Sonntagslesung zum 21.10.2018

Christ gewinnen durch Dienen Profil Jesaja 53, 10–11; Hebräer 4, 14–16; Markus 10, 35–45 Zu den Lesungen des 29. Sonntags im Jahreskreis (Lesejahr B). Von Manfred Hauke

Sonntagslesung: Seid wachsam Der Herr kommt unerwartet Jesaja 2, 1–5; Römer 13, 11–14a; Matthäus 24, 37–44 Zu den Lesungen des ersten Adventssonntags 2019 (Lesejahr A) :

„Sich profilieren“ – so lautet ein wichtiges Stichwort unserer Gesellschaft. Menschen möchten vor anderen „glänzen“ und in ihrer Eigenart bekannt sein etwa durch ihr Einkommen und aufwendige Lebensführung; durch geschliffene Rede oder witzige Bemerkungen; durch sportliche Leistungen oder gute Noten in der Schule. Wer kein Profil gewinnt, kommt nicht weiter und bleibt in der grauen Alltagsmasse stecken.

Auch das Sonntagsevangelium berichtet von einem – allerdings gescheiterten – Versuch, sich zu profilieren. Die beiden Söhne des Zebedäus, Johannes und Jakobus, erwarten von Jesus eine glänzende Karriere. Sie rechnen mit dem baldigen sichtbaren Triumph des Reiches Gottes und wollen sich schon vorher einflussreiche Posten sichern: rechts und links von Jesus selbst möchten sie sitzen; sie streben also nach den höchsten Regierungsaufgaben, gleich nach dem göttlichen Meister.

Kann man den beiden böse sein? Ist es nicht legitim, nach vorne zu streben, selbst dann, wenn die anderen dabei zurückbleiben? In vielen Büros, Verwaltungen und Betrieben ist es doch genauso: Jeder freut sich, wenn er das „Ohr des Chefs“ hat, wenn er Einfluss besitzt und auf der Karriereleiter ein Stück nach oben kommt.

Auch die Reaktion der anderen Jünger auf den Profilierungsversuch der beiden Brüder wird uns berichtet: Sie sind empört und versuchen nun ihrerseits, Einfluss auf den „Chef“ zu gewinnen. Auf diese Weise hoffen sie, das Vorpreschen der Zebedäussöhne zu verhindern. Und Jesus? Wie reagiert er auf die Streitigkeiten seiner Jünger?

Die Antwort Jesu eröffnet uns einen ganz neuen geistigen Horizont, eine unerwartete unendlich weite Perspektive. „Ihr wisst nicht, worum ihr bittet“, sagt er den beiden Brüdern. „Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke, oder die Taufe auf euch nehmen, mit der ich getauft werde?“ Jesus spricht von dem Kelch, über den er später auf dem Ölberg betet: „Vater, alles ist dir möglich. Nimm diesen Kelch von mir! Aber nicht, was ich will, sondern was du willst (soll geschehen)“ (Markus 14, 36). Es ist der Kelch unsäglichen Leidens, das er auf sich nimmt als Sühne für unsere Schuld. Und die Taufe, über die er spricht, meint das Überströmt und Begraben werden von der Flut des Todes. Davon spricht bereits Jesaja: Der Knecht Gottes gibt sein Leben hin als „Sühnopfer“. „Mein Knecht, der gerechte, macht die vielen gerecht; er lädt ihre Schuld auf sich“ (Jesaja 53, 10–11).

Das Sühneleiden Jesu, durch das er uns vor Gott gerecht macht und der ewigen Verlorenheit entreißt, ist sein Dienst an der Ehre des Vaters, den unsere Sünde unendlich beleidigt. Zugleich ist es Dienst an unserem Heil. Das Profil Jesu ist geprägt vom Kreuz. Sein Weg führt abwärts in die tiefste Erniedrigung, aber gerade dadurch führt er auch aufwärts in die höchste Höhe, zur Auferstehung und zur Freude des Himmels. Darauf deutet die zweite Lesung aus dem Hebräerbrief: Wir haben „einen erhabenen Hohenpriester …, der die Himmel durchschritten hat“ (Hebräer 4, 14), nachdem er am Kreuz auf uns ein für allemal gestorben ist und unsere Sünden gesühnt hat.

Auch unser Profil als Christen bildet sich nicht durch äußere Macht und Stärke, sondern in der Nachfolge des leidenden Jesus. Wie dieser Weg aussieht, sagt uns ein zweites Jesuswort im Evangelium: „Ihr wisst, dass die Mächtigen ihre Macht über die Menschen missbrauchen. Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll der Sklave aller sein“. Diener stehen oft hinten und müssen unangenehme Arbeiten verrichten; Sklaven werden ausgebeutet und nicht selten geschlagen. Die Aussage Jesu ist eindeutig, und sie wird von Markus bewusst auf das Zusammenleben der Jünger Jesu in der Kirche hin formuliert: Das Profil der Christen zeigt sich nicht im hohen Rang oder vornehmen Aussehen, sondern in der Bereitschaft zum Dienst und zum Einsatz für die anderen.

Dienst – das ist ein Schlüsselbegriff für alle Christen. Wenn wir auf uns selbst fixiert bleiben und nicht dienen, werden wir nie glücklich werden. Wir werden nur dann glücklich, in dieser Zeit und vor allem in der Ewigkeit, wenn wir andere glücklich machen. Die Selbstverwirklichung gelingt nur über die Selbstverleugnung. „Dienst“ – das kann auch ein Kriterium sein für ehrenamtliche Mitarbeit beispielsweise in der Pfarrgemeinde. Wirke ich nur mit, wenn es „Spaß“ macht, oder wirke ich mit, um anderen Menschen zu helfen?

„Dienst“ ist auch ein Maßstab für den Besuch der heiligen Messe. Schauen wir zuerst auf unsere eigenen Oberflächenbedürfnisse – „keine Lust heute“ – oder schauen wir zuerst auf Gott, den wir durch unsere Teilnahme am heiligen Opfer ehren wollen? Mit Anbetung, Lob und Dank, Bitte und Sühne? An die Menschen, deren Heil wir fördern, wenn wir uns mit dem Kreuzesopfer Christi verbinden, das auf dem Altar gegenwärtig wird? Franz von Sales hat einmal ein Gleichnis erzählt, das den Dienst an Gott und den Mitmenschen sehr schön verdeutlicht. Da ist ein hervorragender Sänger, der viele Menschen durch seinen Gesang erfreut. Natürlich freut er sich auch selbst daran. Diese eigene Freude ist durchaus etwas Gutes. Doch auf einmal verliert der Sänger das Gehör. Er kann zwar nach wie vor singen, aber er selbst hat nichts mehr davon. Eines Tages wird der taube Sänger zum König gerufen. Er singt, um den guten König zu erfreuen, um ihn zu ehren. Er singt allein aus Wertschätzung und Liebe.

Auch unsere Situation kann manchmal sein wie die des tauben Sängers. Wir dienen Gott und anderen Menschen, obwohl wir oft scheinbar nichts davon haben. Und doch ist dies der Weg zum zeitlichen und ewigen Glück. Es ist der Weg Jesu, der nur durch das Kreuz zur Auferstehung führt. Wenn wir Gott und einander dienen, dann nehmen wir teil an diesem Weg. Nur durch das Dienen gewinnen wir unser echtes Profil und bilden ein Gegengewicht zur Ellenbogengesellschaft, die das menschliche Zusammenleben zerstört. Ein solches Verhalten ist nicht leicht, führt aber auf den Spuren Jesu zur ewigen Freude des Himmels.