Würzburg

Bemühungen statt Beziehungen: Was vor Gott wirklich zählt

Die Sonntagslesung vom 25. August

Orvieto - Duomo facade. fourth pillar with the Last Judgment.
Detail der Darstellung des Jüngsten Gerichts an der Fassade des Doms von Orvieto. Foto: wjarek/stock.adobe.com

Wir kennen alle das so genannte „Vitamin B“, welches für „Beziehungen“ steht. An manches kommt man im Leben nur mit „Vitamin B“ heran. Oder zumindest geht vieles leichter damit. Ob es um berufliches Fortkommen geht, um gute Eintrittskarten für ein Konzert oder um sonst ein knappes Gut: mit „Vitamin B“ kommt man vorwärts. Gerecht ist das nicht. Aber man wird wohl auch sagen müssen: Der Mensch ist versuchbar. Wenn der Erfolg winkt, schwinden oft die moralischen Bedenken. Und so wird es wahrscheinlich – leider – immer wieder den Einsatz von „Vitamin B“ geben, zumindest auf dieser Welt. Für nicht wenige ist das dann freilich ein Anlass zum Ärgernis und zur Empörung.

Jesaja 66,18-21
Hebräer 12,5-13
Lukas 13,22-30
Die Lesungen des 21. Sonntags im Jahreskreis

Wie steht es aber mit den „Eintrittskarten“ in Gottes ewige Gemeinschaft? Brauchen wir da auch Beziehungen, Geld oder einen privilegierten Zugang? Wer darf hinein in den Festsaal des ewigen Lebens? Damit sind wir bei der Frage der Jünger an Jesus, wie wir sie im heutigen Evangelium gehört haben: „Herr, sind es nur wenige, die gerettet werden?“ (Lukas 13, 23). Jesus gibt keine direkte Antwort auf diese Frage. Stattdessen sagt er: „Bemüht euch mit allen Kräften, durch die enge Tür zu gelangen; denn viele, sage ich euch, werden versuchen hineinzukommen, aber es wird ihnen nicht gelingen“ (Lukas 13, 24). Viele werden nicht hineinkommen, auch wenn sie mit Jesus gegessen, getrunken und ihm zugehört haben.

Vor Gott herrscht Chancengleichheit

Und dann sagt Jesus noch: Man wird vom Osten und Westen und vom Norden und Süden kommen und im Reich Gottes zu Tisch sitzen (Lukas 13, 29). Gemeint hat Jesus damals damit: Die Juden, welche sich als das auserwählte Volk betrachtet haben, weil sie Kinder Abrahams sind, haben keinen Vorteil. Sie haben auch keinen Nachteil. Aber diejenigen, die nicht zum auserwählten Volk gehören, die eben von Norden, Süden, Westen oder Osten kommen, haben die gleichen Chancen. Das Privileg, zum auserwählten Volk zu gehören, bringt keine Dividenden. „Vitamin B“ funktioniert bei Gott nicht. Alle sind gleich. Schon in der ersten Lesung, aus dem Alten Testament, ist es beim Propheten Jesaja geheimnisvoll angekündigt (Jesaja 66, 20f).

Diese ewige Gemeinschaft mit Gott vergleicht Jesus im Evangelium mit einem Festsaal. In diesen Saal führt eine enge Tür. Da wollen viele hinein, und das Gedränge ist dementsprechend groß. Bei diesem Festsaal gibt es keinen Hintereingang. Es gibt auch keine Privilegien oder Freikarten. Das Prinzip der Gleichheit aller Menschen, das wir nicht einmal in der Demokratie immer gut zu verwirklichen vermögen, ist also vor Gott verwirklicht.

