Die Sonntagslesung: Stellvertretung ist ein Gesetz des Lebens

Zu den Lesungen von

Allerseelen (Lesejahr A) von Klaus Berger

Ijob 19, 1.23–27 und Röm 8, 14–23 Mt 5, 1–12a

Auf die vielen Fragen, die die Menschen zu Allerseelen haben, möchte ich einmal wieder mit einem Dialog reagieren. Er soll zwischen einem gewöhnlichen Christen (GC) und einem christlichen Theologen (CT) geführt werden:

GC: Was feiern wir denn zu Allerseelen?

CT: Wir feiern nicht ein Ereignis der Heilsgeschichte, wohl aber unsere Hoffnung und die Gewissheit darüber, dass Gott unsere Auferstehung will.

GC: Aber was ist mit den armen Seelen im Fegefeuer, über die ich zu Allerseelen immer wieder gehört habe, und für die wir dann einen Ablass gewinnen können?

CT: Das Fegefeuer hat den Sinn, die Verstorbenen für die Auferstehung vorzubereiten. Die Lesung aus dem Römerbrief 8, 14–23 gibt dabei das Ziel aller Aktionen Gottes an. Dieses Ziel reicht von dem Geschenk des Heiligen Geistes bei der Taufe bis zur Auferstehung, die der Heilige Geist bewirken soll.

GC: Ich verstehe langsam, dass wir zu Allerseelen nicht eigentlich ein Fest feiern, sondern etwas in Erinnerung rufen, was Gott will und tut.

CT: Ja, das auch, aber das ist noch längst nicht alles. Wir gedenken auch der Toten und danken – denn denken hat mit danken zu tun – für alles, was wir durch sie und mit ihnen empfangen haben.

GC: Das ist gut, aber davon „haben die verstorbenen Christen nichts“. Aber was hilft es, wenn wir für die „armen Seelen beten“? Wenn doch Gott sie für die Auferstehung stärkt, können wir da überhaupt etwas dazu tun?

CT: Gott ist doch unser himmlischer Vater, und wenn wir um etwas bitten, besonders um etwas, das mit Liebe zu tun hat, wird er es uns gewähren. Für die Verstorbenen bitten wir stellvertretend. Denn Stellvertretung, dass einer für den anderen vor Gott tritt, ist von Abraham bis Paulus eine grundlegende Kategorie der Bibel im Verhältnis zwischen Mensch und Gott. Denn Gott hat die Menschen nicht als bloße Summe von Menschen erschaffen, sondern als Gemeinschaft und fähig zur Gemeinschaft. Wenn daher einer für den anderen vor Gott eintritt, so bedeutet das doppelte Anerkennung Gottes: Einmal wird Gott anerkannt, wenn man sich überhaupt an ihn wendet und ihn um etwas bittet, zum anderen wird Gott anerkannt als der gemeinsame Vater (bei Christen) oder Schöpfer (bei allen Menschen und Kreaturen überhaupt). Wie sollte sich Gott nicht über die gedenkende Zuwendung des einen zugunsten des anderen Menschen freuen?

GC: Kann Gott das nicht alleine – ich meine, die verstorbenen Menschen zur Auferstehung „vorbereiten“?

CT: Es ist keine Frage, ob Gott das kann oder will. Die Frage ist vielmehr, ob wir Menschen auf dem Weg „zum Himmel“ allein sein können und wollen. Das alte, von Menschen ausgedachte Modell, nach dem Gott mit dem Verstorbenen nach dem Tod „allein“ ist, war noch nie zutreffend. Denn stets ging es in der Bibel um Gott und sein Volk, nicht isoliert um Gott und mich. Wir stehen gemeinsam vor Gott. Und wie der verstorbene Christ nie ohne seinen Herrn ist (Paulus: Ob wir leben oder sterben, wir gehören dem Herrn), nie von Gott verlassen ist, so gehört er auch weiterhin zu uns, zur Kirche. Denn die Kirche reicht weiter als bis an die Schwelle des Todes. Alle Dogmen sind aus dem Gebet entstanden. Besonders aus Dank und Lob. Aber auch aus dem Bekenntnis von Schuld und der Erkenntnis von Sühne und Stellvertretung. Was Christen mit dem Fegefeuer meinen, lässt sich besser verstehen, wenn man diese Auffassung ins Gebet zurückübersetzt.

„Herr, unser Gott. Wir sind deine Kinder, und die Briefe des Neuen Testaments sprechen uns Freimut zu. Deshalb dürfen wir dir alles sagen, was uns Sorge macht. Einer von uns, der Verstorbene NN. ist jetzt vor dich getreten. Wir wissen um alle seine Fehler, genauso wie um unsere. Wir machen uns einfach Sorgen um ihn. Wir teilen seine Angst, vor dir zu stehen. Denn du bist der heilige Gott. Doch wir kommen zu Dir mit unserer Sorge. Zu wem sollten wir sonst gehen? Wir wissen nicht, ob der Verstorbene im Leben je wirklich umgekehrt ist zu dir. Aber wir ahnen, dass er jetzt höchst unvollkommen vor dir steht. Wir sagen dir unsere Sorge, weil wir ihn lieben. Weil wir ahnen, dass auch du ihn liebst. Und wir ahnen, dass deine Liebe dasselbe Ziel hat wie unsere: ihn zu retten. Denn er ist doch dein Geschöpf.

