Spätes Pardon und Spott

Reformation: Anglikaner–Primas bittet um Vergebung für Gewalt

London/Bonn (DT/KNA) Der anglikanische Primas Erzbischof Justin Welby von Canterbury und Erzbischof John Sentamu von York haben am Mittwoch um Vergebung für die blutige Gewalt im Zuge der protestantischen Reformation in England gebeten. Anlässe waren der 500. Jahrestag des sogenannten Thesenanschlags durch Martin Luther, aber auch das ökumenisch begangene Gedenken zur Veröffentlichung von Thomas Morus' berühmter Schrift „Utopia“ vor 500 Jahren. Die Jahrhunderte von Reformation und Konfessionalisierung gehören zu den blutigsten der Geschichte. Tausende Menschen wurden enthauptet, verbrannt oder starben auf andere Art wegen ihres religiösen Bekenntnisses. Was soll da eine Vergebungsbitte nach 500 Jahren bringen?

Die konservative frühere Ministerin Ann Widdecombe, eine katholische Konvertitin, spottete schon im Vorfeld: „Solche Gesten bringen doch gar nichts. Der Erzbischof hat doch niemanden ins Jenseits befördert, soweit ich weiß.“ Zeitgenössische Christen, so Widdecombe weiter, seien nicht für die Taten während der Reformation verantwortlich. Genauso gut könnte man von Italienern erwarten, sich für den römischen Statthalter Pontius Pilatus zu entschuldigen, der in Jerusalem Christus kreuzigen ließ. Die Journalistin Julia Rothhaas hat kürzlich in der „Süddeutschen Zeitung“ die neue Art öffentlicher Entschuldigungen im beruflichen Kontext kritisch unter die Lupe genommen. „Managern wird in Coachings inzwischen sogar geraten, sich gezielt und strategisch zu entschuldigen, weil das gleichzeitig souverän und sympathisch wirkt und wie sozialer Klebstoff funktioniert – vom Chef erwartet man das Sorry eben am wenigsten.“ Wer sich mit großem Gestus allzu schnell freisprechen will, verkennt das lange Gedächtnis der anderen, ihren Gram und die Verletzungen und alten Wunden. Der Preis der eigenen Schuld wiegt meist schwerer als ein schnelles „Pardon“ und muss oft langsamer abgetragen werden, wenn es zu echter Versöhnung kommen soll.

Im Oktober 2016 gab es ein spätes Pardon in Frankreich. Der Bischof von Pamiers, Jean-Marc Eychenne, bat Gott um Verzeihung für die Verfolgung und Vernichtung der Katharer – fast 800 Jahre nach den Ereignissen. Kreuzritter hatten 1244 die letzte Bastion dieser christlichen Büßersekte erobert. Die Festung auf dem Montsegur wurde geschleift und 225 Katharer mit ihrem Bischof regelrecht abgeschlachtet.

Schon Ende der 1990er Jahre hatten Christen aus der Region Johannes Paul II. gebeten, diese Verfehlung ausdrücklich in die Vergebungsbitte zum Heiligen Jahr 2000 aufzunehmen. Der Papst hatte damals in einem Gebet im Namen der Kirche Schuldbekenntnisse abgelegt, etwa mit Blick auf Inquisition, Kirchenspaltung, das Volk Israel, die Rechte anderer Völker und Religionen sowie Verfehlungen gegen die Grundrechte der Person.

Auch Papst Franziskus sucht solche konkreten Gelegenheiten der Entschuldigung und Versöhnung. 2015 bat er die Waldenser um Verzeihung. Auch sie wurden, wie die Katharer, im Mittelalter als Ketzer verfolgt. Heute bekennen sich in Italien noch mehr als 20 000 Menschen zu dieser Glaubensgemeinschaft.

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