Sonntagslesung

Mit dem Lamm bekommt die Weltgeschichte ein Ziel Apostelgeschichte 10, 34–43; Kolosser 3, 1–4; Johannes 20, 1–9 Zu den Lesungen des Ostersonntags 2018 (Lesejahr B). Von Klaus Berger

Sonntagslesung: Seid wachsam Der Herr kommt unerwartet Jesaja 2, 1–5; Römer 13, 11–14a; Matthäus 24, 37–44 Zu den Lesungen des ersten Adventssonntags 2019 (Lesejahr A) :

Was bedeutet uns eigentlich Ostern? „Wer singt, wird auferstehen“, lautet eine alte zisterziensische Regel. Also Teilhabe an der Auferstehung Jesu durch Gesang. Jeder kennt die Plastik von Ernst Barlach (1928) „Der singende Mann“. Er sitzt zurückgelehnt, hat die Hände um das rechte Knie geschlungen. Er ist „völlig in sich versunken, er lauscht mit geschlossenen Augen in sich hinein. Der Sänger wirkt völlig gelöst, konzentriert und hingegeben. Hingegeben an den Gesang und hingegeben an den sich öffnenden Blick nach Innen. Die befreiende Wirkung der Musik schafft ihm Gelassenheit, Hingabe und Kontemplation.“ Ich denke dabei an das alte Osterlied „Christ ist erstanden“ und seine zarte, erleichternde Melodie. Und der singende Mann von Barlach bringt mir die Zeilen in Erinnerung, die Rainer Maria Rilke 1899 in Berlin-Schmargendorf verfasst hat: Ich kreise um Gott, um den uralten Turm… und ich weiß noch nicht, bin ich ein Falke, ein Sturm oder ein großer Gesang“.

Wenn wir sagen, Jesus Christus sei das Wort Gottes, ist es auch erlaubt, mit dem Dichter zu fragen, ob wir vielleicht ein großer Gesang sind: So singen, dass wir selbst Gesang werden, wie es der Sänger von Barlach nahelegt, ganz aufgehen im Gesang von Ostern. Für mich ist das Exsultet die Mitte des Christentums, der im Stil der Präfationen gehaltene Lobgesang auf die neue Osterkerze in der Mitte der Osternacht: „Dies ist die Nacht, da Christus zerbrach die Bande des Todes und aus der Tiefe emporstieg als Sieger. Ja, nimmer käme uns Heil durch unsere Geburt, wäre uns das Heil nicht gekommen durch die Erlösung. O wunderbares Erbarmen des Vaters: Du neigtest dich zu uns hernieder in Gnade. O unbegreifliche Huld deiner Liebe: Um Loszukaufen den Sklaven, hast du hingegeben den Sohn. Ja, wahrlich geschehen musste die Sünde des Adam, dass Christi Sterben sie sühne. O glückliche Schuld, auf die ein so großer und wunderbarer Erlöser die Antwort sein konnte. O wahrhaft selige Nacht, einzig gewürdigt zu wissen die Zeit und die Stunde, da Christus vom Tode erstanden. Dies ist die Nacht, von der steht geschrieben: Die Nacht wird hell wie der Tag, abzuwaschen die Schuld, den Sündern wiederzubringen die Unschuld, den Trauernden Freude.“

Mein erstes Referat in der Gymnasialzeit durfte ich im Griechisch-Unterricht über das Thema „Anthesterien“ halten, jenes archaische Totengedenken, das die vorchristlichen Griechen jedes Jahr zu Frühlingsbeginn feierten und auf das sich die Kirchenväter so gerne bezogen. Es kam aus der mittleren Steinzeit und war ein Blumenfest, denn „anthos“ heißt die Blüte. Die Väter wussten als Christen, was Frühling und Tod miteinander zu tun hatten: Es ist eine grundsätzliche Erfahrung von Schöpfung und Schöpfergott, dass der Tod je und je und jedes Jahr neu durch das bunte, zarte, vergängliche Leben besiegt wird. So schmücken wir noch heute die Gräber mit Blumen und freuen uns, dass zu Ostern wieder Blumen auf den Altären stehen. Und die zarte Schönheit des Lebens feiern wir dann noch einmal besonders im Marienmonat Mai.

Jesus wurde ohne Sarg bestattet, nur in Tücher gewickelt in das Grab gelegt, so wie es heute noch die Moslems tun. Daher spielt in der Feier der Anthesterien die Erde eine wichtige Rolle, wie wir sie auch aus dem Judentum kennen. Nach jüdischer Meinung gibt bei jeder Auferstehung die Erde das ihr Anvertraute zurück; in ganz anderem Kontext, bei der Flucht der Frau nach der Geheimen Offenbarung 12, 16 „hilft“ die Erde der Frau. Und die Erde, die die Toten aufnimmt und dann freigibt, bringt auch die Blumen hervor. Sie ist also nicht schmutzig und kalt, sondern beinahe warm und hilfreich.

