Sonntagslesung

Gesetz und Gegenwart Exodus 20, 1–17; 1 Korinther 1, 22–25; Johannes 2, 13–25 Zu den Lesungen des dritten Fastensonntags (Lesejahr B). Von Klaus Berger

Sonntagslesung: Selbstgerechtigkeit versus Gottvertrauen Wer bereut, kämpft den guten Kampf Sirach 35, 15b–22a, 2 Timotheus 4, 6–18 Lukas 18, 9–1 Zu den Lesungen des 30. Sonntags zum Jahreskreis (Lesejahr C) :

Die heutigen Lesungen handeln von den zwei Fundamenten des Judentums, Gesetz und Tempel. Auch im Neuen Testament gehören sie zusammen (Apostelgeschichte 6, 13). Das Christentum schafft diese Säulen also nicht ab, sondern deutet sie neu. Die Grundlage bleibt: Gesetz ist das, was Gott verbindlich will, Tempel ist der Ort seiner Nähe und Gegenwart auf Erden. So wie es nur einen Gott gibt, kann es nur einen Tempel geben. Und wenn Jesus sich selbst Tempel nennt (Johannes 2, 21), setzt das eine große Hochschätzung des Tempels voraus. Das Gesetz stiftet die Ordnung des profanen Handelns, der Tempel regelt das sakrale Handeln. Beide dienen der öffentlichen Ordnung. Die Zehn Gebote hat das Christentum bewahrt, der Tempel aber, der Ort des Heiligen, ist stets da, wo Jesus ist, und zwar in abgestufter Dichte und Intensität. Am intensivsten unter den Gestalten von Brot und Wein in der Eucharistie.

Es ist sicherlich gut, an einem Fastensonntag einmal ganz klar die Zehn Gebote zu hören. In den fünf Büchern des Moses stehen sie zweimal (mit ganz geringen Abweichungen), in Deuteronomium 5 und in Exodus 20. Im Neuen Testament steht die Liste der Zehn Gebote nirgends auch nur annähernd vollständig, und das gilt auch für das ganze frühchristliche Schrifttum bis etwa 200 n. Chr. Das bedeutet nicht etwa, dass der Dekalog (die Zehn Gebote) von Jesus oder Paulus abgeschafft worden wären, wie man es besonders in Deutschland im 19. Jahrhundert gerne gesehen hätte, sondern aus der Nicht-Zitierung erkennen wir, dass die Lektüre der fünf Bücher des Moses wohl für die älteste Kirche immer noch grundlegend war – aus diesen las man im christlichen Gottesdienst vor (überdies gewiss auch aus dem „Kyrios“ [Evangelien] und dem Apostolos [Paulusbriefe]). Aber das, was Moses aufgeschrieben hat, war wohl immer dabei.

Zur Zeit Jesu gelten die Zehn Gebote als der Inbegriff von Gottes Geboten überhaupt. Vor allem durch die Katechismen hatten sie schon im Judentum diese Rolle, zum Beispiel bei dem jüdischen Philosophen Philo von Alexandrien im ersten Jahrhundert nach Christus. Philo bringt in den zehn Geboten alle anderen Gebote unter, so wie es später ebenfalls Luther und Petrus Canisius tun. Diese Rolle hat die Liste der Zehn Gebote dadurch erlangt, dass schon die griechische Übersetzung des Alten Testaments die Verben im Sinne einer Liste von Kapitaldelikten aufgefasst hatte. Das fiel besonders für die fünfte bis achte Gebote leicht. Mord, Ehebruch, Diebstahl, Falschaussage vor Gericht waren auch für Heiden schwere Vergehen. Für Juden waren besonders das erste Gebot an der Spitze und das Sabbatgebot wichtig.

Dabei war das erste Gebot kein Problem, sondern die gemeinsame Grundlage; ebenso das Heilig-Halten des Namens Gottes. Das Sabbatgebot dagegen hat man bald auf den Sonntag umgedeutet; noch im Latein der Liturgie heißt der Samstag Sabbatum. Ich finde, dass diese völlige Inanspruchnahme des Sabbats durch den Sonntag aus theologischer Perspektive alles andere als unproblematisch ist und plädiere schon lange dafür, den Sabbat stärker liturgisch hervorzuheben – nicht nur durch die Vorabendmesse, die nach jüdischer Zeitauffassung natürlich eine Sonntagsmesse ist. Für Philo von Alexandrien und den Apostel Paulus wurde besonders das zehnte Gebot zentral, weil es das ungeordnete Begehren verbot – im Sinne der zeitgenössischen Moralphilosophie die Wurzel aller Laster.

