Sonntagslesung: Versöhnt mit Gott

Jes. Sir. 27, 30–28, 7; Römer 14, 7–9; Matthäus 18, 21–35 Zu den Lesungen des 24. Sonntags im Jahreskreis (Lesejahr A)

Sonntagslesung

Die Kraft der göttlichen Vergebung kennt keine Grenzen. Die Erfahrung, von der Schuld befreit worden zu sein, ist für jeden Christ ein Geschenk und zugleich eine Verpflichtung.

Stellen wir uns vor, wir seien als Bergsteiger unterwegs im Hochgebirge. Abends, an einer gefährlichen Stelle, stürzen wir plötzlich ab. Das Seil hält uns zwar noch, aber wir hängen so unglücklich über dem tiefen Abgrund, dass das Seil jederzeit reißen kann und wir tief unten zerschellen. Die ganze Nacht hängen wir so über dem gähnenden Abgrund, voll Grauen und Todesangst. Schließlich, am beginnenden Morgen, werden wir von geübten Bergsteigern in Sicherheit gebracht. Wären wir dann nicht dankbar? Würden wir nicht alles tun, um unseren Dank und unsere Freude zu zeigen?

Dankbar dürfen wir vor allem Gott gegenüber sein. Wenn wir die Worte Jesu ernst nehmen, dass er gekommen ist, um uns Sünder zu retten, dann haben wir alle über einem noch viel gefährlicheren Abgrund geschwebt. Nicht nur über dem Abgrund des leiblichen Todes, sondern über dem Abgrund ewigen Dunkels, ewigen Verloren seins in tiefer Gottesferne. Durch jede schwere Sünde, mit der wir Gott beleidigen, hätten wir diesen Absturz verdient. Uns selbst retten können wir nicht. Auf uns allein angewiesen, hängen wir über dem ewigen Abgrund, und das Seil beginnt zu reißen.

Im sonntäglichen Evangelium erscheint unsere Schuld vor Gott im Bild der 10 000 Talente. 10 000 Talente – das ist eine damals unvorstellbare Summe, die der Knecht unmöglich bezahlen kann. Als reichster Römer zur Zeit von Julius Caesar galt ein gewisser Crassus, der nach seinem Tode „nur“ 7 100 Talente hinterließ. Doch Gott vergibt diese unermessliche Schuld. Er reißt uns aus dem Abgrund heraus und stellt unsere Füße auf festen Boden.

Dafür verlangt Gott keine gleichwertige Wiedergutmachung – das ist nicht möglich. Aber eines erwartet er: unsere Dankbarkeit und unsere Freude. Aus dieser Dankbarkeit darüber, gerettet zu sein, entspringt dann die Versöhnung mit den Mitmenschen. Die empfangene Versöhnung ist wie eine Quelle, die aus ihrem Brunnen überfließt, um den nächsten Brunnen zu füllen. Die Vergebung müssen wir freilich immer wieder neu suchen, in der täglichen Gewissenserforschung und Reue und vor allem im Bußsakrament, in der persönlichen Beichte. Und dann empfangen wir die Kraft zu beten, wie Jesus uns gelehrt hat: „Herr, vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.“