Sonntagslesung Christentum bedeutet

Zu den Lesungen des dritten Sonntags im Jahreskreis (Lesejahr C)  Neh 8,  2–10 1 Kor 12,  12–31a Lk 1,  1–4; 4,  14–21

Das achte Kapitel des Buches Nehemia und das vierte Kapitel des Lukasevangeliums sind verbunden durch die Schilderung einer ähnlichen Situation, nämlich der Schriftvorlesung und -auslegung vor versammelter Gemeinde. Der erste Punkt ist schnell besprochen: Vor der versammelten Gemeinde liest einer, der es kann und den der Synagogenvorsteher dazu auffordert, einen Abschnitt aus der Schriftrolle vor und deutet ihn. Jesus wartet nicht auf die Aufforderung, sondern liest und predigt von sich aus. Dabei wird zunächst aus der Torah vorgelesen (Parasche), dann aus den Propheten (Haftare). Die Propheten las man nachmittags nicht, daher wird es sich hier um einen Vormittagsgottesdienst handeln. Wurde der Text hebräisch verlesen, dann musste er durch einen Dolmetscher ins Aramäische übertragen werden. Dass es für beides im Text von Lukas keinen Hinweis gibt, weist darauf, dass Jesus den Text aus der griechischen Fassung des Alten Testaments (Septuaginta; LXX) vorgelesen hat. 
Wenn es technisch möglich war, stand ein Holzpult auf einem erhöhten Podium (vgl. Lk 4,  16) mitten im Raum, und beim Aufrollen der Schrift (sie wird von einem Synagogendiener gereicht) stehen die Menschen auf. Das Volk antwortet, indem es die Hände erhebt und „Amen, Amen“ ruft. Alle verneigen sich, bis das Antlitz den Boden erreicht (wir kennen das heute noch aus Moscheen). Erst dann erfolgt die Deutung des Schriftabschnittes. Im Lukasevangelium steht ein Synagogendiener bereit, um Jesus die Rolle abzunehmen, bevor er die Schrift auslegt. Sowohl bei Esra als auch bei Jesus geht die Deutung auf den besonderen Charakter des jeweils „heutigen“ Tages (Neh 8,  9; Lk 4,  21). Bei Esra ist es der Tag, der das Laubhüttenfest einleitet, bei Jesus ist es der Tag, mit dem er sein öffentliches Auftreten beginnt. So ist das Jesajawort an ihm erfüllt („...ein Jahr der Gnade Gottes auszurufen“). Das Buch Nehemia legt besonderen Wert auf die Nennung namentlicher Zeugen; wie wichtig dieses Thema auch grundsätzlich für Lukas ist, soll der einleitende Abschnitt Lk 1,  1–4 demonstrieren.