Vorteil für die Verwendung im Sinne der katechetischen Grundunterweisung war zu allen Zeiten, dass man die Zehn Gebote an den zehn Fingern abzählen konnte, Nachteil war, dass fast alle Gebote nur als Verbote formuliert waren. Doch in der ursprünglichen hebräischen Fassung konnten, wie schon angedeutet, die Zehn Gebote diese Rolle noch nicht spielen, denn die Verben, die das Verbotene benannten, bezogen sich auf sehr spezielle Delikte. Das fünfte Gebot bedeutete: Nicht heimlich ermorden, so dass man Schuld nicht nachweisen kann.

Das sechste Gebot meint das Verbot, die ehelichen Besitzrechte des männlichen Nachbarn an seiner Frau zu stören. Das siebte Gebot verbietet, einen freien männlichen Israeliten heimlich verschwinden zu lassen, um ihn in die Sklaverei zu verkaufen. Das achte Gebot meint die Zeugenaussage, von der der Ausgang des Verfahrens abhing. Das neunte und zehnte Gebot beziehen sich auf Machenschaften, die vor dem Bereich des eigentlich Strafbaren liegen.

Damit haben alle Verbote eines gemeinsam: Sie beziehen sich auf Fälle, bei denen die Schuld nicht ohne weiteres erweisbar ist, weil kein weiterer Zeuge dabei zu sein pflegt. Denn zum Beispiel Ehebruch mit der Frau des Nächsten war außer durch direkte Zeugen nicht nachweisbar, da eine Ehefrau bereits als entjungfert galt. Und die Zeugenaussage vor Gericht war in der Regel nicht überprüfbar, die Richter waren auf die Ehrlichkeit der Aussage auf Gedeih und Verderb angewiesen. Und bei dem, was das neunte und zehnte Gebot untersagen, geht es auch um den Bereich, der noch nicht schuldhaft ist.

So appellieren die zehn Gebote insbesondere an das Gewissen des Täters. Denn wo die Schuld in der Regel nicht ohne weiteres nachweisbar ist, muss man im Namen Gottes besonders an die Verantwortung vor Gott appellieren. Erst durch die Übersetzung ins Griechische werden aus diesen speziellen Delikten allgemeinere schwere Vergehen. Es wäre wohl gut, wenn man heute bei der Belehrung über die Zehn Gebote den ursprünglichen Appell an das Gewissen wieder bemerkte, denn viele Vergehen werden bei einer Beschränkung auf den Wortlaut der Zehn Gebote nicht angezeigt.

Und was den Tempel betrifft: Als der Gerechte ist Jesus heilig und rein, wie es sonst der Tempel ist. Daher werden nach Johannes 4, 22–24 die Tempel Jerusalems und des Berges Garizim (Samaritaner) gemeinsam ersetzt durch Jesus als den neuen Ort, an dem man Gott anbetet in Geist und Wahrheit – denn diese sind bei ihm zu finden. In diesem Sinne sind bereits die theologischen Ortsangaben in Johannes 1, 38f zu verstehen, die sich um das Verb „bleiben“ im Sinne von „wohnen“ gruppieren. („Wo wohnst du“ – „Kommt und seht“ – „Sie kamen nun und sahen, wo er wohnte“ – „Und sie bleiben bei ihm...“). Denn dort, wo Jesus wohnt, ist der heiligste Ort der Gegenwart Gottes, weil Jesus heilig ist. Und dort kann man bleiben, weil dieser Ort von der übrigen Welt abgegrenzt ist durch die Schranke unvergänglichen Lebens. Alle sogenannte „theologische Geographie“ des vierten Evangeliums, auch das Bleiben im Weinstock, auch die himmlischen Wohnungen, die Jesus bereitet, weisen auf eine grundlegende Entsprechung zwischen Jesus und dem Tempel: Wo er ist, dort ist Gott. Und daher gibt es hier dauerhaftes Bleiben – die Alternative wäre weggehen (Johannes 6, 67) und vergehen. Das vierte Evangelium betont in diesem Sinne die Stabilität Gottes, die Verheißung ewigen Lebens ist.

Um das Erbauen eines „nicht von Händen gemachten“ Tempels geht es auch im ersten Korintherbrief: Schon im Frühjudentum entsteht die Auffassung, dass Menschen, die sich im Namen Gottes versammeln, ein Ort für Gottes Gegenwart und damit ein Tempel sind. Ausgeprägt ist das bereits für die heilige Versammlung von zwölf Männern („Israel“) und drei Priestern, die die Sektenschrift von Qumran im Blick hat. Diese Versammlung heißt das „Allerheiligste“ des Tempels. Dass die Auffassung sich auch in den Hymnen von Qumran findet, könnte darauf weisen, dass sie ihren Ursprung im Hymnen-Singen hat. Wo Menschen sind, die dem Herrn huldigen und sich mit ihrem Jubel mit den Engeln verbünden, dort ist Tempel Gottes.