Sonntagslesung: Jesaja 6, 1–8; 1 Korinther 15, 1–11; Lukas 5, 1–11 Zu den Lesungen des fünften Sonntags im Jahreskreis (Lesejahr C).

Warum auch Paulus das leere Grab voraussetzt Die Auferstehung betrifft den ganzen Menschen. Von Klaus Berger

Auf die großen Fragen des Lebens antworteten die Heiden zur Zeit des Paulus mit zeitlosen Mythen, Göttergeschichten also. Die Bibel dagegen knüpft stets an die Geschichte an.

Paulus liefert hier deshalb einen historischen Vorspann zu seinem Kapitel über die Auferstehung. Er verteidigt die künftige allgemeine, leibliche Auferstehung aller Christen. Er tut das gegenüber Menschen in Korinth, die jedenfalls an eine solche Auferstehung nicht glauben. Vielleicht hatten sie eine allgemeine Unsterblichkeit der Seele angenommen, oder einfach gesagt: Mit dem Tod ist alles aus. Mit dem Blick auf dieses Beweisziel des ganzen Kapitels 15 erweist Paulus in den Versen eins bis elf die Tatsächlichkeit der Auferstehung Jesu ganz sicher. Darauf baut er die gesamte weitere Argumentation auf. Andererseits aber nennt Paulus eine ganze Liste über 530 Zeugen der Auferstehung Jesu, zu denen er auch selbst gehört. Denn so hat er Autoritäten genannt, die dieses Ereignis auslegen und kommentieren können, weil sie Augenzeugen sind. Diese Kompetenz entfaltet der Apostel in der Folge gleichfalls.

Meint Paulus hier also Meinungen oder wirkliche Geschehnisse, die, wenn auch vom Himmel her, so doch in Raum und Zeit stattfanden? Und schließlich: Auf welcher Ebene müssten wir modernen Menschen diese Ereignisse ansiedeln? Paulus selbst jedenfalls rechnet mit objektiven Ereignissen, denn die Geschichte, nicht das Innenleben, Phantasie oder gar Träume ist für ihn vor allem der Raum, in dem Gott dem Menschen begegnen will. Paulus geht es dabei vor allem – das wird dann aus dem Rest des Kapitels deutlich – um die neue Leiblichkeit der neuen Schöpfung. So leibhaftig Adam und Eva waren, so leibhaftig ist die Auferstehung Jesu und wird der Tod verschlungen werden.

Allerdings berichtet Paulus gar nichts vom leeren Grab, also sei das Grab nach seiner Auffassung „voll“ gewesen und Jesus in der Erde verwest. Der Auferstandene sei demnach rein geistig erschienen und nicht in verwandelter Leiblichkeit. Doch aus folgenden Gründen darf man erschließen, dass auch Paulus ein leeres Grab zu Ostern voraussetzt: Als Religionsgeschichtler antworte ich: Dem gesamten antiken Judentum ist die Vorstellung von etwas „rein Geistigem“ im Unterschied zu „Körper“ nicht bekannt. Rein Geistiges gibt es nicht, denn es gibt keinen Dualismus von Geist und Materie. Diese exklusive Zweiteilung gibt es in der Alten Welt nur im späteren Platonismus. Aber Paulus ist Jude, und daher wird er sicher, wenn er schon von Auferstehung redet, zwingend auch an etwas Körperliches gedacht haben.

