Streifzüge durch die Welt der Heiligen Schrift

Aktuelles Lexikon über die Menschen der Bibel präsentiert sich schön gestaltet und verständlich geschrieben, aber inhaltlich nicht ausgereift. Von Klaus-Peter Vosen

Die Menschen wüssten nichts von Gott, wenn er sich ihnen nicht offenbart hätte. Mit der natürlichen Vernunft könnte man auf ein höchstes Wesen als Ursprung und Ziel der Welt schließen, doch dabei müsste es im Wesentlichen bleiben.

Über die Eigenschaften dieses höchsten Wesens ließe sich nicht viel sagen, insbesondere auch nicht darüber, wie es zum Menschen steht. Gott aber hat die Menschen gleichsam hinter den Vorhang blicken lassen, der Diesseits und Jenseits trennt, sodass sie in der Lage sind, ihn als brennende Liebe zu uns zu erkennen. Gottes Offenbarung hat die Heilige Schrift als wichtigste Quelle. Bei der Lektüre des Neuen Testaments wird deutlich, warum Gottes Sohn auch das Wort Gottes in Person genannt wird: Jesus Christus bleibt in seinen Worten und Taten die unüberbietbare Selbstoffenbarung Gottes.

Die Heilige Schrift zu kennen, ist für jeden Christen eine echte Notwendigkeit. Wurde ihr Inhalt im katholischen Raum jahrhundertelang vielleicht hauptsächlich durch das Medium der Predigt vermittelt, ist heute wohl fast jedem Katholiken in den Ländern des Westens das Buch der Bücher auch zur privaten Lektüre zugänglich. Immer wieder muss man sich jedoch bei dieser Lektüre helfen lassen. Das gilt angesichts der Unerschöpflichkeit der Heiligen Schrift auch für Theologen. Immer wieder ist der Zusammenhang der Bibel mit der Lehre der Kirche zu klären. Dies geschieht durch den Katechismus. Konkordanzen helfen dabei, eine bestimmte Bibelstelle – und verwandte Zitate aus der Schrift – schnell und bequem aufzufinden. Bibellexika leisten einen wertvollen Dienst. Deswegen darf man sich über das Erscheinen eines neuen Nachschlagewerkes freuen, das zu einer vertieften Kenntnis der Personen im Buch der Bücher verhilft.

Wer also sich in komprimierter Form über den Lebenslauf des alttestamentlichen Königs David informieren möchte, wer Näheres über Nikodemus zu wissen begehrt, der mit Jesus zu einem nächtlichen Zwiegespräch zusammenkam, wer sich fragt, wer Onesimus gewesen ist, und wem der Name Sacharja in biblischem Zusammenhang schon einmal begegnete, wobei er sich an Näheres aber beim besten Willen nicht mehr erinnert, der kann nun zu dem neu erschienenen Lexikon greifen. Er findet dort kompetente Information, in gut verständlicher Weise dargeboten. Die Sprache erscheint dabei dem Sujet angemessen. Vermutlich wird man das neue Nachschlagewerk, wenn man herausgefunden hat, was man wissen wollte, übrigens so leicht nicht wieder aus der Hand legen. Es ist drucktechnisch hervorragend gestaltet und schön bebildert, so dass es dazu einlädt, weiterzublättern. Hier und da finden sich Landkarten, ein Schaubild, weitere Erklärungen zu bibelrelevanten Themen. Dem „Schmökern“ verfällt man leicht, wenn man dieses Buch zur Hand nimmt, doch auch auf diese Weise dient es einer vertieften Kenntnis der Heiligen Schrift. Wenn man die biblischen Personen fokussiert, wird deutlich, wie sehr die Heilsgeschichte Geschichte Gottes mit den Menschen ist. Das ist im Grunde wenig verwunderlich, ist der Mensch doch unverdientermaßen Gottes liebstes Geschöpf, geformt nach seinem Abbild, von ihm so sehr geliebt, dass Gott selber Mensch geworden ist, um die Welt in Kreuzesopfer und Auferstehung zu erlösen. Gott tritt von Anfang an heilschaffend an die Menschen heran. Entscheidend ist dann jeweils die Frage, ob der Mensch sich diesem Gottesheil öffnet, ob er es an sich heranlässt.

