schweren Missbildungen des Kindes auch bis zur 22. Woche. Sogar nach der 23. Woche sollen Abtreibungen mit ärztlicher Billigung möglich sein. Schwangerschaftsabbrüche sollen in Spanien zudem künftig kostenlos durchgeführt werden.

Der von dem Präsidenten des Instituts Pater Francesc Abel SJ mitverfasste und unterzeichnete Beitrag wurde von der Öffentlichkeit als erster öffentlicher Schulterschluss katholischer Wissenschaftler mit der sozialistischen Regierung gewertet. In den Medien schlug die Positionierung der „ersten christlichen Einrichtung, die Verständnis für das neue Abtreibungsgesetz hat“ (La Vanguardia) ein wie eine Bombe. Der Topos vom christlichen Bioethik-Institut, das Verständnis für die Zulassung der Abtreibung vor der zwölften Woche habe, prägte die Berichterstattung.

Toleranz am falschen Ort, urteilen die Bischöfe der Kirchenprovinz Tarragon. In ihrer Erklärung unterstreichen sie ihre Pflicht, deutlich zu machen, dass die in dem IBB-Dokument geäußerten „Meinungen“ weder mit der kirchlichen Lehre vereinbar sind noch mit der Verteidigung des fundamentalen Rechtes wie des Rechtes auf Leben. Indem das Dokument „die ethische und juristische Legitimität der Abtreibung zugestehe, widerspreche es dem grundlegenden Prinzip der kirchlichen Lehre, demzufolge die Würde jedes menschlichen Lebens in jedem Fall zu achten und zu verteidigen sei.

Die Anfang November veröffentlichten Zahlen des spanischen Gesundheitsministeriums sprechen eine eindeutige Sprache: 115 812 Frauen haben im vergangenen Jahr in Spanien ein Kind abtreiben lassen, mehr als je zuvor. Mit einer Zunahme von 3,27 Prozent im Vergleich zum Vorjahr verzeichnet die iberische Halbinsel den höchsten Zuwachs an Schwangerschaftsabbrüchen in der Europäischen Union. Von den Frauen, die 2008 in Spanien abtreiben ließen, war die Hälfte zwischen 20 und 24 Jahren alt. 23 Prozent aller Frauen, die eine Abtreibung durchführen ließen, hatte bereits einen Schwangerschaftsabbruch hinter sich, 68 Prozent aller Betroffenen waren ledige Mütter. Auffallend hoch ist der Anteil der Einwanderinnen: 45 Prozent der Frauen, die sich gegen ihr Kind entschieden, stammte nicht aus Spanien. Mit Blick auf 15 000 Abtreibungen bei Teenagern kritisieren Lebensschützer und Kommentatoren das Scheitern der Aufklärungskampagnen der Regierung. Abtreibung sei in Spanien zum Verhütungsmittel geworden. Der Präsident des Instituts für Familienpolitik, Eduardo Hertfelder, rechnet mit einem weiteren drastischen Anstieg der Schwangerschaftsabbrüche in Spanien, falls die sozialistische Regierung ihren Gesetzesentwurf zur Liberalisierung der Abtreibung durchsetzt. Dieser sieht vor, dass Minderjährige ab 16 Jahren ohne Zustimmung ihrer Eltern abtreiben dürfen. Auch unter Anhänger der regierenden Sozialistischen Arbeiterpartei PSOE ist das Gesetz aus diesem Grund umstritten.

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