Der große Theoretiker der Demokratie, Alexis de Tocqueville, hat die Bedeutung dessen für unsere demokratische Gesellschaft eindrücklich beschrieben: „Was gibt es Klareres in der Genesis als die Einheit des Menschengeschlechts und der Ausgang aller Menschen aus einem Menschen? Und was den Geist des Christentums betrifft: Besteht sein unterscheidender Charakterzug nicht darin, dass er alle Unterscheidungen der Rasse abschaffen wollte, welche die jüdische Religion noch hatte bestehen lassen, und daraus nur noch ein Menschengeschlecht zu machen, innerhalb dessen alle Mitglieder gleichermaßen fähig sein sollten, sich zu vervollkommnen und sich zu gleichen?“.

Die Künstler des Mittelalters haben auf ihre Weise die gleiche Tatsache, die so bedeutsam ist für unsere heutige Gesellschaft von Gleichen, eindrucksvoll dargestellt. Auf den Bildnissen des Jüngsten Gerichts sieht man, wie eine große Schar zur Rechten Jesu in den Himmel einzieht, ohne Rücksicht auf Herkunft und Stand. Zur Linken ziehen die Verlorenen in den Rachen des Drachen. Unter denen, die in die Gottesferne gehen, sind immer auch Päpste, Bischöfe, Priester, Ordensfrauen und Mönche. Neben den Vertretern des einfachen Volkes finden sich Könige und Adlige. Und das heißt: Es genügt nicht, auf dieser Welt irgendwer zu sein, Prestige zu haben oder Geld oder Macht. Sondern das Kriterium ist: Habe ich versucht und versuche ich tagtäglich, nach besten Kräften den Willen Gottes zu erfüllen? Dieser Aufruf gilt allen Menschen, unabhängig von ihrem Stand in dieser Welt. Auch im besten demokratischen Staat sorgen die Beziehungsnetze für Unterschiede und Ungerechtigkeiten. Aber bei Gott ist es nicht so.

Keine Drohbotschaft, sondern eine Verheißung

Man kann diese Botschaft des heutigen Evangeliums auf zwei Arten aufnehmen. Man kann sagen: Das heutige Evangelium ist eine Drohung. Wenn du nicht ehrlich versuchst, als Christ zu leben, wenn du dich nicht redlich bemühst, wirst du es büßen müssen. Tricks oder die Berufung auf deine Stellung in dieser Welt nützen dir dann nichts.

Das allein wäre jedoch eine unvollständige und auch eine unbefriedigende Botschaft. Man kann und muss dieses Evangelium deshalb auch noch anders lesen. Dann hat es eine ganz und gar hoffnungsvolle Botschaft: alle sind eingeladen. Rasse und Hautfarbe, Geschlecht und Stand, Vermögen und Einfluss, Gesundheit und Begabung: Das alles ist nicht ausschlaggebend vor Gott. Es gibt in der letzten und entscheidenden Perspektive unseres Lebens, dem ewigen Leben in Gott, keine Privilegierten. Denn dort herrscht eine wirkliche Chancengleichheit.

Es zählt objektiv das eigene Bemühen darum, nicht nur Christ zu heißen, sondern es wirklich zu sein, jeden Tag neu. Darum kann es zwar nicht auf dieser Welt, aber im Reich Gottes vorkommen, dass die Letzten die Ersten sind, wie Jesus im Evangelium sagt (Lukas 13, 30). Diejenigen, welche auf dieser Welt als die Letzten, die Unterprivilegierten, gelten, können bei Gott die Ersten sein, weil er Gerechtigkeit nicht nur dem Namen nach, sondern tatsächlich verwirklichen kann. Denn er belohnt nicht die Beziehungen, sondern die Bemühungen. Zu diesen Bemühungen um das Reich Gottes gehört auch, dass wir uns im Alltag dieser Welt nicht ungerechte Vorteile verschaffen. Und so sehen wir: Wenn wir uns bemühen, nach der Gerechtigkeit Gottes zu leben, wird auch die Welt, in der wir leben, gerechter. Dann verwirklicht sich die Gleichheit, die Gott für alle seine Geschöpfe gewollt hat, auch in dieser Welt, wenigstens anfanghaft.