Für eine Umkehr ist es jetzt zu spät. Und so, wie er vor dir ankommt, passt er kaum zu dir – was auch von uns selbst gilt. Wir denken das in einem Bild, wie wenn einer eine neue Hüfte oder zwei neue Hüften braucht. Vielleicht ist es eine schmerzhafte Operation, wenn du ihn in die Lage versetzen musst und willst, dass er vor dir bestehen kann. Oder wenn einer neue Herzklappen braucht. Das ist kein Spaß, sondern Teil einer Rundum-Erneuerung. Ja, vielleicht braucht unser lieber Verstorbener so eine Verwandlung, so eine Therapie. So ist wohl für viele der Tod zunächst Anfang einer Therapie: Weil wenn das Vergängliche von uns abfällt, auch die Schuld das Zeitliche segnen muss. Dein Handeln kann die Chance geben, dass er von allem Rost und Schrott, den er an sich trägt, gereinigt wird. Tu es um deiner Kirche willen, denk besonders an die vielen Heiligen, die bekannten und die unbekannten. Blick auf unsere Liebe und nicht auf unsere und seine Sünden. Blick auf den Glauben deiner Kirche. Ja, vielleicht können wir so Ablass verstehen: Blick nicht auf die Sünden, sondern auf dem Schatz des Glaubens deiner Kirche. Du bist doch die Freude selbst, du freust dich über deine Heiligen. Schau auf sie! Wir wissen: Stellvertretung ist das Grundgesetz des Lebens vor dir und mit dir. Nimm unser Gebet, die Gebete für die Toten der ganzen Kirche, nimm Jesu Opfer am Kreuz, nimm all das als Stellvertretung, in deren Licht du den Sünder veränderst, der vor dir steht. Wir ahnen: Für die Bitte um Erbarmen ist es zu spät. Du bist jetzt vielmehr als der Chirurg gefragt, der Menschen, für die andere eintreten, kritisch anschaut und der durch einen beherzten Eingriff seine Liebe siegen lässt. So bitten wir dich in Verbindung mit Jesus Christus, unserem Herrn.

GC: Also das mit dem Gebet für Verstorbene habe ich jetzt verstanden. Aber die Sache mit dem Ablass habe ich nie begriffen. Ist es wirklich so, dass durch Geldzahlungen die Flammen der Hölle zeitlich eingegrenzt werden, dass hier nach dem Tod Spenden vergeben werden? Alles das erscheint mir eine Häufung von Wahnsinn.

CT: Das mit der Sündenvergebung durch Geld ist eine Unterstellung, die man nur als böswillig bezeichnen kann. Und das gilt nach wie vor. Seit Jahrhunderten (durch das Konzil von Trient) ist das auf katholischer Seite unmissverständlich festgestellt.

GC: Aber niemand weiß es genau. Alle fangen nur an zu zetern, wenn das Stichwort „Ablass“ überhaupt fällt. Und unsere evangelischen Freunde raten uns, wir sollten diese Institution abschaffen.

CT: Auch hier geht es um nichts Geringeres als um das Verständnis von Kirche. Denn Ablass heißt Vergebung zeitlicher Sündenstrafen. Denn mit der Vergebung der Sünden in der Beichte (nur dort und nur von Gott nur durch einen geweihten Priester) sind doch noch nicht die Folgen der Sünde beseitigt. Wenn ich jemandes Haus anstecke, kann ich zwar beichten und die Sünde vergeben lassen, bin aber – wenn die Reue denn ernsthaft war – verpflichtet, den Schaden wieder gut zu machen.

GC: Das ist doch selbstverständlich.

CT: Manche Sünden lassen sich aber nicht so einfach wiedergutmachen. Zum Beispiel Zockerei mit Millionen bei der Bank. die kein Banker zu Lebzeiten wiedergutmachen kann. Oder bei unklaren Schuldverhältnissen, wie sie oft im Krieg gegeben sind. Wo nur Gott weiß, wie das ganz genau mit der Schuld ist. Für diese relativ vielen Fälle hat die Kirche eine Ablösung der Schuld bzw. der Reparationsschuld erdacht. Denn man kann auf Wiedergutmachung um der Ernsthaftigkeit der Beichte willen nicht einfach verzichten. Man kann sie auch oft nicht auf Heller und Pfennig einfordern. Beim Ablass ist der finanzielle Betrag oft nur symbolisch. Weil auch Gebet und die wiederhergestellte Kommunion-Gemeinschaft dazu gehören, dient der Ablass in Wahrheit der Rehabilitierung des Täters innerhalb der menschlichen Gemeinschaft, angefangen bei der Kirche. Das biblische Gesetz der Zeichenhaftigkeit all unseres Tuns ist auch hier gewahrt. Ablass ist nichts weiter als die Eröffnung eines Weges der Versöhnung.