Sonntagslesung: Jesaja 43, 16–21 Philipper 3,8–14 Johannes 8, 1–11:

Orientierung nach vorne Lassen, was von Gott trennt. Von Martin Grichting

Das menschliche Gedächtnis hat die Eigenschaft, dass es Ereignisse nicht nur speichern, sondern auch vergessen kann. Beides ist für den Menschen wichtig. Wenn wir alles vergessen würden, könnten wir kein normales Leben mehr führen. Es gibt ja Krankheiten, die zum totalen Vergessen führen. Solche Menschen müssen betreut werden. Wenn ein Mensch jedoch nichts zu vergessen vermag, kann dies – jedenfalls in schweren Fällen – auch eine Art von Krankheit sein.

Wer Ereignisse immer wieder neu durchlebt, hat auch ein Problem. Im Extremfall kann das eine „Posttraumatische Belastungsstörung“ sein, wie es die Psychologen nennen. Das heißt: Menschen, die etwas Schreckliches – zum Beispiel ein Verbrechen oder einen Unfall – erlebt haben, können das anschließend einfach nicht vergessen. Sie wiederholen in ihrer Erinnerung zwanghaft das unbewältigte Erlebnis, einmal und immer wieder, manchmal jahrelang.

Im Gedächtnis behalten und vergessen sind also wichtig. Das gilt schon im ganz normalen Leben. Es gilt jedoch auch in unserem Leben als Christen. Beide Dimensionen sind auch gar nicht voneinander zu trennen, denn wir führen ja nicht zwei getrennte Leben.

Die drei Bibelabschnitte des Passionssonntags kreisen auch um die Fragen, wie man mit Vergangenem umgehen soll. Schon im Alten Testament spricht der Herr durch den Propheten Jesaja zum Volk: „Denkt nicht mehr an das, was früher war; auf das, was vergangen ist, achtet nicht mehr! Siehe, nun mache ich etwas Neues“ (Jesaja 43, 18f.).

Und in der zweiten Lesung sagt Paulus im Philipperbrief: „Ich halte dafür, dass alles Verlust ist, weil die Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn, alles überragt. Seinetwegen habe ich alles aufgegeben und halte es für Unrat, um Christus zu gewinnen. (…) Ich vergesse, was hinter mir liegt, und strecke mich nach dem aus, was vor mir ist“ (Philipper 3, 8.13). Dem Apostel Paulus ist es also gelungen, mit manchem abzuschließen, was er vorher war: Er hatte Christus verfolgt, hatte sich gegen den Willen Gottes gestellt, gesündigt. Aber nun konnte er das loslassen. Er ist versöhnt mit seiner Vergangenheit. Er hat bereut, und es wurde ihm vergeben.

Vergebung annehmen und Vergangenes ruhen lassen

Paulus kann seine Vergangenheit auf sich beruhen lassen, weil er weiß, dass das gilt, was das heutige Evangelium uns sagt: Gott selbst kann sozusagen vergessen. Er kann das, was im Leben eines Menschen gewesen ist, auf sich beruhen lassen. Denn Jesus ist bereit, einer Frau, die schwer gesündigt hat, weil sie Ehebruch begangen hat, zu verzeihen. Jesus will nicht verurteilen, obwohl das Gesetz des Mose es zulassen würde. Diese Frau müsste nach jenem Gesetz gesteinigt werden. Aber Jesus will das nicht. Er schaut nicht nach hinten, sondern nach vorne. Deshalb sagt er ihr: „Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!“ (Johannes 8, 11).

