Sonntagslesung: Doppelte Weihnachten. Wenn Gottes Geheimnis aufleuchtet.

Jesaja 60, 1–6; Epheser 3, 2–6; Matthäus 2, 1–12. Von Martin Grichting

Das Hochfest der Erscheinung des Herrn, das Fest der heiligen drei Könige, ist ein zweites Weihnachtsfest. Nicht die Hirten vom Felde kommen diesmal zum Jesuskind in der Krippe, sondern die drei Weisen aus dem Morgenland.

Diese Verdoppelung von Weihnachten hat einen tiefen Sinn. Denn wir feiern am 6. Januar noch einmal Weihnachten, weil beim ersten Mal noch längst nicht alles gesagt worden ist. Weihnachten, wie wir es am 25. Dezember feiern, bliebe ohne das Fest der Erscheinung des Herrn unvollständig. Beim ersten Weihnachtsfest feiern wir, dass Gott sich arm gemacht hat, ein Mensch geworden ist wie wir, gleich wie wir, außer der Sünde (Philipper 2, 6–11). Wir schauen alle gerührt auf das kleine Jesuskind, das uns von Gottes Liebe und Barmherzigkeit kündet. Das ist kein Kitsch, auch wenn es manchmal in unserer kommerzialisierten Gesellschaft so aussehen mag. Dahinter steht ein zutiefst christlicher Gedanke, ein wesentlicher Aspekt unseres Glaubens: Gott kommt zu uns in Liebe und Sanftmut. Er lässt alle Macht fallen, entäußert sich, wird wie ein Sklave und uns Menschen gleich. Er will uns auf Augenhöhe begegnen. Als Kind geht er sogar noch unter Augenhöhe, damit wir ihn sehen können, ihm begegnen können. So sucht Gott unsere Gemeinschaft. Gottes Liebe und Wahrheit tun sich sanft kund. Sie wollen unser Herz anrühren, es behutsam, nicht gewaltsam bekehren. Gott kommt nicht in Übermacht, um unsere äußere Konformität zu erzwingen, sondern er kommt sanft, um unser Herz zu gewinnen.

Das Dreikönigsfest, Erscheinung des Herrn, bringt dazu nun die notwendige Ergänzung. Wir sind zwar Kinder Gottes, Brüder und Schwestern des Kindes in der Krippe. Aber das allein zu betonen, könnte zu einer Vereinseitigung führen. Es könnte den Glauben an Gott banalisieren, verharmlosen. Darum sagt uns das heutige Fest: Dieses Kind in der Krippe ist der Herrscher der Welt. Und zu diesem Herrscher der Welt, dem König der Könige, kommen alle, pilgern sie, weil dieses Kind die Schlüssel des Himmelreiches in seinen Händen hält. Schon im Alten Bund ist das vorausgesehen worden vom Propheten Jesaja. Er berichtet uns von der großen Wallfahrt der Völker, der Könige und Herrscher, die kommen, um in der Stadt Gottes und in ihrem Heiligtum zu huldigen (Jesaja 60, 3–6). Die drei Sterndeuter aus dem Morgenland sind so betrachtet nur der Anfang einer gewaltigen, über die Jahrhunderte dauernden Wallfahrt, durch welche die Schönheit dieser Erde, das Beste, was Menschen zu bieten haben, Christus, dem König der Könige, zu Füßen gelegt wird: das Gold der christlichen Kirchen – denken wir nur an Ravenna –, das farbige Licht der Fenster der mittelalterlichen Kathedralen, die geistliche Musik der Jahrhunderte, welche die schönsten Melodien gefunden hat, um dem Herrscher der Welt zu huldigen (Matthäus 2, 11). Ja, schließlich brachten und bringen sich die Menschen selbst Christus dar, mit all ihrem Denken, Arbeiten und Tun, mit ihren Freuden und Leiden. Das ist die notwendige Ergänzung zum Kind in der Krippe: dass es der Herrscher der Welt ist, schon lange erwartet, dem alles zu Füßen gelegt werden muss. Und erst in dieser Polarität zwischen Weihnachten und Erscheinung des Herrn verstehen wir unseren christlichen Glauben richtig. Erst in diesem Gegenüber von Weihnachten und Dreikönigsfest erahnen wir in rechter Weise, wie Gott ist. Nur wenn wir beides zusammennehmen, das Barmherzig-menschlich-wehrlose-gütige des Jesuskinds in der Krippe und das Herrschend-gerechte-allmächtige des Königs der Könige, wird der Glaube vor Einseitigkeiten bewahrt, nur dann bleibt er katholisch, das heißt allumfassend.

Warum wir nicht an der Krippe stehen bleiben

Diese Polarität zwischen Weihnachten und Erscheinung des Herrn finden wir von nun an in jeder rechten Theologie und Glaubensverkündigung. Angefangen bei Jesus Christus selbst: Bleibt man beim Kind in der Krippe stehen – so sehr man dort stehen und staunen soll –, besteht die Gefahr einer Verharmlosung. Der Gottesglaube kann sich verflüchtigen. Wir erleben das heute. Wenn Jesus zu einem Lehrer der Moral oder zu einem Sozialreformer reduziert wird, wird er überflüssig. Denn solche gibt es schon genug. Das Dreikönigsfest sagt uns aber: Bevor uns Jesus eine Moral verkündet hat, hat er verkündet: Ihr seid zum ewigen Leben in Gott berufen: Das ist euer Ziel. Und darum lohnt es sich, nach den Geboten zu leben.

Gehen wir zur Kirche über. Auch da ist es wichtig, dass wir in ihr nicht nur Menschlich-Allzumenschliches, sondern Göttliches am Werk sehen. Sonst wird sie bald zur Menschenkirche verendlicht, in der es keine Erscheinung des Herrn mehr gibt, sondern nur noch Parlamente, Reden, Programme und Strukturen. Am Schluss weiß dann keiner mehr, worum es in der Kirche eigentlich geht. Ja, was ist denn die Aufgabe der Kirche? Sie soll uns zu Gott führen, zum ewigen Leben. Denn Jesus Christus ist Mensch geworden, damit wir seine Miterben werden, wie es in der zweiten Lesung heißt (Epheser 3, 5).

Auch für uns persönlich hat die Polarität zwischen Weihnachten und Erscheinung des Herrn, zwischen wehrlos und allmächtig, zwischen menschlich und göttlich, zwischen barmherzig und gerecht, eine ganz konkrete Bedeutung. Auch wir dürfen nicht das eine zugunsten des anderen lassen, weil es uns einsichtiger oder bequemer ist. So ist Gott nachsichtig und lieb, weil er barmherzig ist. Aber Gott ist auch der Allmächtige, der Richter am Ende der Zeit, der König der Könige. Beides ergibt erst das gesunde Gottesbild. So sehen wir, dass am doppelten Weihnachtsfest schon das ganze Geheimnis Gottes aufleuchtet, wie es sich dann immer mehr entfaltet im Leben Jesu, bis hin zu den Geheimnissen seines Leidens, Sterbens und Auferstehens. In der Feier der Eucharistie, die auf die Predigt folgt, verbinden wir uns jedes Mal mehr mit Jesus Christus, ganz Gott und ganz Mensch, damit unsere Verbindung mit ihm gefestigt wird. Es ist jene Verbindung, die er durch seine Menschwerdung geschaffen hat.

Sonntagslesung: Zur DNA der Gottessohnschaft Am Kreuz führt kein Weg vorbei Sacharja 12, 10–11; 13,1; Galater 3, 26–29; Lukas 9, 18–24 Zu den Lesungen des 12. Sonntags im Jahreskreis (Lesejahr C):
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