Sonntagslesung

Dynastie der Kinder Gottes Apostelgeschichte 2, 1–11; 1 Korinther 12, 3b–7.12–13; Joh 20, 19–23 Zu den Lesungen des Pfingstfestes 2018 (Lesejahr B): Von Martin Grichting

Sonntagslesung: Seid wachsam Der Herr kommt unerwartet Jesaja 2, 1–5; Römer 13, 11–14a; Matthäus 24, 37–44 Zu den Lesungen des ersten Adventssonntags 2019 (Lesejahr A) :

Das Werk „The Da Vinci Code“ und der darauf basierende Film haben viel Beachtung gefunden. Der Film lief im Kino und war dann auch im Fernsehen zu sehen. Man kann sich fragen, worin die Faszination dieses Buches beziehungsweise Films besteht. Warum ist eine abstruse Geschichtsklitterung zu solcher Berühmtheit gekommen? An der literarischen Qualität kann es nicht gelegen haben, auch nicht an der historischen Korrektheit des Drehbuchs. Neben klugem Marketing dürfte die Antwort auf die Frage nach der Faszination darin liegen, dass dieses Werk eine Sehnsucht des Menschen thematisiert. Denn es bietet eine Theorie, die uns Heutige mit den Geschehnissen von damals, vor 2 000 Jahren, verbindet. Das Werk schafft angeblich eine Erklärung, wie wir zu Gott, zu Jesus Christus, gehören. Es wird vermeintlich erklärt, was für einen Zusammenhang, was für eine Verbindung es zwischen uns heute und Jesus damals gebe. Diese Theorie lautet: Jesus solle leibliche Nachkommen gehabt haben, deren Nachfahren angeblich unerkannt noch heute unter uns lebten. Es solle also so etwas wie eine Dynastie Jesu Christi geben, die sich auf ihn zurückführe, eine Art königliches Geschlecht Jesu, dem alle möglichen Berühmtheiten der Geschichte angehörten.

Das ist die Phantasie eines Romanschriftstellers. Aber die Frage bleibt interessant: Woher kommen wir? Wie sind wir mit Gott verbunden, der vor 2 000 Jahren in Jesus Christus Mensch geworden ist? Menschen stellen sich seit je her diese Frage. Denn wir möchten gerne etwas über unsere Wurzeln wissen. Gibt es eine Verbindung zur Zeit Jesu Christi? Wer oder was schlägt den Bogen? Als Christen können wir sagen: Es gibt tatsächlich etwas, das den Bogen von heute zu damals schlägt. Es gibt etwas, das eine Verbindung von uns heute zum Gottessohn Jesus Christus herstellt, der vor 2 000 Jahren in Menschengestalt auf dieser Welt lebte. Dieses Etwas ist die Kirche. Die Kirche ist die Dynastie Christi. Wir sind tatsächlich Kinder Gottes, aber nicht als leibliche Nachkommen Jesu, sondern durch das Sakrament der Taufe. Und so sind wir tatsächlich die Dynastie Christi. Die Kirche hat sich aus den Anfängen heraus, von den Aposteln her, entwickelt und entfaltet. Sie konnte dies tun, weil sie geführt ist vom Geist Gottes, den Jesus auf die Apostel und die ganze Kirche hat herabkommen lassen (Johannes 20, 22). Heute, am Pfingstfest, feiern wir dieses Ereignis. Im Bild von den Feuerzungen, die vom Himmel herabkamen, wird es uns von der Apostelgeschichte von Neuem in Erinnerung gerufen (Apostelgeschichte 2, 3).

Und was Jesus die Apostel gelehrt hat, was er ihnen übergeben hat, das hat die Kirche, vom Heiligen Geist geführt, über 2 000 Jahre bewahrt, weitergetragen, entfaltet, immer besser verstanden und neu erklärt. „Noch vieles habe ich euch zu sagen, aber ihr könnt es jetzt nicht tragen. Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in die ganze Wahrheit führen“ (Johannes 16, 12). So hat es Jesus den Aposteln gesagt. Und es hat sich bewahrheitet in 2 000 Jahren Geschichte: Die Kirche hat immer besser verstanden, was Jesus Christus ihr am Anfang geschenkt hat. Sie hat es bewahrt und entfaltet.

Im fünften Jahrhundert lebte ein Theologe, ein kirchlicher Schriftsteller, der in einfachen und schönen Worten erklärt hat, wie die Kirche eine und dieselbe ist seit Jesus Christus, wie sie den Bogen schlägt von damals zu heute, wie sie dennoch wächst in der Erkenntnis und immer wieder neu ist. Es war Vincenz von Lérins, ein Mann aus Gallien. Er hat – ähnlich wie der Apostel Paulus (1 Korinther 12, 12f) – das Bild des menschlichen Leibes verwendet, um zu erklären, wie die Kirche die von Christus erhaltene Botschaft getreu weiterträgt und dabei fortschreitet in der Erkenntnis.

