Trüffelsuche im Reich der Soziologen

Wer Interessantes erfahren will, muss tief graben: Eine Analyse der Ergebnisse des zweiten „Religionsmonitors“ der Bertelsmann-Stiftung. Von Andreas Püttmann
Foto: dpa | Wo Beten in der Öffentlichkeit noch selbstverständlich zum Leben gehört. Die Vereinigten Staaten – die Aufnahme entstand während einer Abschlussfeier der US-Marineschule – liegen hier ganz vorne.
Foto: dpa | Wo Beten in der Öffentlichkeit noch selbstverständlich zum Leben gehört. Die Vereinigten Staaten – die Aufnahme entstand während einer Abschlussfeier der US-Marineschule – liegen hier ganz vorne.

Wenn Historiker dereinst den religiös-kulturellen Niedergang des „christlichen Abendlandes“ analysieren müssen, wird es ihnen an Daten, die den Prozess transparent machen, nicht fehlen. Dafür sorgt, neben einzelnen Projekten im universitären Bereich, seit einem halben Jahrhundert die solide Allensbacher Religions- und Werteforschung. Ihrer bedient sich seit den 90er Jahren auch der „MDG-Trendmonitor“ der katholischen Kirche, 2010 erstmals ergänzt durch Milieudifferenzierungen von „Sinus Sociovision“.

Mit dem „Religionsmonitor 2008“ der Bertelsmann-Stiftung weitete sich die Perspektive ins Internationale und Religionsübergreifende – mit Folgen für die sprachliche Präzision. So monierte der damalige EKD-Ratsvorsitzende Wolfgang Huber: Konfessionslose, die am Heiligen Abend zur Christvesper gingen, kämen womöglich nicht auf die Idee, damit bereits „an spirituellen Ritualen oder religiösen Handlungen“ teilgenommen zu haben. Konzeptionell erschien auch fragwürdig, dass der Religionsmonitor 70 Prozent der Deutschen als „religiös“ oder „hochreligiös“ (18 Prozent) identifizierte, wo sich doch bei Allensbacher Umfragen regelmäßig nur rund 45 Prozent der Deutschen als „religiöser Mensch“ bezeichnen.

Die Differenz erklärt sich damit, dass die Bertelsmann-Experten bereits eine Kirchgangsfrequenz von „einmal im Monat“ als „hohe Intensität“ öffentlicher religiöser Praxis werteten und über die „Dimension Intellekt“ auch interessierten Atheisten mit Glaubenswissen Religiositätspunkte gaben. Bei der „privaten religiösen Praxis“ wurden meditierende Gottesleugner mit frommen Schwestern von der ewigen Anbetung kategorial zwangsvereinigt. Über die Dimension „religiöse Erfahrung“ gingen auch Gefühle wie „Geborgenheit“, „Freude“, „Schuld“, „Angst“ und „Liebe“ in die Rechnung ein. Kein Wunder, dass bei einem derart expansiv-diffusen Religionsbegriff selbst ein Drittel der Bekenntnislosen im Topf „hochreligiös“ oder „religiös“ landeten.

Naive Kirchenvertreter frohlockten jedoch ob ihrer unverhofft bestätigten gesellschaftlichen Relevanz. Sie merkten gar nicht, dass sie sich durch das Hantieren mit überhöhten Religiositäts-Prozentsätzen den Schwarzen Peter einhandelten: Bei einer so großen Nachfrage konnten die leeren Kirchenbänke nur durch ein Angebotsproblem verursacht worden sein. Am Ende war also wieder „Gottes Bodenpersonal“ schuld. Das Volk habe ja immer Recht, haben wir demokratisch verinnerlicht. Entsprechend tritt der Mainstream des Kirchenvolks begehrend auf.

Jüngst ist der zweite „Religionsmonitor“ erschienen, in der fragwürdigen Grundkonzeption unverändert, außer dass „religiös“ zu „mittelreligiös“ abgerüstet wurde. Und er hat abgespeckt: Statt eines Sammelbandes von 285 Seiten mit Kommentaren von (Kirchen-)Prominenten wie 2008, erschienen zwei „luftig“ gestaltete, großformatige Broschüren von 73 und 53 Seiten, die erste zu „Religiosität und Zusammenhalt in Deutschland“, die zweite zur „Religiosität im internationalen Vergleich“. Statt 21 000 Personen aus 21 Ländern beantworteten jetzt nur 14 000 aus dreizehn Ländern die hundert Fragen. Allerdings sollen Analysen zu einzelnen Ländern und spezifischen Fragestellungen folgen. Autoren sind die Religionssoziologen Detlef Pollack und Olaf Müller (Münster) für die nationale und Gert Pickel (Leipzig) für die internationale Erstauswertung. Die Länderauswahl wird vage mit der „Vergleichbarkeit“ begründet. Deutschland, Großbritannien, Schweden, die Schweiz, Frankreich, Spanien, Kanada und die USA bildeten die „wesentliche Vergleichsgruppe“. Die orthodox geprägten Nationen müssen ebenso draußen bleiben wie die katholischen Bastionen Italien oder Polen. Warum bleibt unklar. Die Türkei und Israel seien aus deutscher, Brasilien, Indien und Südkorea „aus globaler Perspektive besonders interessant“. Osteuropa wie Afrika offensichtlich nicht.

