Sonntagslesung

Von wahren und falschen Propheten Numeri 11, 25–29; Jakobus 5, 1–6; Markus 9, 38–48 Zu den Lesungen des 26. Sonntags im Jahreskreis (Lesejahr B). Von Harm Klueting

Sonntagslesung: Seid wachsam Der Herr kommt unerwartet Jesaja 2, 1–5; Römer 13, 11–14a; Matthäus 24, 37–44 Zu den Lesungen des ersten Adventssonntags 2019 (Lesejahr A) :

Der Abschnitt aus dem Evangelium nach Markus verlangt uns einiges ab, wenn wir ihn verstehen und wenn wir für unseren Glauben etwas daraus gewinnen wollen. Es ist von einem Mann die Rede, der Dämonen austreibt, der aber nicht Jesus ist und auch nicht zu seinen Jüngern gehört. Und wir hören, dass wir eine unserer Hände und einen unserer Füße abhauen und eines unserer Augen ausreißen sollen. Das mit den Händen und den Füßen und das mit den Augen finden wir auch im Matthäusevangelium (Matthäus 18, 8–9). Aber was sollen wir damit anfangen?

Einer der Jünger Jesu, Johannes, kommt zu ihm und berichtet, dass ein fremder Mann Dämonen austreibt, sich also als Exorzist betätigt, ein Mann, der nicht zum Kreis der Jünger gehört. Zum besseren Verständnis können wir auch sagen, dass dieser fremde Mann das Wort Gottes verkündet, ohne Jesus nachzufolgen. Wer ist dieser fremde Mann? Ist es einer von den falschen Propheten, den Irrlehrern, von denen das Alte Testament – besonders das Buch des Propheten Jeremia (Jer 5, 31; 14, 13–16; 23, 9–32; 27, 9–17; 28) – berichtet und vor deren Verführungen auch Jesus warnt, wenn das Matthäusevangelium ihn mit den Worten zitiert: „Gebt acht, dass euch niemand irreführt! Denn viele werden unter meinem Namen auftreten und sagen: Ich bin der Messias!, und sie werden viele irreführen“ (Matthäus 24, 4–5). Oder wenn Matthäus Jesu Warnung überliefert: „Hütet euch vor den falschen Propheten: sie kommen zu euch wie Schafe, in Wirklichkeit aber sind sie reißende Wölfe“ (Matthäus 7, 15). Die Jünger haben den fremden Mann an seinem Treiben hindern wollen, weil er nicht zu ihnen gehört. Aber Jesus weist sie zurück: „Hindert ihn nicht!“. Zur Begründung sagt er: „Keiner, der in meinem Namen Wunder tut, kann so leicht schlecht von mir reden. Denn wer nicht gegen uns ist, der ist für uns.“

Das erinnert uns an das Unkrautgleichnis (Matthäus 13, 24–30) und an Jesu Wort: „Lasst beides wachsen bis zur Ernte. Wenn die Zeit der Ernte da ist, werde ich den Arbeitern sagen: Sammelt zuerst das Unkraut und bindet es in Bündel, um es zu verbrennen; den Weizen aber bringt in meine Scheune“ (Matthäus 13, 30). Und es erinnert uns an unsere römisch-katholische Kirche, die im Zweiten Vatikanischen Konzil den alten Anspruch aufgegeben hat, einzig und allein mit der Kirche Christi identisch zu sein, während sie bis dahin allen anderen christlichen Gemeinschaften keinen Anteil daran zugestand. Nach der dogmatischen Konstitution „Lumen Gentium“ – über die Kirche – des Zweiten Vatikanischen Konzils ist das anders. Nach diesem Dokument ist die Kirche Christi nicht mehr einzig und allein identisch mit der römisch-katholischen Kirche. Vielmehr ist die Kir-che Christi nach der Lehre des Konzils in der römisch-katholischen Kirche verwirklicht. So kann das Konzil sagen, dass außerhalb der römisch-katholischen Kirche in anderen christlichen Kirchen und Gemeinschaften „vielfältige Elemente der Heiligung und der Wahrheit zu finden sind, die als der Kirche Christi eigene Gaben auf die katholische Einheit hindrängen“. Das entspricht dem Wort Jesu in unserem Evangelientext: „Keiner, der in meinem Namen Wunder tut, kann so leicht schlecht von mir reden“, das in einer anderen Übersetzung „Keiner, der in meinem Namen auftritt, …“ lautet. Im griechischen Neuen Testament ist hier statt von „Wundern“ von einer „machtvollen Tat“ im Namen Jesu die Rede – „hos poiesei dynamin epi to onomati mou“ –, in der lateinischen Vulgata – „qui faciat virtutem in nomine meo“ – von einer „großen Tat“. Paulus schreibt an die Korinther: „Keiner, der aus dem Geist Gottes redet, sagt: Jesus sei verflucht! Und keiner kann sagen: Jesus ist der Herr!, wenn er nicht aus dem Heiligen Geist redet“ (1 Korinther 12, 3).

