„Spreu vom Weizen trennen“

Ein Gespräch über den priesterlichen Lebensstil in der Gegenwart mit dem Pastoraltheologen Andreas Wollbold. Von Katrin Krips-Schmidt
Foto: Krips-Schmidt | Andreas Wollbold.
Foto: Krips-Schmidt | Andreas Wollbold.
Herr Professor Wollbold, in Ihrem neuen Buch „Wegweisung für Wegweiser“, das sich der „Reinigung und Erneuerung des priesterlichen Lebens“ mit Hilfe von Exerzitien mit dem heiligen Pfarrer von Ars widmet, raten Sie Seelsorgern zu einer inneren Einkehr – rastloses Tätigsein und Aktivitäten rund um Strukturdebatten setzten dem Klerus zu und schadeten ihm. Man könnte sagen, der heutige Priester ist „geschwächt“ – Sie sprechen von „Lauheit und mangelndem Seeleneifer“. Was lenkt ihn so sehr ab?

Spontan denkt man an die übergroßen pastoralen Einheiten, an unzählige Erwartungen und prall gefüllte Terminkalender. Da scheint keine Zeit zur Einkehr zu bleiben. Aber das Problem liegt noch tiefer, oder genauer: im Kopf und im Herzen. Im Kopf: Viel beschäftigt zu sein verschafft den Eindruck, wichtig zu sein und dringend gebraucht zu werden. Das kompensiert die Erfahrung, die ein wacher Mensch doch täglich macht: Eigentlich sind Glauben und geistliches Leben für die meisten Zeitgenossen völlig marginal geworden. Und dann im Herzen: Da kann ein geistliches Vakuum entstanden sein. Gott ist mir längst nicht mehr Herzensfreude. Darum muss ich das Vakuum mit Ersatzstoffen füllen, die doch keine Kraft geben. Das Ende vom Lied: Ich werde als Priester lau, und die Sorge für die Seelen weicht dem Kreisen um die eigene Befindlichkeit.

Die Konsequenz davon ist: Er kann sich nicht mehr auf das konzentrieren, was seine eigentliche Aufgabe ist: der Mittler zu sein zwischen Gott und den Gläubigen. Der „sacerdos“ ist dem Wortsinn nach ja „einer, der das Heilige schenkt“…

Ja, da zeigen die Ersatzstoffe schon ihre Wirkung. Wenn ein Priester nicht weiß, wofür er da ist, wird er alles Mögliche tun, um wenigstens den Eindruck von Wichtigkeit zu erwecken. Da kommt dann noch hinzu, dass auch die Erwartungen, die von außen an ihn herangetragen werden, oft wenig mit dem Heiligen zu tun haben. Sie bleiben oft sehr innerweltlich.

Welches Verhältnis besteht für die Priester auch heute noch zwischen actio und contemplatio?

Der Weltpriester lebt die „vita mixta“, also eine Lebensform, die Aktion und Kontemplation miteinander mischt. Traditionell wurde sie als die höchste, aber auch anspruchsvollste Form angesehen. In der Tat, dabei besteht die Gefahr, dass die Kontemplation verkümmert. Darüber kann auch der Boom der „Spiritualität“ nicht hinwegtäuschen. Vieles, was unter diesem Etikett angeboten wird, ist reine Selbstbeschäftigung und Befindlichkeitspflege. Mit Hinschauen auf den Herrn, mit Prägung durch ihn, hat das oft nicht mehr viel zu tun.

Welche Bedeutung kommt dabei dem Breviergebet zu?

Das Stundengebet ist das Gebet der Kirche. Wenigstens die Amtsträger sollen es im Namen der Kirche täglich verrichten. Darum ist seine Bedeutung nicht primär eine persönliche: „Was habe ich davon? Wie geht es mir dabei?“ Es ist ein Dienst, ein Gebetsdienst, in dem der Priester sein Dasein für andere verwirklicht. Dass dies auch für ihn selbst gut ist, steht außer Frage: Es bietet ihm die Strukturierung des täglichen Betens an. Es prägt seine Gebetssprache mit den großen Worten der Psalmen, des Kirchenjahres und des Betens der Kirche. Es sichert ihm ein Minimum an betender Durchdringung des Alltags.

Und die tägliche Feier der heiligen Messe?

Es ist paradox: Niemals wurde die tägliche Feier der heiligen Messe so sehr empfohlen wie seit dem Zweiten Vatikanum. Sie wurde geradezu zum Inbegriff priesterlicher Spiritualität. Doch die Praxis sieht anders aus: Nicht wenige Priester zelebrieren nur, wenn „Bedarf“ herrscht. Die Eucharistie wird dadurch leicht zu einer Art pastoraler Dienstleistung. Es gilt, ihre Schönheit wiederzuentdecken. Ein Priester findet nirgendwo so sehr seine Identität wie am Altar.

