Altes Ritual mit neuer Herrlichkeit

Zu den Lesungen zum Fest der Taufe des Herrn 2013

(Lesejahr C) von Klaus Berger

Jes 40, 1–5.9–11; Tit 2, 11–14.3, 4–7; Lk 3, 15–16.21–22

Die Sonntagslesung

„Jesus war Sünder und hat sich als Sünder wie andere Juden von Johannes taufen lassen. Er bedurfte der Umkehr, und deshalb unterzog er sich der Umkehrtaufe zur Vergebung der Sünden.“ So lautet die Schlussfolgerung der liberalen Bibelexegese aus den Berichten über Jesu Taufe. Doch bei der Taufe Jesu ist weder von seiner notwendigen Umkehr noch von Jesu Sünde die Rede. Kein dunkler Schatten aus der Vergangenheit liegt über dieser Szene. Richtig ist aber: Johannes der Täufer knüpft an die Institution der Wassertaufe an. Die Taufe wird wie üblich vollzogen, „unter der Hand“ wird sie zu etwas Neuem. Ähnlich wird die alte Einrichtung zum trojanischen Pferd für das Neue am Passah des Gründonnerstag. In seinen eucharistischen Hymnen sagt Thomas von Aquin dazu: Jesus sei „novum pascha novae legis“ (Neues Passahlamm des Neuen Bundes). Und: „Phase vetus terminat, vetustatem novitas, umbram fugit veritas“ (Die alte Zeit endet, das Neue verdrängt das Alte, die Wahrheit den Schatten). Ähnlich wird auch die Präsentation Jesu im Tempel im Zusammenhang mit seiner Beschneidung der Anlass dafür, dass ein Prophet (Simeon) Jesus als Bund für das Volk Israel und als Licht für die Heiden preisen kann. Auch die spätere Mission unter den Heiden wird an Altes anknüpfen: Aus den alten Tempeln werden neue Kirchen. Das ist der erste Baustein zur Theologie der Taufe Jesu nach den Evangelien: Erbsünde, Sünde und Tod spielen bei dieser Taufe keine Rolle, alles Alte wird rigoros in den Schatten gestellt durch die überstrahlende Herrlichkeit Gottes, die an Jesus sichtbar wird. Daher berichtet das apokryphe Ebioniten-Evangelium über die Taufe Jesu konsequent vom Licht der Herrlichkeit Gottes; die Verbindung von Licht und Stimme kennen wir sonst aus den anfänglichen Berufungs- oder Bekehrungsvisionen bei Paulus, Abraham und Hiob.

Bei der Taufe Jesu ist Gottes Stimme zu hören

Aber bei der Taufe Jesu geschieht noch etwas grundstürzend Neues: In der Himmelsstimme spricht Gott Vater direkt mit Jesus und redet ihn öffentlich als Sohn an. Dass ein einzelner Mensch als Gottessohn angeredet wird, geschah im alten Israel bestenfalls bei der Salbung zum König, dann aber nicht durch Gottes Stimme, sondern durch den konsekrierenden Priester oder Propheten. Die Taufe Jesu aber gehört zu den wenigen Stellen, nach denen in den Evangelien Gott selbst spricht, unvermittelt und mit Anzeichen der Theophanie (Gotteserscheinung) wie Veränderung am Himmel und laute Geräusche wie Donner. Ähnlich bei der Verklärung („Dieser ist mein geliebter Sohn“) und nach Johannes 12 („Ich habe verherrlicht und werde verherrlichen“). Es ist klar, dass diese Stellen zusammenhängen. Denn Verklärung und Taufe sind extrem ähnlich als Erklärung der Sohnschaft, bei der Taufe durch „Installation“, also Einsetzung („Du bist“), bei der Verklärung durch „Proklamation“, also öffentliche Erklärung („Dieser ist ...“) durch Gott, und der Bezug zu Johannes ist geliefert durch Theophanie-Elemente und besonders durch das Stichwort „Herrlichkeit“. Denn zwar berichtet das vierte Evangelium nicht über die Taufe Jesu, doch die Verbindung zur Tauftradition ist durch das Licht der Herrlichkeit nach den apokryphen Berichten gegeben. Zusammenfassend lässt sich daher zur These von Jesu Sündersein, das angeblich durch die Taufe bestätigt werde, sagen: Das Ziel des Berichtes über die Taufe ist eindeutig nicht die Bekräftigung des Sünderseins Jesu, sondern seine öffentliche Einsetzung zum Sohn Gottes. Das ist genau das Gegenteil zur Darstellung Jesu als eines armen Sünders. Überdies wollte wohl der Evangelist durch seinen Bericht mit der Taufe am Anfang des Evangeliums auch eine typologische (vor-bildhafte) Beziehung zu jedem Christenleben darstellen. Denn so, wie Jesus zum Sohn Gottes öffentlich eingesetzt wird, ergeht es jedem Christen bei der Taufe: Er empfängt den Heiligen Geist und wird Kind Gottes. Entgegen einem heute verbreiteten Volksglauben ist der Christ nicht schon durch Geburt und von Natur aus „Kind Gottes“, sondern ein Geschöpf Gottes, das durch Glauben/Taufe zum Sohn oder zur Tochter Gottes werden kann. Wenn man von der natürlichen Gotteskindschaft der Menschen redet, macht man Mission überflüssig. Vom Neuen Testament her aber besteht weder zur einen (natürliche Gotteskindschaft) noch zur anderen Annahme (Mission erübrigt sich) Anlass. Vielmehr hat die Taufe Jesu dadurch für die Taufe von Christen überhaupt Bedeutung, weil sie öffentliche Mitteilung des Heiligen Geistes ist.

