Tore zum Absoluten

Viel Gespür für die Fragen der Gegenwart: Peter Schallenberg beleuchtet Wege zum Glauben. Von Monika Metternich

Glauben als Bastelbausatz mit Versatzstücken diverser Religionen, Weltanschauungen und Esoteriken erscheint heute durchaus auf der Höhe der Zeit. Sobald aber Natur- oder sonstige Katastrophen auftreten, tritt die Frage nach Gott auch seitens Soft- und Ungläubiger wieder in alter Schärfe auf: Was ist das für ein Gott, der solches zulässt? Gleichzeitig ist auf zahlreichen Bussen in verschiedenen Ländern zu lesen: „Es gibt wahrscheinlich keinen Gott. Jetzt hör auf, dich zu sorgen und genieße dein Leben!“ Einerseits wird ganz selbstverständlich Sicherheit und Schutz seitens einer göttlichen Entität erwartet, andererseits scheint der einzige Gott, dem zugetraut wird, Letzteres zu garantieren, vielen als erheblich spaßbremsendes Konstrukt. Genau zum richtigen Zeitpunkt fragt also der Moraltheologe Peter Schallenberg in seinem gerade im St. Ulrich Verlag erschienenen Buch: „Wer ist Gott – und was machen wir, wenn es ihn gibt?“. Seine Antworten kommen modern daher, drücken sich nicht vor schwierigen Sachverhalten und sind frei vom Ballast einer theologischen Fremdsprache.

Die Frage nach dem letzten Sinn

Im ersten Teil seines Buches nimmt Schallenberg eine heute wieder hochaktuelle Frage auf, die auch in vielen Internetforen kontrovers diskutiert wird: „Moralisch leben ohne Gott?“ Wissenschaftlich lösbar ist die Gottesfrage nicht, aber sie ist hinterfragbar: Bringt es eigentlich etwas, an Gott zu glauben? Die Antwort von Atheisten wie Richard Dawkins, der die erwähnte Busaktion in England organisierte, ist eindeutig negativ. Das Dasein mache mehr Spaß, wenn es keinen Gott gebe, der scheinbar alles verbiete, was dem Leben Würze verschaffe und nicht mehr „bringe“ als ein permanent schlechtes Gewissen für die Gläubigen. Aber „die Abschaffung Gottes oder der Verzicht auf seine Wahrscheinlichkeit lässt den Menschen ja keineswegs fraglos und sorgenfrei zurück“, konstatiert Schallenberg. Er habe zwar zunächst „in der Tat eine Sorge weniger, nämlich die Frage nach dem letzten Sinn. Aber er hat zugleich eine Frage mehr, nämlich: Wozu sollte das Genießen des Lebens gut sein?“ Auch Werte wie „Familie, Freundschaft, Beruf, Freizeit, Sport und Geld“ vermögen aus sich heraus keine Antwort auf dieses „Wozu?“ zu geben. Schallenberg zeigt auf, dass selbst wichtigste Werte von ihrem Anspruch her nichts Letztes sind, sondern höchstens dazu dienen, sich einem Absoluten anzunähern. In anschaulichen Unterkapiteln beleuchtet der Autor von allen Seiten, immer kritisch hinterfragend, wo es Antwort gibt: „In Jesus Christus wird der Mensch, wie Gott ihn gemeint und gedacht hat, dem Menschen offenbar.“

In seinem zweiten Teil „Warum es besser ist, von der Existenz Gottes auszugehen“ konkretisiert Schallenberg diesen Gedanken: „Ist der Mensch innerlich auf Gott ausgerichtet, so wird auch sein Verhältnis zur Welt und zum Mitmenschen richtig und gut sein können.“ Unglauben und Leugnung Gottes könnten daher nicht Gott abschaffen, sondern vielmehr den Menschen selbst. Schallenberg arbeitet mit großem Gespür für die Fragen unserer Zeit heraus, wie Christologie sich zur Ethik wandelt. In dem exemplarischen Menschen wird ganz konkret, welche Konsequenzen die Liebe fordert – nicht etwa schulmeisterlich, sondern nach dem Maßstab der Liebe. „,Und was machen wir, wenn es ihn gibt?“ geriert so zu einer Antwort nicht des oberflächlichen Heischens nach Glück, sondern des umfassenden Heils, das nicht einmal in der Katastrophe des Todes eine Grenze findet.

Der dritte Teil „Ich glaube an Gott – moralische Konsequenzen“ steht daher nicht unter dem Prätext des Spaßverderbens, sondern eines Glücksbegriffs, der ungleich tiefer geht als sein utilitaristisches Pendant: „Wenn an Gott geglaubt wird, wird der Mensch besser verstanden und er kann selbst im eigenen Leben besser denken und handeln.“ Am christlichen Credo entlang geht Schallenberg nun ganz konkret der Frage nach, wie der Gott ist, an den wir Christen glauben und aus dem heraus wir nicht nur überleben, sondern gut leben dürfen. Freiheit und Macht, Freiheit und Liebe, die Logik des Anfangs – wie ein anspruchsvolles Puzzle von großer Schönheit wird das Bild des Schöpfers ganz plastisch sichtbar: „Gott offenbart sich und macht sich erkennbar in der zweiten göttlichen Person, in Jesus Christus. Und er macht sich erkennbar als Gott, der heilt und der gut macht, was der Mensch schlecht gemacht hat.“ Aber warum bedarf der Mensch der Heilung von Gott her? Ist und bleibt er nicht von Natur aus „homo homini lupus“, des Menschen Wolf, wie Thomas Hobbes einst bitter resümierte? Von dem biblischen Postulat „Gott ist Liebe“ aus gesehen, kann die Antwort nun lauten: „Gerettet werden muss der Mensch nicht so sehr von der Bedrohung durch den Mitmenschen, sondern durch die Bedrohung im eigenen Herzen, nämlich das schleichende Unvermögen zu wahrer und treuer Liebe. Dieses Unvermögen zu heilen ist nur Gott in der Lage.“ Wie Liebe, die nicht aus dem subjektiven Ungefähren, sondern von Gott kommt, im konkreten menschlichen Handeln wieder auf diesen Ursprung zielt, zeigt Schallenberg entlang des christlichen Glaubensbekenntnisses auf.

Christliche Ethik wieder entdecken

Ansprechend für den fragenden Menschen – und auch geeignet zum Wiederentdecken einer christlichen Ethik, die gerade heute von hoher Attraktivität sein könnte. Die klare, unprätentiöse Sprache des Autors und seine interessant und aktuell gewählten Beispiele, die spannend ausgesuchten Zitate und vor allem seine Offenheit gegenüber den tiefen, auch kontroversen Fragen, welche nach wie vor unter dem dünnen Firnis eines scheinbaren „anything goes“ echte Antworten einfordern, machen das Buch zu einem Muss der Glaubensverkündung. „Wer ist Gott – und was machen wir, wenn es ihn gibt?“ ist ein Geschenk für Eltern, die ihren aufgeweckten Kindern Rede und Antwort stehen wollen. Ein Buch, das aufgrund seiner klaren, modernen Sprache besonders auch gescheite Jugendliche ansprechen könnte und das man allen Katecheten zur Unterstützung ihrer anspruchsvollen Aufgabe nur wünschen möchte.

Peter Schallenberg: Wer ist Gott und was machen wir wenn es ihn gibt? St. Ulrich Verlag, Augsburg, 2010, gebunden, ISBN 978-3-86744-129-2, EUR 17,90

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