Dieses Nach-Vorne-Schauen, das Vergessen dessen, was gewesen ist, wäre auch für uns alle wichtig, und zwar in verschiedener Hinsicht. Zuerst einmal in Bezug auf uns selbst. Manche Menschen können sich selbst nicht verzeihen. Sie verzeihen sich diesen oder jenen Fehler nicht, dieses oder jenes persönliche Versagen. Hier muss man wirklich einmal einen Punkt zu machen versuchen und sagen: So wie es gewesen ist, ist es gewesen. Ich habe mich damals so entschieden, ich habe mich so und so verhalten. Das und das waren die Gründe. Es hat sich als großer Fehler herausgestellt. Oder: Es war dumm und kurzsichtig. Aber nun ist es so. Ich stehe dazu. Es ist ein Teil meines Lebens, meiner Biografie geworden. Und ich will hier und heute das Beste daraus machen. Ich will mich nicht länger daran reiben, sondern es als Teil meiner selbst annehmen und nach vorne schauen. Also: Man muss auch sich selbst verzeihen können, allenfalls bereuen und dann damit abschließen.

Schuld abladen und sich neu auf Christus ausrichten

Vergessen und Abschließen sollen wir aber auch den anderen gegenüber. Es gibt manchmal alte Feindschaften und Rivalitäten, die nicht vergessen werden, die immer wieder aufgewärmt, ja sogar gepflegt werden. Auch hier sollte man einmal wie der Apostel Paulus sagen können: „Ich vergesse, was hinter mir liegt, und strecke mich nach dem aus, was vor mir ist“ (Philipper 3, 13). Denn das Pflegen von Feindschaften bringt nichts, weder mir noch den anderen. Es verbaut die Zukunft. Wer beim Autofahren ständig in den Rückspiegel schaut, fährt irgendwann gegen die Wand.

Diese zwei Arten, zu vergessen und abzuschließen, werden uns jedoch nur gelingen, wenn wir noch in einer dritten Art reinen Tisch machen können. Das Loslassen wird nur gelingen, wenn wir jemanden haben, bei dem wir unser Versagen und unsere Fehler abladen können. Damit sind wir wieder beim Evangelium. Wir können uns nur wirklich mit unserer Vergangenheit versöhnen, wenn wir uns neu auf Jesus Christus ausrichten.

Das, was vorher war, hinter uns lassen können wir nur, wenn wir ein neues Ziel ins Auge fassen, wenn wir wie Paulus sagen können: „Seinetwegen habe ich alles aufgegeben und halte es für Unrat, um Christus zu gewinnen“ (Philipper 3, 8). Ja, erst wenn wir uns wieder ganz Gott zuwenden, wenn wir sehen, worauf es letztlich ankommt, dann können wir all das andere, das Belastende, die Sorgen und die Verletzungen der Vergangenheit hinter uns lassen. Sie sind dann wirklich nicht mehr als Unrat, weil wir etwas viel Größeres vor Augen haben.

Es ist klar, was damit gemeint ist: Es ist die Versöhnung mit Gott, die er uns durch seine Kirche anbietet im Sakrament der Versöhnung. Dieses Sakrament ist uns geschenkt, damit es auch in unserem Leben das gute Vergessen gibt, das aus der Versöhnung mit Gott und den Mitmenschen kommt. Dieses Sakrament wird uns neu helfen, wie es schon Jesaja sagte, nicht mehr auf das Alte, das Versagen zu blicken. Nutzen wir die verbleibende Zeit bis Ostern dazu, den Schutt in unserem Leben wegzuräumen.

Mit uns selbst, mit dem Nächsten und mit Gott versöhnt, können wir dann nach vorne auf das hin schauen, was unserem Leben allein Sinn und Orientierung gibt: die Erkenntnis und Gemeinschaft mit Christus, die alles überragt, wie es Paulus heute im Philipperbrief sagt (Philipper 3, 8).

Sonntagslesung: Über die Schönheit der Apokalypse Die Hoffnung der Christen leuchtet auf als Kathedrale des Lichts Apostelg. 15, 1–29; Offenbarung 21, 10–23; Johannes 14, 23–29 Zu den Lesungen des sechsten Sonntags der Osterzeit (Lesejahr C):
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