Dass „die ,Leuchttürme‘ hoher Religiosität mittlerweile weitgehend aus Europa in andere Gebiete der Welt abgewandert“ und religiöse „Abbruchprozesse maßgeblich in den Übergängen von der einen auf die andere Generation zu suchen“ sind, überrascht ebenso wenig wie das konfessionelle Muster: Muslime, Katholiken, Evangelikale und Pfingstler weisen „eine höhere Religiosität auf als lutherische, unierte oder reformierte Protestanten“; „Länder mit einer protestantischen Kulturgeschichte scheinen einen beträchtlichen Weg der Säkularisierung hinter sich gebracht zu haben“.

Alles seit Jahrzehnten bekannt. Die EKD gab gerade wieder ein eindrückliches Beispiel in Sachen Ehe und Familie. Wo die normative Kraft des Faktischen Schrift und Lehrtradition verdrängt, darf man ruhig von „Selbstsäkularisierung“ sprechen. Eine Talkshow zur „schweren Krise der evangelischen Kirche“ wird man dennoch nicht erleben. Darauf ist, obwohl stabiler, die katholische abonniert. Dass Religion bei den Europäern „in ihrer Wertigkeit mittlerweile deutlich hinter Familie, Arbeit und Freizeit als Lebensinhalt angesiedelt“, also von „nachgeordneter Bedeutung“ ist – wen überrascht es? Dass Modernisierung, Rationalisierung, Wohlstand, Mobilität, Bildungsexpansion, Demokratisierung, Pluralisierung, Individualisierung und Optionsvielfalt die Säkularisierung vorantreiben, weil man den lieben Gott scheinbar nicht mehr braucht oder als menschliche „Projektion“ durchschaut und das „bessere Leben im Jenseits“ ins Diesseitige vorverlegt hat, und weil mit den sozialen Bindungen auch die kirchlichen gelockert wurden: All das hat jeder schon gelesen oder selbst gedacht.

Man muss schon ins Detail gehen, um wirklich Interessantes aus den Befunden herauszufiltern: Etwa dass die Schweden sich persönlich fast ebenso oft als „nicht oder wenig religiös“ (70 Prozent) einschätzen wie die Ostdeutschen, ganz ohne atheistische Diktatur, aber mit gleicher Konfession. Dass die Ostdeutschen aber mit 27 Prozent häufiger als Westdeutsche (20 Prozent) meinen: „Führende Vertreter der Religionen sollten auf die Entscheidungen der Regierung Einfluss nehmen“. Da dürften Vertrauen und Dankbarkeit für die kirchliche Rolle in der friedlichen DDR-Revolution zum Ausdruck kommen. Dass europäische Evangelikale und Pfingstler in weit höherem Prozentsatz (70 Prozent) hochreligiös sind als Schiiten und Sunniten (50 Prozent) und Katholiken (30 Prozent), dürfte ihr Gewicht im Protestantismus langfristig steigen lassen. Zu Freikirchen gehören 1, 8 Prozent der Deutschen.

Wer hätte gedacht, dass die angeblich zu 55 Prozent hochreligiösen und zu fast 100 Prozent religiösen Türken in der Gebetshäufigkeit weit hinter den US-Amerikanern, knapp hinter den Kanadiern und nur knapp vor Spaniern und Schweizern liegen? Die Kluft zwischen bekundetem und gelebtem muslimischem Glauben macht den Widerstand gegen Islamisierungsprogramme wie das Erdogans oder Mursis plausibel. Bemerkenswert auch, dass „die Angehörigen des Islam ein relativ geringes Freiwilligenengagement“ aufweisen und dass ihr zwischenmenschliches Vertrauen „vergleichsweise schwach ausgeprägt ist“.

Dass die älteren Spanier (45+) religiöser als ihre deutschen Altersgenossen sind, sich dies bei den 16–29-Jährigen aber umgekehrt hat, spiegelt einen Säkularisierungsschub in Spanien wider, vor dessen Hintergrund die Kulturkampf-Politik des früheren Ministerpräsidenten Zapatero weniger verwundern mag. Dass unter den sechs europäischen Ländern die Deutschen am häufigsten die atheistische Weltanschauung als „bedrohlich“ wahrnehmen (30 Prozent), weniger als andere Völker aber das Christentum fürchten (16 Prozent), dürfte ein Reflex auf die verheerende Wirkung zweier atheistischer Diktaturen sein. So erklärt sich der Erfolg mehrerer Bücher der letzten Jahre, die eine Verteidigung der Religion von ihren Früchten im sozialen Leben her unternahmen. Diese Früchte sind auch im neuen „Religionsmonitor“ zu besichtigen, der betont, dass „neben der gewissermaßen ,infrastrukturellen‘ Leistung der Kirchen für den Aufbau und Ausbau von Zivilgesellschaft und Sozialkapital auch der genuin religiöse Beitrag zu würdigen“ sei. Religiöse Menschen neigten stärker dazu, anderen Menschen in ihrem Umfeld zu helfen und sich um sie zu kümmern, wie übrigens auch um Natur und Umwelt. Dagegen sind Materialismus („reich sein und teure Dinge besitzen“), Hedonismus („Spaß haben und sich was gönnen“) und Erlebnishunger („Abenteuer und aufregendes Leben“) bei Religiösen unterdurchschnittlich ausgeprägt.