Unterschiedlich haben die Personen der Bibel auf Gottes Zuwendung reagiert. Die Beschäftigung mit ihrem Leben, gefördert durch die hier rezensierte Publikation, ruft die aktuelle und brisante Frage wach: Und ich? Wie stelle ich mich selbst zu Gottes Heilsangebot, das in Christus unüberbietbar an mich herantritt? So darf man durchaus davon ausgehen, dass das Bibellexikon geradezu einen geistlichen Wert transportieren kann.

Das von „Reader's Digest“ veranstaltete Werk bietet freilich dennoch auch Kritikwürdiges. Den Schriftzitaten liegen die „Gute-Nachricht-Übersetzung“ und die Lutherbibel zugrunde, obwohl sich die Veröffentlichung bewusst an Christen aller Konfessionen zu richten scheint, was aus der begrüßenswerten Tendenz zu ersehen ist, die einzelnen „Bekenntnisstände“ jeweils korrekt wiederzugeben und alles Verletzende – nach welcher Richtung auch immer – zu vermeiden. Warum nimmt man nicht die heute gültige Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift als Textgrundlage? Selbstverständlich weiß man um die Ausdruckskraft der Lutherbibel und ihre Bedeutung für die Entwicklung der deutschen Sprache, aber wenn man sich mit Gottes Wort beschäftigt, sollten nicht diese Dinge den Ausschlag geben, sondern die höchstmögliche Genauigkeit der Übersetzung und die Treue zum Urtext. Außerdem wäre die Verwendung der Einheitsübersetzung ein Zeichen der Ökumene.

Ferner bleibt das Werk, dessen grundsätzlich irenische Tendenz wir oben gewürdigt haben, vom katholischen Standpunkt her in wenigstens einer und nicht unbedeutenden Aussage unbefriedigend. Da heißt es in dem hier in Rede stehenden Lexikon über die Gottesmutter Maria: „Die Stellen in den Evangelien, die Jesus Marias ,Erstgeborenen‘ (Lk 2, 7) nennen und ,seine Brüder Jakobus, Josef, Simon und Judas‘ sowie ,seine Schwestern‘ (Mt 13, 55–56) erwähnen, deuten darauf hin, dass Maria nach Jesu Geburt als Josefs Ehefrau auf natürliche Weise noch weitere Kinder empfing.“ Die Wortverbindung „deuten darauf hin“ drückt zu sehr eine angebliche Realität oder doch ein sehr starkes Indiz aus. Eine vorsichtigere Formulierung, etwa „scheinen darauf hinzudeuten“ oder „deuten nach Ansicht mancher darauf hin“, wäre hier angemessener, umso mehr als dann im Buch völlig korrekt die Lehre der Kirche angegeben wird, „dass Maria nicht nur bei Jesus Empfängnis eine Jungfrau war, sondern es bis zu ihrem Tod blieb“. Dann freilich irritieren wieder zwei Konjunktive: „Dies würde bedeuten, dass sie die Ehe mit Josef nie vollzogen und keine weiteren Kinder geboren hätte. Demzufolge dürften die Hinweise auf Brüder und Schwestern Jesu nicht wörtlich aufgefasst werden, sondern im übertragenen Sinn – etwa als Vettern und Cousinen, wie manche meinen, oder als Stiefgeschwister, also Kinder Josefs aus einer früheren, nicht registrierten Ehe.“ Die Wahl einer indikativischen Aussage, unter Umständen mit der Hinzufügung: „nach katholischer (und orthodoxer) Auffassung“ wäre hier vorzuziehen. Trotz der genannten Mängel birgt das Lexikon „Die Menschen der Bibel“ eine Menge Positives und gehört in einer hoffentlich verbesserten zweiten Auflage in viele Haushalte.

Deutsche Bibelgesellschaft: Die Menschen der Bibel. Ein illustriertes Lexikon der Heiligen Schrift. Verlag Das Beste GmbH, Stuttgart, 2014, 432 Seiten ISBN 978-3-438-06260-4; EUR 39,95

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