Sonntagslesung

Wahre Weisheit ist nichts für Weichlinge Weisheit 2, 1a–20; Jakobus 3, 16–4, 3; Markus 9, 30–37 Zu den Lesungen des 25. Sonntags im Jahreskreis (Lesejahr B). Von Manfred Hauke

Sonntagslesung Wahre Weisheit ist nichts für Weichlinge Weisheit 2, 1a–20; Jakobus 3, 16–4, 3; Markus 9, 30–37 Zu den Lesungen des 25. Sonntags im Jahreskreis (Lesejahr B):
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Im Leben einzelner Menschen und Völker, aber auch in der Geschichte der Kirche finden wir mitunter Situationen, die von Stichworten wie „Chaos“, „Bedrohung“ und „Stürme“ beschrieben werden können. Der Jakobusbrief, die zweite Sonntagslesung, spricht von „Unordnung“ und „bösen Taten“. Jakobus begnügt sich freilich nicht mit der Beschreibung dieser „Unordnung“, sondern deutet auch auf einen Weg, die Probleme zu lösen: da braucht es die „Weisheit von oben“. „Weisheit“ ist nicht dasselbe wie „Wissen“. Es geht nicht darum, Vieles zu wissen, sondern das Entscheidende zu erkennen, das, worauf es im Leben wirklich ankommt. Die Ausrichtung der Weisheit auf die rechte Gestaltung des Lebens zeigt sich der Beschreibung des Jakobus: die „Weisheit von oben“ ist „friedlich, freundlich, gehorsam, voll Erbarmen und reich an guten Früchten“.

Ein solches Verhalten ist nicht nur Frucht unseres guten Willens, sondern wird von Gott selbst ermöglicht, der uns „von oben“ die Weisheit schenkt. Gott ist bereit, diese Weisheit in freigebiger Weise über uns auszugießen. Oft bleiben wir aber gleichsam wie harter, widerspenstiger Asphalt, der nicht bereit ist, den „Regen“ der göttlichen Gnade in sich aufzunehmen. Und warum nicht? Einen Grund dafür nennt Jakobus: „Ihr erhaltet nichts, weil ihr nicht bittet.“ Nicht bitten, das heißt man meint, die wahre Weisheit und das rechte Verhalten ergäben sich durch unsere eigene Klugheit von selbst. Weisheit aber ist letztlich ein Geschenk, das immer wieder erbeten sein will. „Bittet, und ihr werdet empfangen“ (Matthäus 7, 8). Das Bitten hat sich dabei zu verbinden mit der rechten Haltung vor Gott, die das Evangelium uns im Kind vor Augen stellt. Ein Kind hat nichts aus Eigenem, es ist ganz angewiesen auf die Fürsorge der Eltern und der anderen Erwachsenen. Ein Kind macht sich normalerweise auch keine ängstlichen Sorgen, denn es weiß sich in der Obhut von Vater und Mutter geborgen. Die heilige Sorglosigkeit der Kinder Gottes ist etwas Großes, ein Geschenk der „Weisheit von oben“. Als Gegenstück zu dieser Kindeshaltung und der göttlichen Weisheit schildern die sonntäglichen Texte aus der Heiligen Schrift die Streitsucht. Die Apostel streiten darüber, wer von ihnen der Größte sei, und das ausgerechnet im Angesicht äußerster Bedrohung (nachdem Jesus ihnen zum zweiten Mal sein Leiden und seinen Tod angekündigt hat). Jakobus spricht von „Kriegen“ und „Streitigkeiten“ in den frühen Christengemeinden. Wer die kirchlichen Nachrichten der letzten Monate liest, gebraucht heute mitunter ganz ähnliche Worte. Und der Völkerapostel Paulus kann einmal sehr drastisch kritisieren, die Christen in Galatien würden einander „beißen“ und „fressen“ (Galater 5, 15). Ein Dechant sagte einmal, seine zeitraubendste und schwierigste Aufgabe sei es, die Streitereien in seinem Dekanat unter „gut katholischen“ Christgläubigen – Klerikern und Laien – zu schlichten. Die „Weisheit von oben“ ist dagegen, so Jakobus, friedlich und freundlich. Dieser innere Friede und die vom Herzen ausstrahlende Freundlichkeit kommt freilich nur dann zustande, wenn wir vorher gleichsam Krieg geführt haben. Jawohl, Krieg. Denn alle Streitigkeiten, so die Lesung, kommen „nur vom Kampf der Leidenschaften in eurem Innern“. Diese innere Unordnung ist eine Folge der Erbsünde. Damit dürfen wir uns freilich nicht abfinden, denn die noch ungezähmten Leidenschaften sind in uns belassen, um sie zu bekämpfen, wie es das Konzil von Trient betont: „Dass aber in den Getauften die Begehrlichkeit bzw. der Zündstoff bleibt, bekennt … dieses heilige Konzil; da sie für den Kampf (ad agonem) zurückgelassen ist, kann sie denen, die ihr nicht zustimmen und mithilfe der Gnade Christi mannhaft widerstehen, nicht schaden. Vielmehr wird sogar, ,wer recht gekämpft hat, den Kranz erhalten‘ (2 Timotheus 2, 5)“ (DH 1515). Dieser Krieg dauert solange wir leben und erfordert stets Wachsamkeit. Nur wenn wir gewissermaßen den alten Adam oder die alte Eva in uns niedergerungen haben, sind wir friedensfähig. Friede und Freundlichkeit ist also nicht die harmlose Duldsamkeit eines Waschlappens, der alles an sich geschehen lässt. Die Weisheit von oben weiß, wenn es sein muss, auch zu streiten. Die erste Lesung, aus dem Buch der Weisheit, bietet dafür ein Beispiel. Sie beschreibt, wie die Gottlosen den Gerechten kritisieren: „Er wirft uns Vergehen gegen das Gesetz vor und beschuldigt uns des Verrats an unserer Erziehung.“ Immer wieder gibt es Situationen, in denen wir Christen wie Sand im Getriebe der Welt sein müssen und keineswegs wie Öl, das den Motor schmiert für die Fahrt in eine verkehrte Richtung.

Die Kritik ist aber auch im alttestamentlichen Weisheitsbuch verbunden mit Sanftmut und Geduld, und hierin scheint bereits das Beispiel Jesu auf, der Weisheit von oben in eigener Person: „Roh und grausam wollen wir mit ihm verfahren, um seine Sanftmut kennenzulernen, seine Geduld zu erproben“.

Eine weitere Eigenschaft der Weisheit besagt: sie ist „voll Erbarmen“. Barmherzigkeit kann verzeihen. Sie ist das Gegenteil von dem Verhalten, das man mit folgendem Bild schildern kann: „Kaum ist Gras über eine Sache gewachsen, da kommt irgendein Kamel und frisst das Gras wieder weg.“ Barmherzigkeit ist nicht nur bereit, Gras über etwas wachsen zu lassen, sondern sogar das Erbarmen Gottes nachzuahmen, das nach dem Worte des Propheten Jesaja purpurnes Rot zu schneeweißer Wolle macht (Jesaja 1, 18). Die „Weisheit von oben“ hat einen Namen: Jesus Christus. Er ist die ewige Weisheit, die vom Vater zu uns herabgestiegen ist. Wenn wir uns ihm nähern, wenn wir Krieg führen gegen bösen Neigungen in unserem Inneren und mit innigem Flehen die Gnade Gottes auf uns herabrufen, dann gibt es auch in der Kirche, um die Begriffe des Jakobus zu gebrauchen, Gerechtigkeit und Frieden.