Staatliches „Veto“ gegen den Pontifex

Bis zum Jahre 1903 versuchten Frankreich, Spanien und Österreich Einfluss auf die Nachfolge Petri zu nehmen Von Ulrich Nersinger

Als das Christentum zu Beginn des vierten Jahrhunderts aus einer Zeit der Verfolgung in eine Staatsreligion überging, beanspruchten die römischen Kaiser – und nach dem Untergang des Weströmischen Reiches in ihrer Nachfolge die neuen Herrscher im Abendland – ein Mitspracherecht bei der Besetzung des Stuhles Petri. Mit dem 8. Jahrhundert beginnend standen die Papstwahlen immer mehr unter dem Einfluss des römisch-deutschen Kaisers und der mächtigsten Adelsgeschlechter der Ewigen Stadt. Erst ein von Nikolaus II. (1058–1061) einberufenes römisches Konzil erklärte am 13. April 1059: „Beim Tode des Oberhauptes der allgemeinen römischen Kirche sollen die Kardinalbischöfe zuerst alles aufs genaueste regeln. Darauf sollen sie die Kardinalpriester hinzunehmen, und die übrige Geistlichkeit und das Volk sollen ihre Zustimmung zu der Neuwahl geben.“

Auf dem 1179 einberufenen III. Laterankonzil wurde durch das Dekret „Licet de vitanda“ festgesetzt, was vermutlich schon von Honorius II. (1124–1130) eingeführt worden war: Die Wahl des römischen Pontifex hatten allein die Kardinäle vorzunehmen. Eine Ausnahme bildete die Wahl Martins V. (1417–1431); an ihr hatten neben den Kardinälen auch je sechs Vertreter fünf verschiedener Nationen mitgewirkt. Die Einmischungen der Fürsten oder des römischen Volkes und seiner Vertreter führten auch nach dem Papstwahldekret des Jahres 1179 noch von Zeit zu Zeit zu Streitigkeiten bei den Wahlversammlungen. Derartige Auseinandersetzungen und die Unentschlossenheit der von den verschiedenen Parteien hin- und hergerissenen Kardinäle führten im 13. Jahrhundert zur Einführung des Konklave. Eine Form weltlicher Einflussnahme, das sogenannte „ius exclusivae“ katholischer Staaten, sollte sich aber noch bis zur Wahl Pius’ X. (1903–1914) auswirken.

Ein „ius“–Recht darauf, einen Kandidaten von der Papstwahl auszuschließen, hat die Kirche einer weltlichen Macht niemals zugestanden – von daher wird in den kirchlichen Dokumenten immer nur von einem „civile veto seu exclusiva“ gesprochen. König Philipp III. von Spanien erhob beim Konklave des Jahres 1605 förmlichen Einspruch gegen die Wahl des Kardinals Baronius, der im zweiten Wahlgang 32 von 62 Stimmen auf sich vereinigen konnte. Vermutlich hätte der berühmte Oratorianer beim dritten Wahlgang die Mehrheit von zwei Dritteln der Stimmen erhalten, aber angesichts des spanischen Widerstandes bat der gelehrte Purpurträger seine Anhänger, einem anderen Kandidaten die Stimme zu geben; ihm ging es vornehmlich darum, den Frieden der Kirche nicht zu gefährden.

Auch im Konklave, das zur Wahl Leos XI. (1605) führte, hatte Spanien Einspruch gegen die Erhebung eines Medici auf den Stuhl Petri eingelegt; es vermochte jedoch nicht, dessen Wahl zu verhindern. Mehr als hundert Jahre später hingegen hatte ein kaiserliches Veto Erfolg.

Nach dem Tagebuch des Kardinals Barberini erhob sich Kardinal Althan, nachdem im zweiten Skrutinium des 1. Aprils 1721 Kardinal Paolucci nur noch sechs Stimmen benötigte, durchschritt die Sixtinische Kapelle und sprach die Skrutatoren, den Dekan des Heiligen Kollegiums und einige Kardinäle mit den Worten an: „Ich erkläre, dass die Majestät des Kaisers niemals der Wahl des Herrn Paolucci zustimmen wird.“ Daraufhin wurde Michelangelo Conti – Innozenz XIII. (1721–1724) – gewählt.

