Sonntagslesung: Genesis 15, 5–12.17–18; Philipper 3, 17–4, 1; Lukas 9, 28b–36. Zu den Lesungen des zweiten Fastensonntags (Lesejahr C).

Die Verwandlung des Menschen Von der Verherrlichung Gottes im eigenen Leib. Von Klaus Berger

Es gibt nach dem Neuen Testament eine besondere, zunächst rätselhafte Beziehung zwischen dem Leib des Menschen und der Herrlichkeit Gottes. Warum sollen gerade diese beiden Dinge etwas miteinander zu tun haben? Und dabei sind nicht die inneren Organe das besonders Rätselhafte, sondern das äußere Erscheinungsbild, die sogenannte Schönheit. Und alles dieses steht in grundlegender Beziehung zur Seele.

Jedenfalls ist die „Seele“ nicht irgendwo separat davon zu suchen. Und dieses sind dafür die interessantesten Texte des Neuen Testaments: Nach dem Verklärungsbericht der drei ersten Evangelien werden Gewand und Gesicht Jesu leuchtend weiß, die Propheten Moses und Elias erscheinen, eine Stimme vom Himmel ertönt und redet über Jesus als den geliebten Sohn. Also spricht Gott selbst, was auch im Neuen Testament nur ganz selten geschieht, obwohl wir die ganze Bibel „Wort Gottes“ nennen. Verklärung aber heißt: Verwandlung in Herrlichkeit. Nach Philipper 3, 31 aus der heutigen Lesung wird Jesus unseren „elenden menschlichen Leib so verwandeln, dass er einem verherrlichten Leib ähnlich wird“. Und von der Verwandlung des Leibes redet auch Paulus. Nach 1 Korinther 15, 51 werden wir alle verwandelt und mit Unsterblichkeit beschenkt. Ausführlich hatte Paulus zuvor von der Herrlichkeit der Auferstehung gesprochen. Für die Gegenwart aber geht es nach 1 Korinther 6, 20 darum, dass die Christen „Gott verherrlichen mit ihrem Leib“. So gilt: Wer Gott verherrlicht mit seinem Leib, der wird Gott verherrlichen an seinem Leib.

Die Bibel kennt die Verklärung des Antlitzes des Moses nach seiner Gottesbegegnung auf dem Sinai. Und auch das Antlitz des Stephanus leuchtet nach seiner „inspirierten“ Rede. Das Judentum kennt das auch vom neugeborenen Noah und seinem strahlenden Antlitz und Haaren. Dass die Kleider auch bei der Verklärung Jesu betroffen sind, rührt daher, dass zwischen Kleid und Leib eine enge Beziehung besteht.

Die Gottesbegegnung betrifft daher nach allen diesen Zeugnissen nicht eine rein innerliche „Glückseligkeit“ oder gar nur „gefühlte Vorstellungen“, sondern betrifft die leibseelische Einheit, und zwar in folgenden Hinsichten: Es geht weit mehr um den Status im Gesamtgefüge der Beziehungen – daher: der geliebte Sohn –, als um den Lichtglanz allein. Deshalb sitzt der verherrlichte Auferstandene auch zur Rechten Gottes, denn es geht um seine Nähe zu Gott. Und die Verklärung Jesu ermöglicht es, dass Jesus mit seinen „Amtskollegen“ Moses und Elias reden kann, ja, sie als Sohn noch an Würde und Nähe zu Gott überragt.

