Trommeln für den Patriarchen

Nazareths kleiner werdende christliche Herde feiert das Hochfest der Verkündigung trotz islamischer Provokationen. Von Oliver Maksan
Foto: KNA | Die Verkündigungsbasilika in Nazareth.
Foto: KNA | Die Verkündigungsbasilika in Nazareth.

Nazareth (DT) Der Krach der Pauken und Dudelsäcke ist ohrenbetäubend: Nazareths katholische Pfadfinderjugend ist angetreten, den Lateinischen Patriarchen zu begrüßen. Der kommt am Samstag Nachmittag aus dem 150 Straßenkilometer entfernten Jerusalem in großer Kolonne angerauscht. Die Türen des Wagens mit der Standarte fliegen auf: Der oberste Hirt der römischen Katholiken im Heiligen Land entsteigt in Spitze und prangendem Violett. Applaus, Ringküsse, Fotos mit den örtlichen Honoratioren. Die Bischöfe und Patriarchen der Christen des Nahen Ostens sind auch lange nach dem Untergang des Osmanischen Reichs mehr als nur kirchliche Hirten, sie sind noch immer Führer ihrer Völker in einer Gegend der Welt, wo Religionsgrenzen kaum überwindbare soziale Hürden darstellen. Patriarch Fouad Twal ist gekommen, mit den Gläubigen anderntags das Hochfest der Verkündigung Christi zu feiern. Nazareth hütet schließlich in einem prachtvollen Schrein die Stelle, wo der Erzengel der Jungfrau vor über 2000 Jahren große Freude verkündete: Mutter ihres Herrn zu werden.

Etwa 65 000 Menschen leben derzeit hier. Die Stadt in Galiläa ist die arabischste aller Städte Israels. Stellten die Christen – vor allem Katholiken und Orthodoxe – einst die Mehrheit, so machen sie heute nur noch etwa ein Drittel der Bewohner aus: Tendenz fallend. Gerade deswegen haut die Jugend auf die Pauke, zu zeigen: Wir sind noch da. Schnell formiert sich eine Prozession zur Verkündigungsbasilika. Anfangs ist nicht ganz sicher, ob beide Spuren der Straße zur Verfügung stehen. Die Unklarheit ist schnell beseitigt, und der Corso nimmt rasch auch die andere Seite in Besitz. Freiwillig wollen Nazareths Katholiken keinen Fußbreit dessen abgeben, was ihnen zusteht.

Das Heilige Land kennt keine Vakuen. Die Glocken der Kirche überschlagen sich derweil. Es geht vorbei an Devotionalienläden und Falafelständen. Mächtig zeichnet sich die Kuppel der Basilika gegen den strahlenden Frühlingstag ab. Der 1969 vollendete moderne Sakralbau – in diesem Fall kein Widerspruch – ist das größte christliche Gotteshaus des Nahen Ostens.

Bevor der Zug aber feierlichen Schrittes in die Basilika einbiegen kann, muss er vorbei an Plakaten und Bannern, die seit vergangenem Jahr nicht nur die einheimischen Christen beleidigen. In englischer Sprache – auch die vielen Besucher aus aller Welt sollen schließlich erkennen, welchem gottlosen Irrtum sie anhängen – wird der Koran zitiert: „Wer immer eine andere Religion als den Islam sucht, es wird niemals akzeptiert werden, und im Jenseits wird er einer der Verlierer sein.“

Andere Plakate klären mit dem Koran darüber auf, dass Jesus nicht der Sohn Gottes sein könne, weil Allah nicht gezeugt sei noch zeuge. Jesus gleiche Adam darin, dass auch er sich Allahs Schöpferbefehl verdanke: Sei. Er könne deshalb nicht auf einer Stufe mit dem Schöpfer stehen. Urheber dieser Provokationen ist eine teilweise ortsfremde islamische Gemeinschaft, die seit Jahren die Konfrontation mit den Christen sucht. Direkt neben dem katholischen Heiligtum ruft ihr Muezzin mehrmals täglich über mehrere starke Lautsprecher in ein Viertel hinein, in dem es kaum Moslems gibt und wo mit der Weißen Moschee schon seit Jahrhunderten ein islamisches Gotteshaus steht. Die Botschaft der Salafisten ist klar: Der Islam rückt vor.

Um das Heilige Jahr 2000 steuerte Nazareth auf einen handfesten Kulturkampf zu, als direkt neben der Verkündigungsbasilika auf öffentlichem Grund eine Moschee errichtet werden sollte. Der Grundstein wurde gelegt. Selbst Arafat schritt dagegen ein. Die israelische Regierung Barak hatte 1999 jedoch die Genehmigung erteilt, die allerdings selbst schon ein Kompromiss war: Die ursprünglichen Pläne der Moslemgruppe „Islamische Bewegung“ sahen einen viel größeren Bau vor. Das Lateinische Patriarchat verurteilte die Konzession seinerzeit dennoch als Versuch Israels, die arabische Bevölkerung entlang der Religionsgrenzen zu spalten. 2003 besann sich die Regierung eines besseren und verbot nach einem Gerichtsbeschluss den Bau. Bagger beseitigten die gelegten Fundamente.

Auch Druck der Bush-Regierung soll eine Rolle gespielt haben. Seit letztem Jahr hängen nun ständig die Plakate. In den Jahren zuvor waren sie immer wieder abgenommen worden. Schon der Besuch Papst Benedikts XVI. 2009 ist davon überschattet worden. Die Stadt, deren Bürgermeister Christ ist, will derweil nicht auf die von den Islamisten gesuchte Konfrontation eingehen und billigt dies als Ausdruck der Meinungsfreiheit. Damit will sich Patriarch Twal nicht abfinden. Unter dem donnernden Applaus der bis auf den letzten Platz besetzten Basilika rief er am Sonntag in seiner Predigt zum Hochfest zur Beseitigung der Parolen auf. Auch sein in Nazareth ansässiger Vikar für Israel, Weihbischof Marcuzzo, hat dies schon verschiedene Male gefordert. Bislang vergeblich.

Ein Franziskanerpater, der im Umland Nazareths Seelsorger ist und ungenannt bleiben will, sieht eine islamische Strategie am Werk. „Die Fanatiker, die sicher eine Minderheit sind, aber eine gut organisierte, dulden keine islamfreien Räume. Das machen sie so in Jerusalem, wo sie mitten ins christliche Viertel der Altstadt eine Moschee gebaut haben, und das haben sie auch hier versucht. Wir Christen müssen aufpassen. Jesus hat seinen Jüngern aufgetragen, friedlich wie die Tauben, aber listig wie die Schlange zu sein. Wir sind oft nur wie die Tauben.“

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