Innerkirchlich war schon im 17. Jahrhundert die Diskussion aufgeflammt, ob einer weltlichen, katholischen Macht ein Veto zuzugestehen sei. Unter den Juristen gab es kontroverse Ansichten in der Behandlung dieser Problematik, und auch die Kirchenhistoriker taten sich schwer in der Einordnung der Exklusive. Petrus Canisius J. van Lierde spricht von einer stillschweigenden Anerkennung des Vetos, „vorausgesetzt, dass es von einem Kardinal im Auftrag seines Herrschers vertreten wurde und dass es sich nur gegen einen einzigen Kandidaten richtete. Der Einspruch musste vor einer Abstimmung vor dem Kardinaldekan des Heiligen Kollegiums erhoben werden. Außerdem wurde dieses Recht nur drei Mächten zuerkannt, nämlich Österreich, Spanien und Frankreich.“ Österreich hat von der Exklusive 1721, 1823 und 1903 Gebrauch gemacht, Frankreich 1621 und 1758, Spanien 1605, 1644, 1655, 1730 und 1829.

Im Konklave von 1903 brachte der Erzbischof von Krakau, Kardinal Kniaz de Konzielsko Puzyna, den Einspruch Kaiser Franz Josefs I. von Österreich gegen Kardinal Mariano Rampolla del Tindaro vor. Rampolla war unter Papst Leo XIII. Staatssekretär gewesen und zählte zu den Purpurträgern, die dem Habsburger Reich aus politischen Gründen unliebsam waren. Die Kardinäle zeigten sich über das Veto des Monarchen empört. Der Dekan des Kollegiums, Kardinal Aloisio Oreglia di Santo Stefano, erklärte, das Konklave könne „den Schritt des Kardinals Puzyna weder offiziell noch offiziös annehmen und in keiner Weise Rechnung tragen“. Auch Rampolla beklagte den Angriff auf die Freiheit der Papstwahl und die Verletzung der Würde des Wahlkollegiums, fügte jedoch hinzu, dass ihm persönlich nichts angenehmer sei. Das Veto zeigte nicht seine beabsichtigte Wirkung; die Zahl der Stimmen für Kardinal Rampolla stieg sogar. Der neue Papst, Pius X. (1903–1914), erließ am 20. Januar 1904 die Apostolische Konstitution „Commissum Nobis“, die das vorgebliche Recht der Exklusive in jeder Form ablehnte, da es nie durch die kirchliche Gesetzgebung anerkannt worden sei. Ein Kardinal, der es übernehmen würde, ein Veto irgendwelcher Art vorzubringen, sollte „ipso facto“ der Exkommunikation verfallen.

Alle nachfolgenden Papstwahlordnungen bestätigten diese Verordnung. Und auch Johannes Paul II. bekräftigte in der Apostolischen Konstitution „Universi Dominici Gregis“ aus dem Jahre 1996: „Ebenso will ich bekräftigen, was meine Vorgänger festgelegt haben, um jeden Eingriff von außen in die Papstwahl auszuschließen. Aus diesem Grunde verbiete ich von neuem kraft des heiligen Gehorsams und unter Strafe der Exkommunikation latae sententiae allen und jedem einzelnen der wahlberechtigten Kardinäle, den jetzigen und den künftigen, ebenso dem Sekretär des Kardinalskollegiums und allen anderen, die an der Vorbereitung und an der Durchführung alles dessen, was für die Wahl nötig ist, beteiligt sind, unter welchem Vorwand auch immer, von einer beliebigen weltlichen Autorität den Auftrag entgegenzunehmen, das Veto- oder das sogenannte Ausschlussrecht vorzuschlagen, sei es auch in Form eines einfachen Wunsches, oder dieses bekanntzugeben, sei es vor dem ganzen versammelten Wählerkollegium, sei es gegenüber einzelnen Wählern, sei es schriftlich oder mündlich, sei es direkt und unmittelbar, sei es indirekt oder durch andere, sei es vor Beginn der Wahl oder während des Wahlverlaufs. Ich möchte, dass dieses Verbot sich auf alle möglichen Einmischungen, Widerstände und Wünsche erstreckt, durch die weltliche Autoritäten jeder Ordnung und jeden Grades oder irgendwelche Gruppen oder Einzelpersonen versuchen sollten, sich in die Papstwahl einzumischen.“

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