Sonntagslesung: Über die Sehnsucht nach dem neuen Leben

Eine sanfte, aber nachhaltige Revolution Jesaja 40, 1–11; Titus 2, 11–3.4–7; Lukas 3, 15–25 Zu den Lesungen zum Fest der Taufe des Herrn 2019 (Lesejahr C). Von Klaus Berger

Sonntagslesung: Seid wachsam Der Herr kommt unerwartet Jesaja 2, 1–5; Römer 13, 11–14a; Matthäus 24, 37–44 Zu den Lesungen des ersten Adventssonntags 2019 (Lesejahr A) :

Im Titusbrief heißt es von der Gnade in 2,12, sie wirke „erzieherisch“. Doch es geht nicht primär um Disziplinarmaßnahmen, sondern um Pädagogik als die Anleitung zu einem sinnvollen und erfüllten Leben. Davon, dass Gnade in diesem Sinne erzieherisch wirke, hatte man noch bislang nie etwas gehört. Sie ist daher nicht irgendeine Gunst, sondern vermittelt einen Lebensstil, eine Prägung und Bildung, die der Würde des Menschen gemäß ist.

Auch an dieser Stelle wird erkennbar: Gegner des Christentums sind nicht die anderen Volksreligionen, sondern der Anspruch des römischen Kaisertums auf der einen Seite und der philosophischer Menschenführung auf der anderen Seite. Daher hat es im Christentum immer „Schule“ gegeben, Lernen und Menschenprägung und Menschenbildung. Jedes Zisterzienserkloster hieß deshalb „Marienschule“.

Weihnachten zeigt uns, dass diese „Bildung“ nicht gewaltsam geschieht, sondern durch die Faszination der gnadenvollen Zuwendung Gottes. Denn durch Emotionen, durch geteilte, gemeinsame Erlebnisse formt Gnade am leichtesten. Deshalb gilt jetzt die Gnade Gottes, die faszinierende herrscherliche Huld.

„Wie neu geboren“ zu sein ist ein Menschheitstraum. Wenn wir eine Krankheit gut überstanden haben, ein schwieriges Examen gut bestanden haben, wenn wir es übers Herz gebracht haben zu beichten und dann die Lossprechung erfahren haben, dann sagen wir das: „wie neu geboren“. Und mit dem Kind in der Krippe, mit dessen Geburt die Weltgeschichte neu anfängt, so dass wir danach unsere Zeitrechnung ausrichten, verbinden auch wir den Wunsch nach Neuanfang, den Wunsch, wie neu geboren noch einmal alles vor uns haben zu können. In der späteren Geschichte wurde das Wort „Neue Geburt“ Name eines eigenen Zeitalters, der Renaissance, da man meinte, die antike heile Welt sei neu geboren.

Dass der Heilige Geist bei der Taufe nicht nur Jesus, sondern jedem Christen mitgeteilt und von ihm empfangen wird, lernen wir bei Paulus und im Evangelium nach Johannes (Johannes 3, 5 und eben im dritten Kapitel des Briefs an Titus). Wir fragen: Warum ist die Taufe eine Geburt, warum ist sie wie neu geboren werden? Schließlich waren zur Zeit des heiligen Paulus die meisten Täuflinge schon erwachsen – ein Problem wie in Johannes 3, 4. Warum, darf man fragen, strebten sie eine neue Geburt, eine Wiedergeburt an?

Nun, der Ausdruck findet sich auch in den zeitgenössischen Mysterienkulten, zum Beispiel im Mithraskult. Menschen, die sich der Einweihungsfeier in einem Mithräum, einer unterirdischen Höhle, unterzogen, sagten danach, sie seien neu geboren. Denn der Kult war eine Art Jungbrunnen, vollzogen in einem Mahl mit Wasser und Brot. In den Mysterienkulten wird in der Mitte des Lebens neues Leben in einer Symbolfeier angeeignet. Die christliche Taufe beantwortet diese Sehnsüchte nach dem neuen Leben radikal, weil hier auch der Lebensstil geändert und die Hoffnung auf Überwindung des Todes begründet wird. Denn das griechische Wort „Neugeburt“ wird im Neuen Testament nicht nur für die Taufe verwendet, sondern auch für die Neugestaltung aller Dinge in der neuen Schöpfung. Dann also, wenn Gott sagen wird: „Siehe ich mache alles neu“.

Es liegt an der Faszination des Wortes „neu“, dass man Taufe wie neue Schöpfung als grundlegendes Neuwerden bezeichnet hat. Nun war dieses auch die Absicht aller Revolutionen, insbesondere der des 20. Jahrhunderts. Die sozialistische Revolution, die völkische Revolution, die Revolution von 1968 – sie endeten stets ähnlich wie die französische Revolution in einem Meer von Blut und Tränen. Denn wenn die Welt sich der Erneuerung sperrte, versuchte man es eben mit Gewalt.

Was machen wir falsch bei unseren Revolutionen, die alle seit 1789 Revolutionen gegen Gott und die Kirche waren? Ist der Mensch vielleicht doch nicht für die Revolution, für eine grundlegende Erneuerung geschaffen? Zeigt nicht auch die Geschichte der Kirche, dass der Mensch immer zurückbleibt hinter den Idealen und dass es nach der Neuwerdung oft schlimmer aussieht als vorher? Was ist es, das diese Neuanfänge verdirbt? Wo doch dem Neuanfang selbst stets ein Zauber innewohnte? Wird nicht oft genug der Neuanfang zur Ideologie, so dass unter ihrem Schutz die alte Bosheit umso ungenierter weiterlebt, verdeckt durch große Worte und hehre Programme?

Schon in der Offenbarung des Johannes lernen wir, dass das abgrundtief Böse stets das Gute imitiert, lediglich nachahmt, vom schönen Schein der Wahrheit lebt. In der Tat hat jede der Revolutionen der Neuzeit quasi-religiöse, quasi-liturgische Züge entwickelt. Denn noch von der billigen Kopie geht Faszination aus. Aber wo liegt das Kriterium für das Wahre? Ich denke: Was die Menschen im Ganzen und auf Dauer gesund macht, ist wahr und echt und gut. Stichworte verunglückter Erneuerung könnten dagegen sein „Kulturrevolution in China“ oder Zerstörung von Buddhastatuen durch radikale Moslems. Das heißt: In Zukunft wird nur noch die Art von Neuheit Chancen haben, die Kunst und Kultur schont und möglichst wenig davon zerstört. Heilen als Weiterführen, als Verwirklichen der eigenen Möglichkeiten, die bisher zu kurz kamen, aber möglichst schonend damit umgehend.

Oftmals hat Mission zuviel zerstört von dem, was in einem Volk schon da war. Wer Neues bringen will, ist zu großer und weiser Selbstkritik stets aufgerufen. In der Beichte könnte man sie lernen und zugleich, „wie neu geboren zu sein“.

In der Geschichte sind zwei Wege von Neuheit beschritten worden. Der eine betont die vorherige Verderbtheit des Menschen und fordert radikalen, revolutionären Wandel. Augustinus steht für diese Linie. Positiv zu schätzen ist, dass hier manches prophetische Gut bewahrt wurde. Problematisch ist, dass alle Revolutionen hier anknüpften.

Bei der anderen Linie geht es um Erneuerung als Entfaltung bisher versteckter Anlagen und Fähigkeiten und als Erfüllung bisher unerfüllter Sehnsüchte.