Sonntagslesung: Apostelg. 14, 21–27; Offenbarung 21, 1–5a; 1 Johannes 13, 31–35 Zu den Lesungen des fünften Sonntags der Osterzeit (Lesejahr C):

Das himmlische Jerusalem Heimat für alle, die an Christus glauben. Von Lothar Wehr

Die Lesung aus der Offenbarung des Johannes erinnert uns zu Beginn an ein Schreckensszenario, das uns zurzeit häufig in den Nachrichten vor Augen geführt wird. Himmel und Erde sind vergangen, das Meer ist nicht mehr (Offenbarung 21, 1). Ist hier die künftige Klimakatastrophe vorausgesagt? Die Erde wird unbewohnbar sein, Wasser wird es nicht mehr geben? Ist dies der biblische Beweis? Doch würde man die neutestamentliche Apokalypse falsch verstehen, wenn man ihre Visionen und Bilder als rein innergeschichtliche Wahrsagerei interpretierte. Der Apokalypse geht es nicht darum, künftige Ereignisse in der Menschheitsgeschichte vorauszusagen. Sie hat einen viel weiteren Blickwinkel. Sie schaut über diese Welt hinaus auf Gottes Wirken. Dabei verfolgt sie die Absicht, den Christen ihrer Zeit – und damit auch uns heute – Mut zu machen und Hoffnung zu geben.

Die Adressaten brauchen Trost und Orientierung

Die Johannesoffenbarung ist ursprünglich an Christen gerichtet, die – am Ende des ersten Jahrhunderts – nahe der Westküste der heutigen Türkei leben (in Offenbarung 2 und 3 finden sich in sieben Briefen an diese Gemeinden genaue Ortsangaben). Diese Christen sind in einer bedrängten Lage. Zwar sind sie noch nicht systematischen Verfolgungen ausgesetzt, aber doch Schikanen und Benachteiligungen seitens ihrer gesellschaftlichen Umwelt (zum Beispiel Offenbarung 2, 10); vereinzelt kommt es zu Martyrien (Offenbarung 2, 13). Auch treten in den Gemeinden falsche Lehrer und Propheten auf (Offenbarung 2, 2.20), die die Teilnahme an öffentlichen heidnischen Kultfeiern für mit dem christlichen Glauben vereinbar halten. Sie fordern die Christen dazu auf, Fleisch zu essen, das den heidnischen Göttern geopfert wurde (Offenbarung 2, 14f.20). Diese Anpassung an die gesellschaftlichen Ideologien und Trends geht dem Verfasser entschieden zu weit. Für ihn sind solche Verkünder Irrlehrer und Verführer. Der Prophet Johannes – sein Name steht in Offenbarung 1, 1.4.9; 22, 8, zum prophetischen Charakter der Offenbarung vgl. 22, 7.9.10.18f) will seine Gemeinden ermahnen, aber auch trösten und ermutigen. Dabei stützt er sich vor allem auf Visionen, die Gott ihm schenkt. In unserer Lesung blickt Johannes in die Zukunft; er sieht Gottes endzeitliches Handeln. Gott lässt diese Welt vergehen. Vom Himmel her sendet er das neue Jerusalem zu den Menschen hinab – schön wie eine Braut.

Der Untergang der Erde am Ende der Zeit ist also nicht Ergebnis einer innergeschichtlichen Naturkatastrophe. Es geht um einen Vorgang, der jenseits unserer Geschichte liegt und der Ausdruck des Heilswirkens Gottes ist. Das Meer ist im biblischen Verständnis der Ort der gottfeindlichen Mächte. So sieht es auch die Apokalypse. Dem Meer entsteigt das Ungeheuer, das gegen die Christen wütet und das für die religiösen Ansprüche des römischen Reiches steht – Kaiserverehrung und heidnische Götterkulte: „Und ich sah: Ein Tier stieg aus dem Meer, mit zehn Hörnern und sieben Köpfen. Auf seinen Hörnern trug es zehn Diademe und auf seinen Köpfen Namen, die eine Gotteslästerung waren“ (Offenbarung 13, 1). Am Ende wird das Meer nicht mehr sein; die Mächte, die die Christen bedrohen, von Gott abbringen und zur Verehrung römischer Staatsgötter zu zwingen versuchen, werden nicht mehr existieren. Das Gericht über sie wird in Offenbarung 19, 20–21 in grausamen Bildern geschildert: „Das Tier wurde gepackt und mit ihm der falsche Prophet; er hatte vor seinen Augen Zeichen getan und dadurch alle verführt, die das Kennzeichen des Tieres angenommen und sein Standbild angebetet hatten. Bei lebendigem Leib wurden beide in den See von brennendem Schwefel geworfen. Die Übrigen wurden getötet mit dem Schwert, das aus dem Mund des Reiters kam; und alle Vögel fraßen sich satt an ihrem Fleisch.“

Die neue Welt Gottes ist in der Lesung als eine Stadt beschrieben, die Gott im Himmel geschaffen hat und die er nun hinablässt, damit die Menschen in sie eintreten können. Im Unterschied zu jüdischen Apokalypsen, von denen einige dem Verfasser der Apokalypse sicher bekannt waren, ist das himmlische Jerusalem in unserem Text eine Heimat nicht nur für die Juden, sondern für alle Menschen. Es ist offen für alle, die an Gott und Christus glauben und die ihrem Glauben treu geblieben sind. Diese universale Perspektive hängt natürlich mit dem missionarischen Charakter der Kirche zusammen. Die Kirche soll alle Menschen zur Fülle des Heils führen. Entsprechend werden im künftigen Jerusalem, der „Wohnung Gottes unter den Menschen“ (Offenbarung 21, 3), alle Völker vertreten sein.

Die Hoffnung auf den Himmel stärkt auch heute

Diese universale Sicht mahnt uns, über unsere lokale Kirche hinauszublicken und auch die weltkirchlichen Belange in den Blick zu nehmen. Viele unserer Mitchristen in anderen Ländern leiden unter massiven Benachteiligungen und Bedrohungen und leben ihren Glauben unter Lebensgefahr. Im himmlischen Jerusalem gibt es weder Krieg noch Verfolgung, weder Krankheit noch Tod: Gott „wird alle Tränen von ihren Augen abwischen: Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal. Denn was früher war, ist vergangen“ (Offenbarung 21, 4).

Dies war ein Trost für die Adressaten der Johannesapokalypse damals am Ende des ersten Jahrhunderts. Es ist ein Trost für alle Christen, die heute Schmähungen und Verfolgungen bis hin zum Martyrium ausgesetzt sind. Die Hoffnung auf das himmlische Jerusalem gibt den Leidenden unter uns Kraft, auch den Sterbenden und uns allen, die wir immer wieder auf die Gefährdung unseres Lebens und auf unsere Hinfälligkeit gestoßen werden. Gott wird denen im himmlischen Jerusalem die Fülle des Lebens schenken, die ihm treu geblieben sind und die sich nicht haben verwirren lassen von falschen Propheten innerhalb und außerhalb der Kirche.

Sonntagslesung: Zur DNA der Gottessohnschaft Am Kreuz führt kein Weg vorbei Sacharja 12, 10–11; 13,1; Galater 3, 26–29; Lukas 9, 18–24 Zu den Lesungen des 12. Sonntags im Jahreskreis (Lesejahr C):
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