Was aber, wenn doch Irrlehren verkün-det werden? Unter dem Namen Jesu? Vielleicht auch in der Kirche? Das ist das Thema des zweiten Teils unseres Evangelientextes, in dem Jesus vor der Verführung durch Irrlehrer und falschen Propheten warnt: „Wer einen von diesen Kleinen, die an mich glauben, zum Bösen verführt, für den wäre es besser, wenn er mit einem Mühlstein um den Hals ins Meer geworfen würde.“ Das Wort „die Kleinen“ bezieht sich zunächst auf Kinder, weil in dem Abschnitt unmittelbar zuvor erzählt wird, wie Jesus ein Kind in den Arm nimmt und sagt: „Wer ein solches Kind um meinetwillen aufnimmt, der nimmt mich auf“ (Markus 9, 37). Doch ist der Ausdruck „die Kleinen“ erweitert und meint die, die an Jesus glauben – im Sinne der ersten Seligpreisung: „Selig, die arm sind vor Gott, denn ihnen gehört das Himmelreich“ (Matthäus 5, 3). „Die Kleinen“ sind die Glaubenden.

Wer einen von ihnen durch Irrlehren um den Glauben bringt, für den wäre es besser, wenn ihn ein gewaltsamer Tod durch Ertränken mit einem Mühlstein um den Hals vor der Verführung anderer zum Unglauben bewahrt hätte. Das wird uns mit den Händen, den Füßen und dem Auge noch einmal erklärt. Im jüdischen Denken lagen die sündhaften Triebe des Menschen in Händen, Füßen und Augen: Die Hände ergreifen das Begehrte, die Füße lassen den Menschen zu verderblichen Handlungen gelangen, die bösen Triebe erhalten Macht über den, dessen Augen das Begehrte erblicken. So steht es im Buch Numeri: Das Auge sieht und das Herz begehrt und verleitet zur Untreue (Numeri 15, 39). In unserem Evangelientext lesen wir: „Wenn dich deine Hand zum Bösen verführt, dann hau sie ab; es ist besser für dich, verstümmelt in das Leben“ – das Ewige Leben – „zu gelangen, als mit zwei Händen in die Hölle zu kommen.“ Und „wenn dich dein Auge zum Bösen verführt, dann reiß es aus; es ist besser für dich, einäugig in das Reich Gottes zu kommen, als mit zwei Augen in die Hölle geworfen zu werden“.

Unser Evangelientext hat so etwas wie eine Parallele im Buch Numeri, wo zwei Männer, Eldad und Medad, im Lager der Israeliten auf ihrer Wanderung durch die Wüste mit prophetischen Reden auftreten – eine dunkle und kaum aufzuklärende Geschichte, die aber einen historischen Kern in Gestalt konkurrierender Prophetengruppen haben wird. Die Träger der sonst in der Bibel nicht vorkommenden Namen Eldad und Medad stehen zwar auch in der Liste der mit ihnen 72 Personen, gehören aber nicht zu den 70 Ältesten, die von Mose nach dem Willen Gottes zu seiner Entlastung ausgewählt werden und sich in dem auch in Numeri 12, 4 genannten Offenbarungszelt versammeln – wie der Exorzist bei Markus nicht zu den Jüngern gehört. Josua, der Diener des Mose, verlangt von Mose, die beiden an ihren prophetischen Reden zu hindern. Mose entgegnet: „Willst du dich für mich ereifern? Wenn nur das ganze Volk des Herrn zu Propheten würde.“

Ein falscher Prophet kann auch der Reichtum sein. Das Matthäus-, das Mar-kus- und das Lukasevangelium warnen vor dem „trügerischen Reichtum“ (Matthäus 13, 22; Markus 4, 19) oder – in Martin Luthers treffender Übersetzung – vor dem „Betrug des Reichtums“: Matthäus 6, 19.24; Matthäus 19, 23.24, Markus 10, 25; Lukas 18, 25; Matthäus 19, 21; Markus 10, 24; Lukas 8, 14; Lukas 12, 15.16–21). Der Jakobusbrief nimmt das auf: „Euer Reichtum verfault, und eure Kleider werden von Motten zerfressen.“ Den Reichen wird gesagt: „Ihr habt auf Erden ein üppiges und aus-schweifendes Leben geführt“, was an die Geschichte von dem reichen Mann und dem armen Lazarus (Lukas 16, 19–31) und an die Rede Abrahams an den reichen Mann erinnert: „Denk daran, dass du schon zu Lebzeiten deinen Anteil am Guten erhal-ten hast, Lazarus aber nur Schlechtes“ (Lukas 16, 25).