Starke Persönlichkeit mit klarem Blick

Suzanne Noffke porträtiert die heilige Caterina von Siena. Von Barbara Wenz
Foto: KNA | Caterina-von-Siena-Denkmal von Francesco Messina an der Via Appia della Conciliazione in Rom.
Foto: KNA | Caterina-von-Siena-Denkmal von Francesco Messina an der Via Appia della Conciliazione in Rom.

Mit der heiligen Caterina verhält es sich ähnlich wie mit der heiligen Hildegard von Bingen: Beide Frauen versprühten ein Feuer, das wie eine mächtige Leuchtsäule durch die Jahrhunderte glüht – bis in unsere Zeit hinein. Zugleich teilen beide Frauen das „Schicksal“, von vielen Menschen des 21. Jahrhunderts, gläubig oder nicht, in ihren Anliegen gründlich missverstanden zu werden. Bei Hildegard sind es vor allem die Esoteriker und Naturschützer, die den kosmischen Horizont ihrer Lehre, ihrer Schriften und ihrer Unterweisungen verengen wollen. Caterina von Siena, ausgerechnet, wird seit einiger Zeit als Schutzpatronin derer gefeiert, die ein Weiheamt für Frauen in der katholischen Kirche eingeführt sehen wollen. Das ist nicht wenig verwunderlich, schreibt doch Caterina, ganz anders als Hildegard etwa, aus einer sehr eigenen, spezifischen Spiritualität heraus. Sie ist eine „Verrückte der Liebe“, verliebt, ja vernarrt in die „Verrücktheit“ des Kreuzes. Immer wieder bezieht sie sich auf das kostbare Blut des Erlösers, das er vergossen hat. Ihre Briefe beginnen oder schließen fast immer mit einem Bezug auf das heilige Blut. Und sie hat, wie der nun emeritierte Papst Benedikt XVI. in einer seiner Katechesen anmerkt, die Gabe der Tränen.

„Ein weiterer Zug von Katharinas Spiritualität ist mit der Gabe der Tränen verbunden. Sie sind Ausdruck einer feinfühligen und tiefen Sensibilität, einer Fähigkeit zur inneren Ergriffenheit und zur liebevollen Zuneigung. Nicht wenige Heilige hatten die Gabe der Tränen ... Katharina zufolge vermischen sich die Tränen der Heiligen mit dem Blut Christi.“ (Generalaudienz vom 24. November 2010).

Blut und Tränen? Wenn wir diese Dinge nicht geistlich deuten, können wir die Stärke der Spiritualität Caterinas nicht begreifen: In weltlichen Zusammenhängen bedeuten Blut und Tränen häufig doch Verlust, Schwäche, eine Minderung der Lebenskräfte. Doch Caterina war das, was man heute eine „starke Frau“ nennt. Sie war berühmt für ihren „klaren Blick“ in einer Zeit kirchlicher Wirren. „Klarer Blick in dunklen Zeiten“, so lautet auch der Titel des vorliegenden Bandes zu Caterinas Spiritualität, der eine Sammlung von Vorträgen der Dominikanerin Suzanne Noffke darstellt, die sich als Spezialistin für die Geschichte ihres Ordens schwerpunktmäßig mit der Sieneserin beschäftigt hat.

Noffke, die an den Universitäten Wisconsin-Parkside und Chicago tätig war, ist mit den Briefen und Texten Caterinas bestens vertraut, hat auch Übersetzungen ins Englische vorgenommen. So sind ihre Darlegungen reich mit Zitaten unterfüttert und anschaulich zu lesen. Im ersten Teil des Buches geht es um die Perspektiven von Caterinas Vision: Noffke stellt uns die göttliche Wahrheit als das Herzstück des Lebens und Werks der Heiligen vor – die ewige Wahrheit Gottes als ein Aspekt, den Caterina immer weiter variiert. Die Liebe wiederum ist der einzige Weg, um in der Wahrheit zu leben, genährt durch Gottes Wort gelingt ein Hineinwachsen in Wahrheit und Liebe. In weiteren Beiträgen geht Noffke auf Caterina und „ihre Kirche“ ein sowie auf die ökonomischen Realitäten, mit denen sie sich konfrontiert sah. Da es sich bei den Texten ursprünglich um Vorträge handelt, welche die Historikerin gehalten hat, sind sie, im positiven Sinne, „beseelt“ von lebendig gesprochener Sprache und daher leicht und flüssig zu lesen, was insbesondere auch den Übersetzerinnen zu verdanken ist. Lesern, die sich mit der spezifischen dominikanischen Spiritualität nicht gut auskennen, dürfte insbesondere Teil zwei des Bandes wertvoll sein, in dem es um Caterina und das dominikanische Motto „Laudare, benedicere, praedicare“ geht – also um „Lobpreisen, segnen, predigen“.

Daneben ist das Buch allen zu empfehlen, die sich für diese faszinierende Heilige interessieren, welche 1970 zur Kirchenlehrerin und 1999 zu einer der Schutzpatroninnen Europas erhoben worden ist – uns aber doch manches Mal so fremd erscheint.

Noffke gelingt es durch ihre Vorträge, uns die Persönlichkeit Caterinas näherzubringen und sie besser zu verstehen. Daneben räumt sie mit manchen Vorurteilen auf. Etwa wenn sie in dieser durchaus poetischen Passage den intensiven Bezug Caterinas zum heiligen Blut des Erlösers erläutert: „Blut ist für Caterina das Symbol, in dem die Realität des Kreuzes und der Auferstehung in ihrer Gänze ausgesagt wird. Es ist keine grauenvolle Obsession, wie manche es gesehen haben, sondern vielmehr die wunderbare Liebesverrücktheit, die das Kleid der Wahrheit Gottes in uns blutrot einfärbt mit Leben – Gottes Leben und unser Leben. Es ist das Blut, das leuchtende Feuer der Wahrheit und der Liebe, das die Quelle unseres Lebens ist, das die Trübung der „großen Lüge“ von unseren Augen fortnimmt und uns die Wahrheit offenbart.“ Somit empfiehlt sich die Lektüre von „Klarer Blick in dunklen Zeiten“ besonders auch jenen, die sich bisher beim Lesen der Briefe Caterinas ein wenig „alleingelassen“ gefühlt haben, denn Noffke versteht es als Dominikanerin exzellent, uns kompetent und spannend in die geistliche Welt, die mystischen Erfahrungen der Sieneserin einzuführen und so manche Äußerung der Heiligen für uns heutige Laien transparent zu machen. Und wer waren eigentlich die Lieblingsheiligen der Caterina? Auch auf diese Frage findet man eine Antwort in den Vorträgen Noffkes: Johannes und Paulus waren ihr die Liebsten, zu ihnen hatte sie eine ganz besondere Beziehung.

Die zahlreichen Fußnoten sollten wissenschaftliche Laien nicht abschrecken, vermehren sie doch gerade auch für Historiker und Caterina-Forscher den Wert des Bandes. Der guten Lesbarkeit tun sie keinen Abbruch. Angefügt ist außerdem eine Literaturauswahl, die auch moderne Medien wie DVDs und CD-ROM berücksichtigt und Anregungen zur weiteren Beschäftigung mit Caterina bietet.

Suzanne Noffke OP: Klarer Blick in dunklen Zeiten. Caterina von Siena. Benno Verlag Leipzig, 2013, Dominikanische Quellen und Zeugnisse, Band 16, ISBN 978-3-7462-3573-8, EUR 12,50

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