Stichwort „Beichte“. Für Ende März hatte der Päpstliche Rat zur Förderung der Neuevangelisierung mit seiner weltweiten Initiative „24 Stunden mit Gott“ die Gläubigen zur Beichte aufgerufen. Erhoffen Sie sich von dieser Aktion Impulse für eine nachhaltige Erneuerung des Bußsakramentes?

Aufrufe sind so viel wert, wie sie Gehör finden. Da gilt nicht: Viel hilft viel. In unseren Breiten werden wohl nur Einzelne durch „24 Stunden für Gott“ einen neuen Zugang zum Bußsakrament finden. Aber es gibt denen Rückenwind, die bereits eine entsprechende Praxis haben. Langfristig braucht es aber eine Besinnung auf das, was Sünde ist und wie sie einen Menschen von Gott entfernt. Erst wer begreift, wie schwerwiegend das ist, wird sich auch die Mühe machen, sich von seinen Sünden zu reinigen.

Viele Priester klagen darüber, dass sie an ihre Belastungsgrenze gelangen. Wie viel dürfen sie sich eigentlich zumuten, wann kann und muss ein Priester auch an sich denken?

Gottes- und Nächstenliebe schließen auch die geordnete Selbstliebe ein. Das gilt selbstverständlich auch für den Priester. Nein sagen lernen, Grenzen setzen, Spreu vom Weizen trennen, Prioritäten setzen, den Tagesablauf strukturieren und einen Feierabend kennen, das ist heute für ihn unverzichtbar. Aber es gibt auch die Gefahr eines gekränkten Narzissmus. Wenn es Schwierigkeiten und Enttäuschungen gibt, zieht er sich auf sich selbst zurück. Alles wird ihm zu viel. Jeder Einsatz wird wie eine Gnade stilisiert, die er hoheitsvoll gewährt. Und allzu rasch heißt es: „Das muss ich mir nicht antun.“ Von der Überlastung der Priester wird oft gesprochen, von der Bequemlichkeit mancher von ihnen nur selten. Da ist es heilsam für ihn, sich mit Gleichaltrigen mit Familie und weltlichem Beruf zu vergleichen. Mit Blick darauf erscheint ihm manches bei sich selbst doch eher als Luxus-Problem und „beleidigte Leberwurst“.

Welche Flucht- oder Ausweichmöglichkeiten kann er sich in solchen Situationen schaffen? Selbst ein heiliger Pfarrer von Ars hat ja versucht, wegen Arbeitsüberlastung aus seiner Pfarrei in ein Kloster zu „fliehen“.

Der Pfarrer von Ars floh, weil er die große Verantwortung vor Gott im Gericht vor Augen hatte. Das sind die Fluchtgedanken eines Heiligen. Uns heutigen Priestern liegen andere Ausflüchte und Ausweich-Tätigkeiten näher: Man macht Dienst nach Vorschrift und begibt sich in jeder freien Minute ins Internet oder man pflegt ein Hobby, Behaglichkeit oder einfach gutes Essen. Vielleicht hat man auch seine Lieblingsgläubigen, oder man ist ständig auf Reisen. Die Konsumwelt bietet tausend Evasionen an. Man wird ihnen umso leichter nachgeben, je mehr das besagte Vakuum im Herzen herrscht.

Das, was heute „Mobbing“ genannt wird, hieß früher üble Nachrede. Man hat schon vor 200 Jahren – natürlich erfolglos – versucht, dem Pfarrer von Ars ein uneheliches Kind anzudichten. Was raten Sie Priestern, die selbst zu Opfern von Mobbing werden?

Zunächst einen klaren Kopf behalten. Nicht jede Kritik, jeder Widerstand, jedes Kämpfen-Müssen ist schon gleich Mobbing. Natürlich erfährt man auch sprachliche Entgleisungen oder Engstirnigkeit. Respekt vor dem Amt gibt es kaum noch. Dennoch: Wer hätte nicht schon selbst einmal hart über einen unliebsamen Mitbruder oder Bischof geurteilt? So helfen bei Widerstand in vielen Fällen Deeskalation und Kompromissbereitschaft. Bleiben freilich noch Fälle von echtem Mobbing oder Rufschädigung. Da muss der Vorgesetzte eingeschaltet werden. Und: keine Kurzschlussreaktionen!

Noch ein Wort zur Armut. Der Pfarrer von Ars lebte zwar äußerst asketisch, besaß aber eine kostbare Bibliothek, die ihm durch eine Erbschaft zugefallen war. Was kann und darf sich ein Priester „leisten“, wofür darf er Geld ausgeben?

Traditionell sagte man: Für alles, was zu einer standesgemäßen Lebensführung notwendig ist. Alles Weitere soll er für die Kirche und für die Armen einsetzen. Das gilt grundsätzlich auch heute, auch wenn er etwa für die Alterssicherung Rücklagen bilden muss. Und „standesgemäß“ heißt sicher nicht großbürgerlich. Einfachheit steht ihm gut an. Großzügig gegenüber anderen zu sein sollte selbstverständlich werden. Und was die Bibliothek angeht: Man sollte sich nicht mehr Bücher anschaffen, als man auch lesen kann.

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