Sozialbischof mit Augenmaß

Kardinal Reinhard Marx über Wilhelm Emmanuel von Ketteler. Von Harm Klueting
Foto: KNA | Bischof Wilhelm Emmanuel von Ketteler.
Foto: KNA | Bischof Wilhelm Emmanuel von Ketteler.

„Christ sein heißt politisch sein“ lautet der Titel des Buches, mit dem der Münchner Erzbischof und Vorsitzende der Kommission für gesellschaftliche und soziale Fragen der Deutschen Bischofskonferenz aus Leben und Werk Kettelers eine Art Quintessenz zieht. Er macht die Aussage, Christ sein heiße, politisch sein, fest an dem Bericht des Lukasevangeliums über Jesu erste Predigt in der Synagoge in Nazareth: „Der Geist des Herrn ruht auf mir; denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe“. Es gebe „kaum eine deutlichere Stelle, in der sich Jesus so in den Kontext der prophetischen Tradition stellt, und zwar hier in die Tradition des Propheten Jesaja, die bewusst die sozialen und politischen Aspekte der Gesellschaft einbezieht“ – so versteht der Münchener Erzbischof Lukas 4, 18f., der daneben das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter anführt, das „im Grunde auch“ daran appelliere, „politisch dafür zu sorgen, dass die Wege von Jerusalem nach Jericho sicherer werden“.

Eine Hinführung, kein wissenschaftliches Werk

Reinhard Marx legt mit diesem Buch kein wissenschaftliches Werk vor – er verweist auf die dreibändige Ketteler-Biografie von Otto Pfülf von 1899 und führt unter seinen Literaturhinweisen unter anderem die Monografien von Adolf M. Birke, Karl Brehmer, Klaus Ganzer, Joseph Höffner und Erwin Iserloh auf –, sondern gibt eine Hinführung zu dem westfälischen Adelssohn, der zum „Sozialbischof“ oder „Arbeiterbischof“ wurde. Er geht auch auf Ketteler als Abgeordneten in der Frankfurter Nationalversammlung, dem Paulskirchenparlament von 1848, auf sein Wirken als Bischof von Mainz, auch in der Zeit des Kulturkampfes nach 1871, und kurz auch auf seine Rolle auf dem Ersten Vatikanischen Konzil von 1869/70 ein, wo Ketteler der Definition der Unfehlbarkeit des Papstes mit erheblichen Vorbehalten begegnete und wo er zu der Minderheit derer gehörte, die vor der entscheidenden Sitzung am 18. Juli 1970 Rom verließen, um nicht an der Abstimmung teilnehmen zu müssen, auch wenn er sich später der Dogmatischen Konstitution „Pastor aeternus“ unterwarf.

Besonders herausgestellt werden von Marx Kettelers Leichenrede bei der Trauerfeier für die im September 1848 in Frankfurt am Main ermordeten Paulskirchenabgeordneten Felix Fürst von Lichnowsky und General Hans von Auerswald, die ihn auf einen Schlag berühmt machte, und Kettelers Ansprache am 4. Oktober 1848 beim ersten deutschen Katholikentag in Mainz, in der es um die soziale Frage ging: „Scharf kritisierte er den Egoismus vieler Besitzender und deren Kaltherzigkeit gegenüber der Not der Armen, insbesondere auch der Arbeiter in den neu entstehenden Fabriken. Anders als Karl Marx und Friedrich Engels in ihrem einige Monate zuvor erschienenen Kommunistischen Manifest forderte Ketteler jedoch keineswegs die Abschaffung des Privateigentums. Sondern er betonte schon damals das, was hundert Jahre später in das deutsche Grundgesetz geschrieben wurde: Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.“

Das Anliegen von Marx' Buch besteht darin, Texte von Ketteler Lesern der Gegenwart nahezubringen. Deshalb schließt der knappe Darstellungsteil mit dem Kapitel „Wilhelm Emmanuel von Ketteler für heute gelesen“. Im Anschluss daran folgen – gekürzt – Text von Ketteler, deren wissenschaftliche Ausgabe man in den Bänden der von Erwin Iserloh seit 1977 herausgegebenen Edition „Sämtliche Werke und Briefe“ Wilhelm Emanuels von Ketteler findet. Marx, der den Texten immer auch einen Kommentar beifügt, stellt die Katholikentagsrede von 1848 an den Anfang. Es folgen die Adventspredigten von 1848, „Freiheit, Autorität und Kirche“ von 1862, „Die Arbeiterfrage und das Christentum“ von 1864, Kettelers Rede vor Arbeitern in Offenbach von 1869 und sein Referat vor der Fuldaer Bischofskonferenz aus demselben Jahr.

In puncto Religionsfreiheit seiner Zeit weit voraus

Liest man in der Katholikentagsrede von 1848 den Satz: „Die Religion kann sich nur freuen über die Freiheit, denn dann wird sie sich in ihrer ganzen Kraft und Wahrheit entfalten und der Irrtum wird zusammenfallen, sobald man ihm das Gängelband der weltlichen Gewalt entzieht. Aber wie die Religion der Freiheit bedarf, so bedarf auch die Freiheit der Religion“, und wenn man zusätzlich auch noch „Freiheit, Autorität und Kirche“ von 1862 liest, dann könnte man glauben, in Ketteler einen Konzilsvater nicht des Ersten, sondern des Zweiten Vatikanischen Konzils vor sich zu haben, der an der Erklärung „Dignitatis humanae. Über die Religionsfreiheit“ von 1965 – diese richtig und nicht aus fundamentalistischem Blickwinkel falsch verstanden – mitgewirkt hat. Darin gab die Kirche den Anspruch auf, die Alleingültigkeit ihrer Lehre, an der sie festhielt, durch staatlichen Zwang durchgesetzt sehen zu wollen.

Und wenn Ketteler zwei Jahre vor dem „Syllabus“ Pius' IX. von 1864 schrieb: „Die Freiheit des Menschen ist ein Ausfluss seiner Gottähnlichkeit, ein Abglanz des göttlichen Wesens in der Menschenseele“, so ist das kompatibel mit der „Würde der menschlichen Person“ in der Erklärung von 1965, hinter der nicht nur Ideen der Aufklärung des 18. Jahrhunderts – diese auch – stehen, sondern auch der imago Dei-Gedanke. Reinhard Marx kommentiert: „Der Staat soll Religionsfreiheit nicht nur gewähren, weil es ein fundamentales Recht des Einzelnen oder einer Gruppe ist. Der Staat selbst ist vielmehr angewiesen auf die Religionsfreiheit“.

Kardinal Reinhard Marx: Christsein heißt politisch sein. Wilhelm Emmanuel von Ketteler für heute gelesen. Herder, Freiburg (Brsg.) 2011, 140 Seiten, ISBN 978-3-451-32428-4, EUR 14,95

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