Würzburg

Verwandlung durch die Taufe: Eine neue Schöpfung

Das christliche Leben kann nur durch die Taufe verstanden werden. Sie steht schließlich ganz am Anfang. Damit zeigt sie: Der Mensch muss erst sterben, um als Christ neu zu leben.

Erwachsenentaufe
Grund zur Freude: In der Taufe beginnt ein neues Leben mit Christus. Foto: Corinne Simon (KNA)

Für viele ist der plötzliche Tod das Problem, so auch in Lukas 12, wo Gott zu dem Reichen sagt: „Du Narr, noch in dieser Nacht…“. Oder für manch einen Heiligen, der angesichts des Todes einer jungen, hübschen Frau sich bekehrte. Das ist das Motiv, das dann plötzlich auftaucht: Memento mori. Da fällt es den Menschen irgendwann ein, dass sie sterben müssen.

Nach dem heute verlesenen Brief an die Kolosser geht es dagegen ganz anders zu, und das Motiv des nahen oder überhaupt drohenden Todes ist nicht mehr das zentrale Thema, sondern ganz im Gegenteil. Alles, was Angst machen kann, alles was drohen kann, liegt schon lange hinter uns. Denn wir sind schon mit Christus auferstanden, führen schon eine himmlische Existenz. Deshalb liegen Sterben und Tod schon hinter uns, und eben deshalb müssten Christen erlöster aussehen.

Kohelet 1,2;2,21-23
Kolosser 3,1-5.9-11
Lukas 12,13-21
Die Lesungen des 18. Sonntags im Jahreskreis

Der Schlüssel zu diesem Verständnis des christlichen Lebens ist die Taufe. Während heute die Taufe eines Kindes als Eingliederung in die Familie verstanden wird, ist für die Christen der ersten vier Jahrhunderte Taufe als Anteilhabe am Geschick Jesu Christi Tod und Beginn des neuen Lebens. Im urchristlichen Ritus der Taufe äußert sich das darin, dass der Täufling im Wasser untergetaucht („ersäuft“) wird (also stirbt) und dann beim Heraussteigen aus dem Wasser (Grube oder Becken) emporzusteigen und die neuen, weißen Gewänder eines himmlischen Gotteskindes empfängt.

Reichtum, Schönheit, Macht: Das Kreuz kehrt die Werte um

Denn Tod, das bedeutete Abschied von dem bisherigen Lifestyle, der oft genug in tragische Leere führte. Die Gemeinschaft mit Jeus Christus beginnt damit, dass Christen an seinem Tod Anteil haben. Deshalb ist das Kreuz das grundlegende Anfangssymbol des Christentums jedes Einzelnen. Denn das versteht man auch unter Kreuzestheologie: Dass die „Werte“ der Welt ersetzt werden und nun grundsätzlich ins Gegenteil verkehrt sind. Das betrifft die Einschätzung von Reichtum, Adel, Schönheit und Macht. Das passt nicht zum Kreuz, denn hier sind alle Werte umgedreht (1 Korinther 1). Insofern ist das Christentum des Anfangs eine Kulturrevolution. Denn Gott begibt sich nicht in die Gesellschaft der Mächtigen, sondern in die der der Schwachen und Ohnmächtigen. Die einzige Macht, die jetzt noch gilt, ist die Liebe.

"Darum tötet, was irdisch an euch ist:
Unzucht, Unreinheit, Leidenschaft, böse Begierde
und die Habsucht, die Götzendienst ist!"
Kolosser 3,5

Dass die neue Existenz der Christen „im Himmel“ ist, bezeugt vor allem die Liturgie. Denn nach dem Hauptteil der Messe (Kanon) singen die zum Gottesdienst Versammelten gemeinsam mit Cherubim, Seraphim und den himmlischen Heerscharen das dreifache Sanctus, und zwar unter himmlischen Bedingungen, das heißt una voce, „einstimmig“. Der gemeinsame Gesang ist wie das Sakrament und Instrument der Einheit zwischen Himmel und Erde.

