Tagesheiliger: 8. September: Der selige Friedrich Ozanam

Von Claudia Kock
Foto: IN | Der selige Friedrich Ozanam.
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Die Vinzenzgemeinschaften, denen weltweit über eine Million Menschen angehören, sind die größte ehrenamtliche Laienorganisation der Welt. Sie setzen sich überall dort ein, wo Menschen materielle oder spirituelle Armut und Not leiden: für hungernde Kinder und Aidskranke in Afrika ebenso wie für Flüchtlinge, Opfer von Terroranschlägen oder einsame alte Menschen in den Großstädten. Die erste Vinzenzkonferenz, wie die örtlichen Gemeinschaften genannt werden, wurde 1833 von dem Studenten Friedrich Ozanam ins Leben gerufen. Er wurde von Papst Johannes Paul II. auf dem Weltjugendtag 1997 in Paris seliggesprochen.

Friedrich Ozanam stammte aus einer angesehenen Akademikerfamilie, die in Lyon ansässig war; sein Urgroßvater Jaques Ozanam war ein bekannter Mathematiker. Die Familie war jüdischen Ursprungs und seit einigen Generationen zum Katholizismus konvertiert. Das Glaubensleben wurde in der Familie Ozanam sehr ernst genommen. Friedrichs Vater Antoine wurde als „Armenarzt“ bezeichnet, da er als Mediziner mittellose Menschen oft ohne Bezahlung behandelte. Auch der am 23. April 1813 in Mailand geborene Friedrich schlug die akademische Laufbahn ein, war bereits mit 23 Jahren promovierter Jurist und erwarb drei Jahre später einen zweiten Doktortitel in Literaturwissenschaft. Nach dem Studium lehrte er zunächst Handelsrecht in Lyon und wurde 1844 Professor für auswärtige Literatur an der Pariser Universität Sorbonne.

Als Jugendlicher war Friedrich Ozanam von den Entwicklungen des aufkommenden Industriezeitalters fasziniert; gleichzeitig stürzten sie ihn in eine Glaubenskrise, die er zu Beginn seines Universitätsstudiums durch den Einfluss von Abbé Joseph Mathias Noirot überwand. „Ich wurde durch die Vorlesungen eines Mannes gerettet“, schrieb Ozanam, „der gleichzeitig Priester und Philosoph war; er brachte Licht in meinen Verstand. Von diesem Zeitpunkt an war mein Glaube gefestigt, und von dieser Gnade berührt gelobte ich, meine Tage dem Dienst an jener Wahrheit zu widmen, die mir Frieden geschenkt hatte.“ Abbé Noirot wurde zu Ozanams engstem Vertrauten und Mentor; seiner Vermittlung ist auch seine glückliche Ehe mit Marie-Joséphine Soulacroix zu verdanken. Auf langen Spaziergängen durch die Außenbezirke von Lyon diskutierten Noirot und sein Lieblingsschüler Ozanam über Gott und die Welt. In den Arbeitervierteln wurde sich Ozanam dabei immer mehr der Schattenseiten der Industriellen Revolution bewusst: der Ausbeutung der Arbeiter und ihres menschlichen Elends.

Neben dem Studium begann Ozanam, journalistisch tätig zu werden. 1831 veröffentlichte er ein Pamphlet gegen den frühsozialistischen Denker Henri de Saint-Simon, dessen Anhänger die Idee einer Erneuerung des Christentums als eine Art „industrielle Religion“ propagierten. Saint-Simons Theorien stießen auch auf den Widerspruch des jungen Karl Marx und beeinflussten so das wenig später entstandene Kommunistische Manifest, das dieser zusammen mit Friedrich Engels verfasst hatte, der sich kurz zuvor in seinem Werk Die Lage der arbeitenden Klasse in England mit der Arbeiterfrage auseinandergesetzt hatte.

Während Marx und Engels sich von der Religion abwandten, die sie als „Opium des Volkes“ betrachteten, hatte Ozanam in einem christlichen Denker einen Weg entdeckt, um gegen das Elend der Zeit vorzugehen: im heiligen Vinzenz von Paul, der durch die Gründung eines karitativen Schwesternordens bereits 1617 den Grundstein für die späteren Caritas-Verbände gelegt hatte. Mit seinem Denken setzte Ozanam sich intensiv auseinander und gründete mit nur 20 Jahren in Lyon die erste Vinzenzkonferenz als Caritasbruderschaft im Geiste des heiligen Vinzenz von Paul.

Ozanam sah jedoch nicht nur die unmittelbar tätige Nächstenliebe als Kernpunkt des christlichen Lebens, sondern erkannte durch seine rechtswissenschaftlichen Studien auch, wo die tieferen Ursachen für das soziale Elend lagen. Er sah, dass die Struktur der Gesellschaft geheilt werden und persönliche Nächstenliebe durch staatliche Gesetze und Einrichtungen unterstützt werden muss, dass also „die Nächstenliebe dahin führen muss, sich dafür einzusetzen, Unrecht zu beseitigen. Nächstenliebe und Gerechtigkeit gehen Hand in Hand“, sagte Papst Johannes Paul II. bei Ozanams Seligsprechung. „Denn keine Gesellschaft darf das Elend als Schicksal hinnehmen“, fügte der Papst hinzu. „So kann man in ihm einen Vorläufer der Soziallehre der Kirche sehen, die Papst Leo XIII. einige Jahre später in der Enzyklika Rerum novarum entfalten wird.“

Friedrich Ozanam wurde zum Vordenker des modernen christlichen Sozialstaats und der Caritasarbeit. 1853 wurde er schwer krank und reiste nach Italien, wo er auf eine Linderung seiner Beschwerden hoffte. Auf dem Rückweg verstarb er in Marseille, wahrscheinlich an Nierenversagen. Er wurde nur 40 Jahre alt.

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