Würzburg

Biblische Kriterien für Verwandtschaft

Die Sonntagslesung vom 8. September

Jesus Mary Joseph
Eine texanische Skulptur der Heiligen Familie. Foto: DeVon/stock.adobe.com

Die Kirche feiert in diesem Jahr am 23. Sonntag nach Pfingsten zugleich das Fest Mariä Geburt. Und wer sich über Geburt und Kindheit Mariens aus der Sicht der beiden ersten christlichen Jahrhunderte orientiere möchte, kann dieses tun anhand des Protevangeliums des Jakobus, das um 150 n. Christus entstand. Hier wird das Milieu geschildert, dem Maria entstammt: Joachim und Anna werden geschildert als strenggläubige Juden, die ohne Verbindung zum Heidentum und seinen Lastern und geistlichen Gefährdungen leben, nämlich ohne inneren Bezug zu Reichtum, römischem Militär, Kaiserkult und zivilisatorischen Ansprüchen inklusive der Bilderwelt der Kunst. Ohne Zweifel trifft diese Beschreibung auch auf die religiösen Bedingungen zu, unter denen Jesus aufwächst und die sich insgesamt besonders klar im lukanischen Doppelwerk spiegeln.

Weisheit 9,13-19
Philemon 9b-10.12-17
Lukas 14,25-33
Die Lesungen des 23. Sonntags im Jahreskreis

So ist es kein Zufall, dass gerade Lukas 14, die Evangeliumslesung dieses Sonntags, die geistliche Radikalität Jesu spiegelt, in die er hineingewachsen ist und die ihn mit Johannes dem Täufer verbindet, ja, die Jesus noch überbietet. Kein Zweifel: Dieses Milieu ist durch Maria auf Jesus gekommen, und die Berichte über Johannes den Täufer machen anschaulich, wie diese Ansätze ausgestaltet wurden in einem Leben nachprophetischer Art.

Mehr als arm und ehelos

Wie Jesus diese Ansätze aufgreift, das zeigt Lukas 14 wie kein anderer Text. Der prophetische Besitzverzicht wurde zweifellos durch Maria und ihre Verwandtschaft (inklusive Johannes dem Täufer) tradiert, und daher ist der Verzicht auf allen Besitz auch der Schlusssatz in Lukas 14, 33. Die hier geschilderte Lebensweise, orientiert an der Tora und dem Tempel, an Gebet und den Hoffnungen für Israel, an Armut und frommem Leben, nannte man „Armenfrömmigkeit“, und die entsprechenden Menschen nannte man „anawim“ („arm“ und „fromm“ sind in diesem hebräischen Wort deckungsgleich) und schon seit dem 19. Jahrhundert hat man erkannt, dass dieses die allernächste Umwelt Jesu ist, eben die Kreise der Anawim.

Jesu eigener Beitrag zu diesem Lebensstil der Anawim und glaubenstreuen Israeliten geht über bloßes Armsein und Eheverzicht hinaus, und diese ganz persönliche Deutung Jesu betrifft auch elementar das Verhältnis zu seiner Mutter Maria. Denn in Lukas 14 fordert Jesus nichts anderes als für jeden einzelnen Jünger die Aufgabe seiner Familienbeziehung. Für jede Frau und Mutter bedeutet das, sie kann die gewohnte und vielleicht erwartete Rolle als Großmutter, Tante oder als Leiterin im Betrieb eines normalen, übliche Hauses mit seiner Großfamilie nicht ohne weiteres erwarten oder fortsetzen. Die Großmutter und Mutter war das Herz jedes Hauses.

Jesus wird mit seiner Mutter über sein verändertes, radikal gewandeltes Familienbild gesprochen haben. Dessen Rückgrat war nicht die biologische Abstammung, die doch stets vor allem an der Rolle der Mutter und Großmutter deutlich wird. Jesus will und entwirft (etwa Markus 10,29f) eine neue Art von Familie. Maßgeblich ist darin nicht mehr das Elternpaar von Vater und Mutter. Jesus ordnet der Beziehung zum himmlischen Vater die Familie als Verband von Brüdern und Schwestern unter.

Bezieht man diesen kühnen Entwurf auf die Gegenwart, so gewinnt Maria neue, geschwisterliche Züge. Natürlich ist sie die biologische Mutter Jesu, und zwar auf einzigartige Weise, und doch noch viel mehr. Weil sie Schwester ist, verliert sie nicht an Würde, sondern gewinnt hinzu. Zwar ist die Übereinstimmung mit Lukas 14 nicht ganz genau. Doch dieser Entwurf der neuen Familie Jesu bedeutet an einem Marienfest dieses: Die biologische Familie bleibt bestehen, das ist die Voraussetzung für alle metaphorische Rede auch hier, Unter dem Aspekt der Gerechtigkeit – also der Erfüllung von Gottes Willen – sind Geschwister und Mütter auf „Augenhöhe“. Denn es gibt nur noch in einziges Kriterium wirklich relevanter Verwandtschaft, die innere Nähe zu Jesus. Das ist durchaus auch eine gefühlsmäßige, denn Geschwister und Mütter sind niemandem egal.

Eine neue Form der Kindwerdung

Im späteren Verlauf der synoptischen Evangelien, besonders des Markus-Evangeliums, ist Jeus versöhnlicher gegenüber Ehe und Kindern: etwa ab Markus 10: zum Beispiel Verbot der Ehescheidung , zu der die Rigorosität von Lukas 14, 26 ja Anlass hätte geben können, Hochschätzung der Rolle der Kinder besonders in der Familie. Kurzum: Mit dem schwindenden Einfluss Johannes des Täufers (nach seinem Martyrium) wird auch in Jesu Worten die Häuslichkeit stärker betont werden als die Kritik. Dieser Aspekt ist wichtig, denn Lukas 14 ordnet sich so in einen biographischen Weg Jesu ein, verliert allerdings seine grundlegende Bedeutung nicht. Grundlegend ist hier der durch die Berufung in die Nachfolge Jesu einmal und für immer gültig vollzogene grundlegende Schnitt, der eine bloße oder „natürliche“ Fortsetzung von Familie und Sippe unmöglich macht. Darin bestand und besteht im übrigen eine wichtige Funktion des priesterlichen Zölibats, denn er ist das Ende aller Sippenherrlichkeit.

Und das heißt: Auch wenn die biologische Herkunft hochwichtig ist und bleibt, weil wir in dieser Schöpfung leben, gibt es eine neue Form von Kindwerdung. Als Mutter Schwangerschaft durch den Heiligen Geist – wie als Tochter – als ohne Erbsünde Empfangene ist auch hier ihr Weg ein einmaliger – ist Maria die geradezu programmatische Durchbrechung der biologischen Regelmäßigkeiten und Gesetzmäßigkeiten.

Und wie nichts von dem bisherigen Lebensweg Jesu/ des Jüngers seine Bedeutung verliert, nicht getilgt, sondern gewandelt wird, so gibt es nun eine zusätzliche Bedeutung Mariens, die auch wie eine Schwester ist: Zum Beispiel im „Stabat Mater“ kommt das schön zum Ausdruck. Unsere Schwester ist Maria auch in dem, was wir am 15. August feiern: Sie wird in den Himmel hinaufgehoben und verherrlicht, wie auch wir einst verherrlicht werden. Es täte hin und wieder gut, die dominanten Züge im Marienbild durch die geschwisterlichen zu ergänzen. Denn das wäre auch wiederum ganz im Sinne der Familie, die Jesus in seinem Herzen trug und die in ihrer Substanz bestimmt wird vom unfassbaren Geheimnis des himmlischen Vaters.