Der Geist lässt die Kirche im Glauben wachsen

Vincenz hat geschrieben: „Mit der Religion der Seele soll es gehen wie beim Leib. Dieser entwickelt sich zwar und entfaltet im Fortschreiten der Jahre seine Teile, bleibt aber derselbe, der er war. Es ist ein großer Unterschied zwischen der Blüte der Knabenzeit und der Reife des Alters. Aber der Greis ist der gleiche, der er auch als junger Mann war. So ändert sich zwar die Gestalt und das Aussehen des Menschen, aber nichtsdestoweniger bleiben Wesen und Person identisch. Klein sind die Glieder der Säuglinge, groß die der jungen Männer. Aber es sind die gleichen. Die Männer haben ebensoviele Gliedmaßen wie die kleinen Kinder. Wenn es wirklich welche gibt, die erst in reiferem Alter ausgebildet werden, so sind sie doch schon in der Anlage des Samens vorgebildet. So kommt später beim Greis nichts Neues zum Vorschein, was nicht schon vorher im Knaben da war. (...) So ist es angemessen, dass auch die Lehre der christlichen Religion diesen Regeln des Fortschritts folgt, dass sie nämlich mit den Jahren gefestigt, im Lauf der Zeit geweitet und mit dem Alter verfeinert wird.“ Soweit Vincenz von Lérins vor über 1 500 Jahren.

Es ist das Werk des Heiligen Geistes, der dieses organische Wachstum der Kirche ermöglicht. Der Glaube der Kirche ändert sich nicht, aber er wird tiefer verstanden und ausdifferenziert, so wie sich ein Mensch im Verlauf seines Lebens weiterentwickelt und doch immer derselbe bleibt. Und so bleibt die Kirche bei allen äußeren Wandlungen doch dieselbe. Sie ist dadurch das eine Subjekt, das uns Heutige mit Christus verbindet, mit den Anfängen der Kirche. Und so ist die Kirche wirklich die Dynastie Christi, nicht indem einige angebliche leibliche Nachfahren Jesu unter uns sind, sondern indem die Kirche – von Christus gewollt und durch seinen Geist geleitet – seine Lehre getreu weiterträgt und auch uns das göttliche Leben vermittelt. Denn so sind wir alle Kinder Gottes, Nachfahren Jesu, auf seinen Namen getauft, seine Dynastie auf dieser Welt, ein königliches Priestertum, wie es von uns in der Heiligen Schrift heißt (1 Petrus 2, 9).

Und es ist dieser Geist Gottes, der Heilige Geist, der die Kirche hat wachsen lassen, der sie geführt hat, so dass sie dieselbe geblieben ist wie am Anfang und doch immer wieder neu und jung ist. In der Kirche überwinden wir die Zeiten. Aber nicht nur rückwärts – zurück in die Zeit Jesu –, nicht nur vorwärts – in die Zukunft –, sondern auch aufwärts. Denn die Kirche, geleitet vom Heiligen Geist, hat nicht nur die Lehre Christi zu bewahren und auszudifferenzieren. Sie hat nicht nur die Menschen zu sammeln als eine rein weltliche Dynastie, wie es die leiblichen Nachfahren Christi, wenn es sie denn gegeben hätte, sein könnten. Sondern die irdische Kirche ist der Anfang der ewigen Kirche, der ewigen Gemeinschaft mit Christus. In der ewigen Kirche erreichen wir Gott selbst. Das ist die Erfüllung der Sehnsucht, die es im menschlichen Herzen gibt, das sich dagegen sträubt, dass alles um den Menschen herum und auch er selbst vergänglich ist.

Leben wir also in dieser vom Heiligen Geist geführten und getragenen Dynastie Gottes, der Kirche, als lebendige Glieder mit. Tun wir es durch das Hören auf Gottes Wort, durch unser Gebet, durch den Empfang der Sakramente und durch das Tun des Guten jeden Tag. Das gibt nicht nur unserem irdischen, alltäglichen Leben Sinn, Sinn über den Tag hinaus. Es verbindet uns immer mehr auch mit dem lebendigen Gott, von dem wir stammen und in dessen ewige Gemeinschaft wir berufen sind. Das ist ja der letzte Sinn unserer menschlichen, irdischen Existenz: dass wir in Gottes ewige Gemeinschaft gelangen, mit ihm leben, mit allen Heiligen, mit unseren Vorfahren, mit der ganzen Dynastie der Kinder Gottes.