Hinzu kommt: Das Judentum dieser Zeit teilt mit seiner hellenistischen Umwelt den Ausdruck „Verwandlung“. Der Sache nach geht es dabei um eine ganzheitliche Veränderung des Menschen zum Besseren hin. Auch außerhalb der Bibel ist dieses ein göttlicher Vorgang. Bei den Heiden werden die Menschen zur Natur hin zurückverwandelt. Nach dem Judentum dagegen kann ein Mensch zu Gott hin verwandelt werden; etwa dann, wenn er in den Bereich Gottes eintritt oder vor Gottes Thron steht. Oder so: Wenn der Leib neue, nämlich himmlische Kleider erhält, erstrahlt er in einem himmlischen, Gott gemäßen Licht. Bei Paulus ist von der Verwandlung die Rede. Er spricht davon, dass die Christen verwandelt werden, wenn wir ein neues Kleid, einen neuen Leib anlegen. Bei aller Verwandlung aber ist immer vorausgesetzt, dass der alte Mensch, und zwar natürlich inklusive Leib, verwandelt wird und dass der alte Leib eben nicht daneben her noch weiter existiert. Nein, bei der Verwandlung wird etwas verwandelt, nämlich der ganze alte Mensch. Wenn das Sterbliche das Unsterbliche „anzieht“ (1 Korinther 15, 53), wird das, was sterblich war, verwandelt. Das Bild des Verschlingens bedeutet: Das Sterbliche ist dann nicht mehr da. Es ist im Neuen „aufgehoben“ im doppelten Sinne des Wortes.

Genauso wird das auch der Rheginusbrief im zweiten Jahrhundert deuten: „Der Erlöser hat den Tod verschlungen… Er legte die vergehende Welt beiseite. Jesus verwandelte sich in eine unvergängliche Himmelsmacht. Er ließ das Sichtbare durch das Unsichtbare verschlungen werden und erstand von den Toten auf. So hat er uns den Weg geschenkt, auf dem wir unsterblich werden können. Dann gilt, was der Apostel sagt: Wir leiden mit ihm, wir stehen mit ihm von den Toten auf, wir gehen in den Himmel mit ihm.“ Und ebenso deutet auch die Totenpräfation des Requiems: „Denen, die an dich glauben, Herr, wird das Leben nicht genommen, sondern verwandelt“. Es ist das Wesen jeder Verwandlung, dass das Alte in das Neue hineinverwandelt ist. Aus allen diesen Gründen ist zwingend vorauszusetzen, dass Paulus für seine Aussage über die Auferstehung Jesu das leere Grab voraussetzt, auch wenn er keinen eigenen Bericht über dessen Auffindung bringen kann. Das Verschlungenwerden alles dessen, was sterblich war, bedeutet dessen restlosen Ersatz durch Neues.

Was bedeutet das für unseren Glauben? Die Kategorie der Verwandlung beschreibt das Neue höchst zurückhaltend. Die neue Schöpfung ist weder ein wiederhergestelltes Paradies noch ein Gegenstand beliebiger Phantasien. Paulus sagt nur: Der Tod wird nicht mehr sein. Die enge Begrenztheit durch Sterblichkeit wird aufgehoben sein. Denn Verwandlung heißt: Es wird anders sein, und zwar tröstlich und in Richtung größerer Ähnlichkeit mit Gott. Das ist nüchtern, das ist alles – und es ist dennoch unfassbar. Insofern ist das, was Paulus hier sagt, typisch für christliche Mystik: Jedes Schwelgen in Phantasien wäre eine Beleidigung Gottes. Diese Mystik stößt uns mit strikter Konzentration auf das, was allein wesentlich ist: der Sieg über den Tod.

Etwas anderes ist genauso wichtig: Wir selbst werden verwandelt werden. Es wird also nicht ein neuer Mensch gleichen Namens geschaffen. Das, was bleibt, was kontinuierlich sein wird, ist die Personalität jedes Einzelnen inklusive der Tatsache leiblicher Existenz. Paulus meint das, indem er sagt: „Wir“ werden verwandelt werden. „Wir“ heißt: jeder Einzelne. Denn jeder Einzelne ist unvertretbar und unersetzlich.

Sonntagslesung: Was darf der Beter von Gott erwarten? Der Heilige Geist ist die eigentliche Gabe des Himmels Genesis 18, 20–32, Kolosser 2, 12–14, Lukas 11, 1–13 Zu den Lesungen des 17. Sonntags im Jahreskreis (Lesejahr C):
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