Entsprechend „zeigt sich weltweit ein recht hohes Vertrauen in religiöse Menschen“. Für Deutschland konstatieren Pollack und Müller jedoch: „49 Prozent aller Befragten sagen, dass sie religiösen Menschen vertrauen. Das zwischenmenschliche Vertrauen allgemein liegt indes bei 63 Prozent. Selbst die Hochreligiösen haben mehr Vertrauen in andere Menschen allgemein (75 Prozent) als in religiöse Personen (69 Prozent). Es ist schwach, dass die Autoren „diesen überraschenden Befund“ nicht wenigstens zu erklären versuchen – vielleicht mit dem heutigen Klischee hochreligiöser Menschen im Film? –, und ärgerlich, dass der Widerspruch zwischen den Auswertungen von Pollack und Pickel ignoriert wird. Wenn man die Untersuchung schon in zwei Berichte aufteilt, dann sollte zwischen diesen wenigstens ein Abgleich erfolgen.

Der wäre übrigens auch bei anderen Studien hilfreich, etwa jener von Tom Smith: „Beliefs about God across Time and Countries“ (Chicago 2012), die auf Umfragen in 30 Ländern in den Jahren 1991, 1998 und 2008 beruht. Sie stellte fest, dass sich religiöse Biografien häufiger vom Glauben zum Atheismus entwickeln als umgekehrt. Im Religionsmonitor erfährt man dagegen nur, dass „sich nicht ausschließen lässt, dass Menschen mit zunehmendem Alter religiöser werden (ein sogenannter Lebenszykluseffekt)“. Man findet die Chicagoer Studie, wie auch den MDG-Trendmonitor, nicht mal in seinen Literaturhinweisen, die dafür umso mehr Pickel- und Pollack-Titel enthalten.

Christliche Gläubige selbst bringen ein höheres Vertrauen in Mitmenschen in die Gesellschaft ein, nicht nur in Mitglieder der eigenen Kultur und Sozialgruppe. Damit generieren sie sogenanntes „Bridging Social Capital“, was sich „insgesamt auch hinsichtlich der Offenheit gegenüber Zuwanderern positiv auswirkt“. In den meisten Ländern findet auch die Demokratie bei religiösen Bürgern mehr Zustimmung als „gute Regierungsform“ denn bei Nichtreligiösen. Signifikant umgekehrt ist dies nur in der Türkei und in Frankreich. Muslime in den europäischen Staaten liegen bei der Zustimmung „voll und ganz“ um sieben bis acht Prozent unter den Zustimmungswerten von Kirchenmitgliedern. Dass Autor Pickel unter einer Grafik, die bei einem Fünftel der Spanier eine Wahrnehmung des Christentums als „bedrohlich“ zeigt, den islamistischen Terroranschlag von Madrid als ursächliches Ereignis für einen „Bezug zwischen Konflikt und Religion“ anführt, ist ein logischer Kurzschluss. Ebenso irritierend die Abwertung „religiöser Dogmatiker“, die „eine Exklusivität der eigenen Religion hinsichtlich der Antworten auf religiöse Fragen sowie der Heilserlangung zu erkennen glauben“. Ein exklusiver Wahrheitsanspruch macht eine Religion noch lange nicht sozial unverträglich. Ausgerechnet im Religionsmonitor 2008 hätte Pickel auf Seite 38 nachlesen können: „63 Prozent derjenigen, die einen exklusiven Glauben hegen, sind dazu bereit, ihn etwas zu hinterfragen; jeder Vierte von ihnen tut dies sogar in einem hohen Maß“; deshalb „müssen sich Reflexivität und Positionalität nicht wechselseitig ausschließen“. Wenn zudem 90 Prozent der deutschen Hochreligiösen der Aussage zustimmten, jede Religion habe „einen wahren Kern“ und „man sollte gegenüber allen Religionen offen sein“, dann spreche dies dafür, dass hohe Religiosität „nicht mit religiöser Intoleranz einhergehen muss“.

Der Gesamteindruck vom Religionsmonitor 2013 ist also „durchwachsen“. Neben viel Altbekanntem und einigem Interessanten gibt es Redundanzen und Widersprüche zwischen den Teilbänden sowie einen Mangel an Bezügen zu anderen Studien. Ein dialogisch-kooperatives Wissenschaftsideal wird damit verfehlt. Von Universitätsprofessoren als Autoren sollte man eigentlich mehr erwarten dürfen.

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