Ich habe in diesem Jahr viel zum Thema „Auferstehung“ hinzugelernt, besonders dieses, dass in typischen Märtyrerkirchen wie der koptischen, in der in unserer Sichtweite die meisten Christen für ihren Glauben sterben, jede Liturgie vor allem eine Auferstehungsfeier ist – schon erkennbar am koptischen Antiphonar um 700 n. Chr. Und sodann, dass nach der radikalsten Auffassung der christlichen Taufe, wie sie bei Paulus in Römer 6 und Kolosser 3 vorliegt, für die Christen auch die Auferstehung schon mit der Taufe beginnt oder gegeben ist. Und dass daher unser leiblicher Tod nur ein Wechsel der Adresse ist, aber nicht des Status. Für den in Jesus Getauften sind die Grenzen zwischen leiblichem Leben und leiblichem Tod flach geworden. Denn wir bleiben bei Jesus. Der Tod liegt seit der Taufe hinter uns. Nur weil das so ist, konnte Franziskus von Assisi in seinem Sonnengesang den leiblichen Tod „Bruder“ nennen. Denn für die, die mit Christus in der Taufe gestorben und unsichtbar schon auferstanden sind, ist der Tod auf Erden nichts Schlimmes.

Und die ganze Offenbarung des Johannes entfaltet nur die Auferstehung Jesu, von der sie am Anfang spricht, in ihrer wahren Konsequenz für das Machtgefüge in der Welt und in der Weltgeschichte. Die Hymnen der Apokalypse sind Siegeslieder zum Sieg des Lammes. Denn deshalb kann das auferstandene, siegreiche Lamm die sieben Siegel des Buches der sonst verschlossenen, ja für jede weitere Rettung verstopften Gänge der Weltgeschichte öffnen. Denn so treibt das Lamm alle imposanten Mächte und alle versteinerten Herzen vor sich her, um sie zu erweichen oder zu stürzen, zu „knacken“ oder zu besiegen. Seit seiner Auferstehung hat die Weltgeschichte ein Ziel bekommen. Heruntergebrochen auf die Ebene der Menschen heißt das: Unsere Sehnsucht ist das himmlische Jerusalem der romanischen Radleuchter, in unseren Domen „Vision des Friedens“ genannt.

Die göttliche „Seligkeit“ besteht nicht darin, dem Leiden und Sterben grundsätzlich enthoben zu sein, sondern seit den Seligpreisungen der Bergpredigt und der Feldrede verbindet sich die Seligkeit der griechischen Götter mit der hebräischen Leidensfähigkeit des „Sklaven (Knechtes) Gottes“. Seligkeit ja, aber als Bejahung und Verwandlung des zuvor ertragenen und auch in der Folge stets präsenten Leidens des Gerechten. Dadurch entsteht eine judenchristlich-christliche Synthese. Dass sie entstehen konnte, dauerte tausend Jahre. So lange dauerte es jedenfalls, bis man die Seligpreisungen Jesu („Selig die Verfolgten, die Weinenden“) und der Apokalypse des Johannes („Selig, die im Herrn sterben“) halbwegs verstehen konnte. Kein Grieche hätte sie verstanden. Denn Leiden und Sterben waren in gar keinem Sinne selig zu preisen. Die christliche Neu-Interpretation und damit die Bedeutung von Ostern für unser alltägliches Leben besteht darin, dass Verfolgung, Leiden und Sterben einen innersten und unangreifbaren Kern besitzen, der sich nur entfalten muss – wie ein Same, aus dem nach mehr oder weniger kurzer Zeit eine bunte Blume wird. Das nennt man eine Hoffnung, die nicht bodenlos ist, sondern gut begründet, die aber nur, wie jedes Ding, ihre Zeit braucht.

Nicht zuletzt hat mich Leo N. Tolstoj beeindruckt mit seiner Deutung der Osternacht in dem Roman „Auferstehung“: Selbst die schäbigste und nur so genannte Liebe, die oft noch nicht einmal das Herzchen verdient hat, mit dem sie markiert wird, nimmt Gott in die Hand und verwandelt sie. Und Jesus kann sagen: Der Frau wird viel vergeben, weil sie viel geliebt hat. Denn das Geheimnis der Auferstehung ist Verwandlung, und so ergeht es allen unseren ärmlichen Beiträgen zu Gottes Reich. Aus dem allem, was nur gut gemeint, aber dann kaum gelungen ist, macht er Gold. Und das gilt auch für das, was schlecht gemacht ist, aber mit einem Tropfen Sehnsucht und Herzblut verknüpft ist. So wie im Ritus der Opferung ein Tropfen Wasser in den Wein des Leidens Christi versenkt wird.