Wenn die Verklärung durch Herrlichkeit zugleich Verwandlung ist, dann bedeutet sie Unsterblichkeit. Das aber ist nicht einfach nur „länger leben“ oder „immer älter werden“, sondern eine Systemveränderung. Vor allem ist „ewiges Leben“, nicht einfach ein Bewusstseinswandel. Am weitesten wagt sich Apokalypse 21, 3f vor. Doch alle frühchristlichen Zukunftsaussagen betreffen nie irgendeine ferne Zukunft, sondern stets, gerade deshalb, weil der Messias schon gekommen und Gott schon Mensch geworden ist, immer auch bereits die Gegenwart. Und deshalb gilt, etwa im Blick auf Epheser 5 und seine Aussagen über Christus/Kirche und Mann/Frau: Eine christliche Ehe ist, theologisch gesehen, also der Anlage nach, so etwas wie ein Sechzigstel des Himmelreiches. Und, wie schon zu „Status“ angedeutet: Herrlichkeit und Verherrlichung besteht in der Akzeptanz, die wir einander schenken. Denn das sind zwei Seiten derselben Medaille: Die Ehre, die wir Gott zusprechen und der Friede, den wir miteinander halten. Das gilt schon in einer Ehe: Keine Liebe ist möglich, wenn wir nicht zunächst den anderen hoch achten.

Wenn wir von Herrlichkeit oder der Verwandlung in Herrlichkeit sprechen, meinen wir nicht eine obskure Licht-Metaphysik, sondern die Ehre, die wir dem anderen einräumen, schenken, zukommen lassen. Und wenn Paulus sagt: Verherrlicht Gott mit eurem Leib, meint er zuallererst: Daran, wie ihr mit eurem Leib umgeht, daran, für was ihr euren Leib hergebt, kann man erkennen, ob ihr Gott verachtet oder ob er in eurem Leben die Ehren- und Vorrangstellung hat, die ihm gebührt, ob ihr ihn als euren Herrn anerkennt.

Und wenn Paulus im Philipperbrief sagt, Gott werde unseren Leib verherrlichen, dann meint das nicht zuerst etwas Medizinisches, sondern alle Mängel, derentwegen wir uns zu schämen pflegen. Paulus hat den Zusammenhang zwischen Minderwertigkeitsgefühl und Sünde erkannt. Durch die Anerkennung, die dem Getauften von Gott her zuteil wird, kann der elende Zusammenhang zwischen „Sich preisgeben weit unter der eigenen Würde“ und Sünde durch Gott zunächst kultisch-sakramental repariert werden.

Das Stichwort heißt Anerkennung. Wir kennen das aus Tarifverhandlungen. Wichtiger als eine bestimmte Summe ist den Menschen oft die Anerkennung für geleistete Arbeit. Und ebenso ist das Wort „Anerkennung“ (gr.: doxazein) „ein Fachausdruck der Missionssprache, wörtlich verstanden: Gott lobpreisen, der Sache nach: Gott als den einen und einzigen Gott anerkennen“. Oder: Gott die Ehre geben.

Und wenn nun nach den christlichen Aussagen über Erlösung auch die Erlösung des Menschen darin besteht, dass er „anerkannt“ wird, dann heißt es: Er gehört zu uns, er wird als Mitchrist anerkannt. Die Mystik der „Verherrlichung“ (Hans Urs v. Balthasar: Herrlichkeit I–III, 1961–69) ist nicht geheimnisvoller als anderes auch, sondern bedeutet: Anerkennung der Zugehörigkeit. Verherrlichung Gottes und Verwandlung des Menschen in Herrlichkeit bedeutet, „Ehre wem Ehre gebührt“ als Ausdruck eines Ordo-Konzeptes. Auch das Gegenteil, Tod, ist zunächst sozialer Tod – nur so ist übrigens auch Römer 5, 12–14 zu verstehen als tödlicher Abbruch der Beziehung zu Gott. Dass dieses besonders den Leib betrifft, rührt daher, dass der Leib biblisch gesehen, ein höchst differenziertes Organ ist, nämlich das soziale Kontaktorgan schlechthin. Nicht ein Klumpen Fleisch.

Sonntagslesung: Zur DNA der Gottessohnschaft Am Kreuz führt kein Weg vorbei Sacharja 12, 10–11; 13,1; Galater 3, 26–29; Lukas 9, 18–24 Zu den Lesungen des 12. Sonntags im Jahreskreis (Lesejahr C):
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