Sonntagslesung: Jeremia 17, 5–8; 1 Korinther 15, 12–20; Lukas 6, 17–26 Zu den Lesungen des sechsten Sonntags im Jahreskreis (Lesejahr C).

Lebenshaltungen aus dem Evangelium Göttlicher Fels statt irdischer Treibsand. Von Manfred Hauke

„Selig die Menschen, die über ein dickes Bankkonto verfügen, die in kulinarischen Genüssen und Vergnügungen schwelgen, die von allen Menschen mit Lob überhäuft werden!“ Hätte Jesus so gesprochen, bekäme er wohl von den meisten Menschen lebhafte Zustimmung: Ja, genau, das wünsche ich mir auch: Reichtum, gute Mahlzeiten, Feste feiern und gelobt werden.

Was wir aber heute im Evangelium hören, klingt ganz anders: Arm sein, Hunger, Tränen und Beschimpft-werden preist der Herr selig, während er Reichtum, Satt sein, Lachen und Lob mit einem Weheruf versieht. Jeder einzelne Satz ist eine ungeheure Provokation, die alle normalen menschlichen Maßstäbe über den Haufen wirft. Gerade das, was nach landläufigen Vorstellungen glücklich macht, wird von Jesus verworfen, und das, was mit Elend verbunden ist, wird seliggepriesen. Sind solche Worte von uns Menschen überhaupt zu verkraften?

„Selig ihr Armen, denn euch gehört das Reich Gottes.“ So lautet die erste Seligpreisung. Der Beginn der Feldrede bei Lukas ist ganz ähnlich aufgebaut wie der Anfang der Bergpredigt bei Matthäus. Während wir bei Matthäus acht Seligpreisungen finden, überliefert uns Lukas vier Seligpreisungen und vier Weherufe, die jeweils in einem Gegensatz zueinander stehen. Die Akzente sind dabei etwas verschieden gesetzt, aber im Kern geht es um das Gleiche. „Armut“ meint nicht einfach materielles Nichts haben, sondern den äußeren Ausdruck einer Haltung gegenüber Gott: Wer von der Welt nichts zu erwarten hat, ist ganz angewiesen auf die Hilfe Gottes und erwartet alles von ihm. Entscheidend dabei ist hier die innere Haltung, die Gott – und nicht den Götzen Mammon – an die erste Stelle setzt. Matthäus formuliert darum: „Selig die Armen im Geiste, denn ihrer ist das Himmelreich.“

Als Gegensatz zu den Armen ergeht über die Reichen ein Weheruf: „Weh euch, die ihr reich seid; denn ihr habt keinen Trost mehr zu erwarten.“ Wenn man den Satz genau übersetzt, müsste man sagen: „Ihr habt euren Trost (schon) empfangen“, euren Trost oder Beistand schon quittiert bekommen. Wie eine Rechnung als bezahlt quittiert wird, so bekommt der Mensch, der irdisches Glück an die erste Stelle setzt, nichts Weiteres. Er muss sich mit dem beschränkten Glück dieser Erde zufrieden geben und darf nicht teilhaben an der Freude im Reiche Gottes. Gott gibt sich nicht damit zufrieden, so eine Art Rückversicherung für Menschen darzustellen, die ihn ansonsten an die Seite setzen, sondern er verlangt den ersten Platz in unserer Liebe.

„Selig, die ihr jetzt hungert, denn ihr werdet satt werden.“ „Weh euch, die ihr jetzt satt seid, denn ihr werdet hungern.“

Irdische Not kann den Menschen öffnen für das Gnadengeschenk Gottes. Not lehrt beten. Allerdings kann eine Mangelsituation den Menschen auch zur Verzweiflung und Verbitterung führen. Entscheidend ist, alle Hoffnung auf Gott zu setzen.

Diese Hoffnung bezieht sich nicht auf einen Umsturz der irdischen Machtverhältnisse, sondern – wie es ausdrücklich heißt – auf den „Lohn im Himmel“. Umgekehrt meinen die Weherufe über die Reichen, Satten, nicht nur den Verlust irdischer Genüsse, sondern das ewige Unheil, das der Herr an anderer Stelle als „Feuer“ oder als „Heulen und Zähneknirschen“ umschreibt.

Gottes Willen Priorität einräumen

Es ist kein innerweltlicher Maßstab, sondern die Perspektive Gottes, der Blickwinkel der Ewigkeit, der Jesus zu seinen provozierenden Worten veranlasst. Das irdische Leben ist nicht aus sich selbst zu erklären, sondern steht sozusagen als Teststrecke da, so ungefähr wie mancherorts der Prüfungsparcours für die Autos beim TÜV: Der Mensch wird geprüft, und je nachdem er seine Existenz ausrichtet, empfängt er ewigen Lohn oder ewige Strafe.

„Selig, die ihr jetzt weint, denn ihr werdet lachen.“ „Weh euch, die ihr jetzt lacht; denn ihr werdet klagen und weinen.“ Wenn Jesus hier vom Lachen und Weinen spricht, dann schwingt beim frommen Israeliten die Erfahrung der Verbannung in Babylon mit, von der manche Psalmen sprechen. So etwa: „Die mit Tränen säen, werden mit Jubel ernten“ (Psalm 126, 5). Auch das irdische Leben des Christen ist in mancher Hinsicht wie das Verbannt sein in eine fremde, feindliche Welt, in der die Mächte des Bösen ihr Unwesen treiben. Aber durch Tod und Auferstehung Jesu hat bereits die große Wende begonnen, deren siegreiches Ende uns verheißen ist.

Die letzte Seligpreisung wendet sich an Menschen, die von den anderen um Christi willen gehasst, geschmäht und aus der Gemeinschaft ausgeschlossen werden. Der entsprechende Weheruf ergeht umgekehrt an die falschen Propheten, die den Menschen nach dem Mund reden und darum von allen gelobt werden.

Was die vier Seligpreisungen und vier Weherufe verkünden, drückt der Prophet Jeremia mit einem einprägsamen Bild aus der Pflanzenwelt aus: Wer auf Menschen vertraut und sich von Gott abwendet, ist wie ein kahler Strauch in der Steppe; wer sich hingegen auf Gott verlässt, auf ihn seine Hoffnung setzt, ist wie ein Baum, der an belebenden Wassern gepflanzt ist, dessen Blätter auch in der glühendsten Hitze nicht welken und der reiche Früchte bringt.

Um die hierin ausgedrückte Grundhaltung geht es auch dem sonntäglichen Evangelium: sich von Gott lenken lassen und nicht Reichtum und menschliche Ehre an die erste Stelle setzen. Was am Beginn der Feldrede wie am Beginn der Bergpredigt bei Matthäus erscheint, wird am Ende der Reden mit einem eindrucksvollen Bild wieder aufgegriffen, mit dem Bild des Hausbaus: Worauf baue ich mein Leben? Und auch hier zeigt sich im Kern der gleiche Gedanke wie bei Jeremia und wie in den Seligpreisungen: Es geht darum, das Leben auf den göttlichen Fels zu bauen und nicht auf irdischen Treibsand.