Das gilt auch sonst immer: Kind Gottes wird ein Mensch durch Heiligen Geist, und wo immer einem Menschen Heiliger Geist geschenkt wird, macht er ihn zum Kind Gottes. Und das heißt: Er macht ihn Gott ähnlich, er erhebt ihn über die Grenzen zwischen Juden und Heiden, zwischen den Völkern, zwischen Gott und Mensch und Leben und Tod. Aber hatte Jesus nicht schon den Heiligen Geist in Überfülle seit Mariens Empfängnis? Wozu sollte er ihn bei der Taufe nochmals empfangen? Antwort: Bei der Verkündigung des Engels wie bei der Auferstehung verdankt Jesus dem Heiligen Geist seine physische Existenz. Bei der Taufe verdankt er ihm seine Vollmacht gegen die bösen Geister und seine Botschaft (Evangelium). Deshalb tritt Jesus erst von der Taufe an öffentlich als der Verkündiger des Evangeliums auf. Aber wie ist das Verhältnis zwischen Glaube, Sündenvergebung, Gabe des Heiligen Geistes, Begegnung mit dem lebendigen Gott und Wassertaufe? Das ganze Paket ist Gabe des Heiligen Geistes und damit Handeln Gottes an den Menschen. Gott schenkt auch den Glauben (und damit Umkehr, Erkenntnis der Sünde). Und deshalb ist Kindertaufe gerechtfertigt, weil auch bei der Taufe Jesu Gott der primär Handelnde und der zuerst Liebende ist. Nimmt der Mensch das Geschenk des Glaubens an, wird er definitiv erfüllt mit Heiligem Geist und dadurch Kind Gottes, ein Glied des Leibes Christi und zugehörig zur Gemeinschaft der Heiligen. Dieser neue Status wird geschenkt als Ähnlichkeit mit Christus, und darin werden Sünde und Erbsünde aufgehoben und der ganze alte Mensch beseitigt. Das sichtbare Zeichen der Wassertaufe besiegelt diesen neuen Status und verleiht ihm den Charakter eines unauslöschlichen Siegels. Denn Gott führt den Menschen ganz nahe an sich heran und beginnt mit der definitiven Verwandlung, die einst im Sieg über den Tod enden wird. Die aufgezeigte Vielschichtigkeit dieser Begegnung verleiht ihr die bleibende Bedeutung. Sie hat keinen mechanisch-dinglichen Charakter. Das gilt auch dann, wenn die Tatsache der Kindschaft nicht aktuell ins Bewusstsein tritt.

Die Taufe hat die Bedeutung von Abschluss und Anfang

Die Taufe mit Wasser ist einerseits Abschluss eines oft länger dauernden Geschehens, in dem der Mensch zum Glauben kommt. Manchmal geschieht das in einer Sekunde, manchmal über längere Zeit hin. Diesem Abschlusscharakter der Taufe steht gegenüber, dass sie Initialbedeutung hat; sie ist der erste Akt einer in der Regel längeren Geschichte. Darin ist die Taufe der Beschneidung oder der Berufung zum Propheten verwandt. Ähnliches wird auch von Himmelsreisen berichtet, wenn der dazu erwählte Mensch vor Gottes Thron mit himmlischen Gewändern neu eingekleidet wird. Das bedeutet eine Veränderung seines Status, Ausweis der Zugehörigkeit zu einer neuen Gemeinschaft. Daher kommt auch der liturgische Akt der Verleihung des Taufkleides, das ja ehedem als regelrechte Kleidung von der Osternacht bis zum Weißen Sonntag inklusive getragen wurde.

Vor allem wird ein Mensch durch die Taufe heilig. Er wird durch die Taufe Glied des Gottesvolkes. Die Heiligkeit bedeutet eine durch den Menschen nicht zu steigernde Qualität. Heiligkeit ist zu bewahren und darf nicht befleckt werden. Aber wie ist es möglich, dass ein so schlichter Ritus derartig immense Folgen hat? Nicht zuletzt das Kirchenrecht geht immer wieder aus von dem, der glaubt und getauft ist. Die Taufe wird von fast allen christlichen Konfessionen in Gegenseitigkeit anerkannt. Sie begründet eine Zugehörigkeit zum Leib Christi. Am Fest der Taufe Christi geht es um die Taufe aller Christen. Unsere Gotteskindschaft ist nach der Gottessohnschaft Jesu geformt. Sie entspricht ihr in der Begründung durch den Heiligen Geist und in der Erwartung von Leiden (um des Glaubens willen), Auferstehen und Herrlichkeit.