Tagesheilige: 8. Juni: Die heilige Melanie die Ältere

Von Claudia Kock

Im antiken Rom waren die politischen Rechte der Bürger an ihr Vermögen gekoppelt. Die Vermögensverhältnisse der einzelnen Familien wurden durch die Zensoren regelmäßig geschätzt: Je reicher eine Familie war, desto größer war ihr Ansehen und ihr politischer Einfluss. Die Familien versuchten daher, ihr Vermögen zusammenzuhalten und nach Möglichkeit zu mehren, und so wurde das Erbrecht zu einem zentralen Punkt innerhalb des römischen Rechtssystems. Daran anknüpfend erließ Kaiser Augustus seine Ehegesetze, die jeden Mann zwischen 25 und 60 und jede Frau zwischen 20 und 50 verpflichteten, verheiratet zu sein. Im Falle einer Ehescheidung oder nach dem Tod des Ehepartners wurde eine gewisse Übergangszeit zugestanden, danach war jedoch eine Wiederverheiratung obligatorisch. Wer unverheiratet blieb, wurde erbrechtlich stark benachteiligt und verlor sein Ansehen in der Gesellschaft. Auf diesem Hintergrund wird deutlich, wie revolutionär die christliche Lehre war, die die Wiederverheiratung nach einer Ehescheidung ausschloss und darüber hinaus die Möglichkeit der Ehelosigkeit „um des Himmelreichs willen“ vorsah. Zu den Personen, die im Spannungsfeld zwischen der gesellschaftlichen Norm der Zeit und ihrem christlichen Glauben lebten, gehört die heilige Melania die Ältere, deren Gedenktag die Kirche am 8. Juni feiert.

Melania wurde in der Mitte des vierten Jahrhunderts in der hochadligen Familie der Antonier geboren. Sie war eine Nachfahrin des berühmten Markus Antonius, des Verbündeten Caesars; ihr Großvater Antonius Marcellinus war im Jahr vor ihrer Geburt Konsul in Rom. Mit 16 Jahren heiratete sie Valerius Maximus, der um 360 Stadtpräfekt von Rom war. Melania gehörte zu den vermögendsten Frauen ihrer Zeit und war sehr gebildet. Als gläubige Christin befasste sie sich mit theologischen Fragen, insbesondere mit den Lehren des Origenes.

Ihr Glaube half Melania auch, den schweren Schicksalsschlag anzunehmen, der sie im Alter von etwa 22 Jahren ereilte, als ihr Mann und kurz darauf zwei ihrer drei Kinder plötzlich starben. „Wer hätte nicht erwartet, dass sie wie wahnsinnig, mit aufgelösten Haaren und zerrissenen Kleidern ihre wunde Brust zerfleischen würde?“, schrieb Hieronymus, der Melania und ihre Familie persönlich kannte. „Aber keine Träne perlte. Sie blieb unerschüttert und warf sich zu den Füßen Jesu Christi nieder. Wie wenn sie ihn in den Armen hielt, lächelte sie ihn an und sprach: ,Jetzt, o Herr, bin ich noch mehr frei geworden, um Dir dienen zu können, nachdem Du mir diese große Last abgenommen hast.‘“

Melania verzichtete daraufhin auf ihr gesamtes Vermögen, überließ ihren Sohn Valerius Publicola der Obhut der Familie und reiste in die ägyptische Wüste, um das Leben der Wüstenväter kennenzulernen. Danach ließ sie sich in Jerusalem nieder, wo sie zusammen mit Rufinus von Aquileia – dem Übersetzer von Origenes' Schriften ins Lateinische – ein Doppelkloster gründete. Auf dem Ölberg gibt es bis heute archäologische Überreste, die wahrscheinlich von diesem Kloster stammen.

In der Zwischenzeit heiratete Melanias Sohn und bekam eine Tochter, die nach ihrer Großmutter ebenfalls Melania genannt wurde. Schon mit 13 Jahren wurde sie mit Pinianus, dem Spross einer ebenso wohlhabenden Familie verheiratet, obwohl sie sich eigentlich zum asketischen Leben hingezogen fühlte. In Jerusalem erfuhr die ältere Melania „von den Lebensumständen der Enkelin; dass sie vermählt sei, doch der Welt entsagen wolle. Von Angst getrieben, sie möchten einer unseligen Häresie verfallen oder auf die Bahn eines schlechten Wandels geraten, bestieg die 60-Jährige ein Schiff und fuhr in 20 Tagen von Cäsarea nach Rom“, berichtet der spätantike Bischof Palladios in der „Historia Lausiaca“, in der er das Leben vieler der frühen Einsiedler und Asketen beschreibt. „Sie bestärkte die eigene Enkelin Melania und ihren Gatten Pinian, gab der eigenen Schwiegertochter Albina, der Gattin ihres Sohnes, heilsame Lehren, bewog all diese zum Verkauf der Besitztümer und führte sie fort aus Rom an eine Stätte, die mitten in der Welt einem sturmsicheren, stillen Hafen glich. Zugleich kämpfte sie gegen die Senatoren und vornehmen Frauen, die sie hindern wollten, auf ihre Güter zu verzichten.“ Anschließend kehrte Melania in ihr Kloster in Jerusalem zurück, wo sie um das Jahr 410 starb.

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