Und das gilt nicht nur für die Eucharistie, sondern auch für die Spendeformeln aller anderen Sakramente. Sie gelten als göttliche Worte, Entfaltungen des einen Wortes, welches der Sohn Gottes ist, und deshalb sind sie unveränderlich wie Eide, denn auch die Schöpfungsworte Gottes waren wie Eide, worauf die Stabilität der Schöpfung beruht. Der Auffassung von der Existenz der Christen im Himmel mit den Auferstandenen entspricht daher die Rolle der sakramentalen Worte als der neuen Schöpfungsworte. Thomas von Aquin bemerkt das mit Recht zu den Wandlungsworten. Denn hier geschieht exemplarisch Verwandlung der alten Schöpfung in die neue.

Deshalb heißt das Stichwort des Christentums, das sich am Auferstandenen orientiert, auch „neu“, vom Neuen Jerusalem bis zum Neuen Bund und zum Neuen Menschen. Mit den Psalmen spricht die Kirche daher gerne vom „neuen Lied“, denn dieses ist die Nationalhymne der Neuen Schöpfung. Wenn wir also kritisch nachfragen, was denn himmlische Existenz nach der Taufe bedeutet, so ist die Antwort: Neue Existenz, nicht einfach Fortsetzung der alten.

Alles ist neu

Der Zisterzienserabt Joachim von Fiore (†1202) wird durch den Gesang des Stundengebetes daran erinnert, denn es kommt nicht auf den Wortlaut an, sondern ein „neues Lied“ gibt es nach biblischem Verständnis immer dann, wenn neue Menschen aus erneuertem Herzen singen: So sagt Joachim in seiner Auslegung der Apokalypse (Druck von 1527): „Ein solch neues Lied singen die Heiligen, denn neu ist alles, was Christus in der Welt gewirkt hat.“ Neu ist der König, neu das Lied, neu die Lehre, neu die Lebensregeln. Wer also Neues haben will, sollte sich bemühen, das Alte loszuwerden. Wer den neuen Menschen anziehen will, der nach Gottes Bild geschaffen ist, soll sich bemühen, den alten abzulegen.

Die Kirche steckt mitten in einem Erneuerungsprozess. Während das Wort „Reformation“ eher an ein Zurück (lat.: Re-) denken lässt, kann das Ziel der Erneuerung nur das sein, was wir immer schon vom Heiligen Geist erwarteten und mit dem systematischen Vollzug der Auferstehung meinen. Wem das nicht konkret genug ist, der blicke auf Jesus und seine Biographie: Jesus verlässt seine alte Familie, von der er (außer von seiner Mutter) nur Unverständnis und Widerstand erfuhr und will stattdessen eine neue Familie begründen: die Kirche. Aber wer auf das Leben Jesu blickt, wird nicht nur an die neue Familie denken können, sondern bedenken, wohin dieses Konzept Jesu zunächst führte: ans Kreuz. Das aber bedeutet wie zu allen Jahrhunderten eine entschiedene Entweltlichung, Distanzgewinnung zu den üblichen Wertvorstellungen und Illusionen.

"Ihr habt den neuen Menschen angezogen,
der nach dem Bild seines Schöpfers erneuert wird,
um ihn zu erkennen."
Kolosser 3,10

An dieser Stelle bemerken wir, dass es sich da um zwei ganz parallele Vorgänge handelt: Jesus verlässt die alte Familie, um in einer neuen (der Kirche) durch eine geschwisterliche Liebe geborgen zu sein. Und in der Taufe gibt ein Christ die alten Wertvorstellungen auf, um dann in der himmlischen Gemeinschaft des Neuen Jerusalem zu stehen. So gilt also nicht nur das radikal Neue als der revolutionäre Wert schlechthin, er ist auch gekoppelt an die neue Familie beziehungsweise die neue Gemeinschaft der Heiligen. Die „Liebe“ ist daher nicht nur irgendeine ortlose „Tugend“, sondern stets gebunden an eine neue Gemeinschaft: die Familie der Kirche, das himmlische Jerusalem.