Gesalbter des Geistes
Der von Jesus vorgelesene Jesaja-Text ist für das gesamte frühe Christentum (inklusive Justinus Martyr, Dialogus, im zweiten Jahrhundert) von herausragender Bedeutung. Denn der Text spricht von der Sendung Jesu, vom Heiligen Geist, der ihn gesalbt hat (deswegen ist er der Christos, der Gesalbte) und zusätzlich von der Verkündigung des Evangeliums, besonders für die Armen (Thema des lukanischen Schrifttums) und dazu noch von der Vergebung der Sünden. Keine Stelle des Alten Testaments ist für die Sendung und Bedeutung Jesu aufschlussreicher als diese.
Das Wirken Jesu (Verkündigung des Evangeliums an die Armen, Ankündigung der Freilassung für die Gefangenen, Heilung der Blinden, Freiheit für die Gefolterten und Ankündigung des Jahres der Gnade Gottes) wird zurückgeführt auf die Salbung Jesu durch den Heiligen Geist und die Sendung durch Gott. Weil sowohl bei der Verkündigung an Maria (1,  35) als auch bei der Taufe Jesu (3,  22) vom Heiligen Geist die Rede war, können die Leser das verstehen und einordnen. Sollte einer der damaligen Leser die Schriftrolle 11 Q Melchisedek oder verwandte Texte gekannt haben, so war ihm auch von dorther ein „Gesalbter des Geistes“ geläufig, eine endzeitliche prophetische Figur, die auch dort das Evangelium zu verkünden hatte. Für Jesus ist die Messianität (und Sendung) daher wesentlich durch typisch prophetische Elemente gefüllt. Dazu gehören nach dem Prophetenbild des frühen Judentums Wunder und die Verkündigung des kommenden Heils.
Vergleichen wir nun mit der Passage aus dem ersten Brief an die Korinther. Die verschiedenen Gaben des Heiligen Geistes sind bei Jesus auf ihn selbst konzentriert, und andere Geistträger kommen im Evangelium nicht in den Blick (auch der Täufer ist trotz Lk 1,  15 nicht vergleichbar, da er keine Wirkungen ausstrahlt, wie Jesus es tut). Im 12. Kapitel des ersten Korintherbriefs sind die unterschiedlichen Gaben des Heiligen Geistes (1 Kor 12,  1.3.4.7.8) auf verschiedene Menschen verteilt. Wegen der großen Verschiedenheiten droht die Gemeinde zu zerfallen. Denn es gibt unter den Geistesgaben unterschiedlich hoch angesehene. Daher führt Paulus das Bild vom einen Leib und den vielen Gliedern ein, um zu sagen, dass in einem Leib auch die weniger hoch angesehenen Glieder notwendig sind, ja, dass die Menschen gerade die weniger hoch geachteten Glieder (wie zum Beispiel den Bereich unter der Gürtellinie) besonders schmücken.
Bei Lukas wie bei Paulus geht es daher um Einheit und Vielfalt der Geistesgaben. Im Lukas-Evangelium werden sie alle durch den einen verwirklicht, in Korinth hat jeder nur eine und alle zusammen haben alle Gaben. Aber das Problem der Einheit und Vielfalt des Heiligen Geistes ist seither eines der gravierendsten der Kirchengeschichte bis heute. Jesus ist konkurrenzlos, weil er alle Gaben hat, die Christen in der Gemeinde müssen zusammenwirken, da keiner alle hat. Die Singularität Jesu und die Vielfalt der Gemeinde stehen hier auf dem Spiel. Wir fragen, was das heute bedeutet.
Es bedeutet zunächst eine ganz notwendige Klarheit im interreligiösen Dialog. Jesus ist nicht einer unter anderen Religionsstiftern. Ich habe selbst in katholischen Zentren das Bild Jesu neben und in einer Reihe mit anderen Religionsstiftern gesehen. Das Neue Testament sagt: Gottes Heiliger Geist ruht exklusiv und ganz auf Jesus, in ihm allein ist Jesaja 61 erfüllt. Und auf Christen geht der Geist Jesu als sein Geist über (durch Handauflegung in der Taufe und Firmung). Buddha, Laotse und Sokrates sind nicht Konkurrenten Jesu. Wer solches zu vertreten versucht, unterminiert mit falsch verstandener Toleranz das erste Gebot. Insofern wird hier die allgemeine Toleranz zum Instrument antijüdischer Mentalität.
Kein Freibrief für Beliebigkeit

Noch wichtiger aber ist wohl, was Paulus über die innerchristliche Einheit sagt. Denn jeder Christ, jede Christin hat durch die Taufe ein Charisma erhalten. Der Ton liegt auf „jeder“ und auf „Taufe“. Die Konsequenz ist aber nun gerade nicht, dass jeder Christ eine Privatkirche aufmacht. Das geschieht im Milieu der Freikirchen oft genug. Da meint jemand, er sei besonders vom Heiligen Geist begabt und müsse daher eine eigene, möglichst erfolgreiche Kirche gründen. Er mag ja tatsächlich ein Charisma haben; ob er es richtig gebraucht, das zeigt sich freilich an den Früchten. Die Früchte liegen für Paulus ganz eindeutig in der Bewahrung der Einheit der Kirche (1 Kor 3,  16f und eben 1 Kor 12). In Korinth sind es die weniger glänzenden Christen, die in Richtung Graumäusigkeit tendieren und die sich fragen, wozu sie noch  Glieder der Gemeinde sind. Zumeist aber sind es nicht depressive Mauerblümchen, sondern eher hochaktive und begabte Menschen, die die Gemeinde zerstören. Wohl jeder Pfarrer wird davon ein Lied singen können.
Noch einmal zur Grundfrage: Wie kommt es und welchen inneren Sinn hat es, dass mit dem Heiligen Geist stets die Frage nach Einheit und Vielfalt verbunden ist? Offenkundig bricht sich hier die Einheit und Einzigkeit Gottes besonders mit der kreatürlichen Vielfalt. Denn als Heiliger Geist wirkt Gott so nahe bei den Menschen in ihrer Vielfalt wie nie zuvor. Die Nähe Gottes zu den Menschen ist im Christentum konkurrenzlos. Wenn Gott aber so nahe bei den Menschen ist, dann trifft er hier auch auf die Ecken und Kanten, die die Menschen schon von Natur aus bieten und die mit der Taufe nicht beseitigt sind, sondern oft erst besonders stark hervortreten. Und weil es um das Wirken des einen und einzigen Gottes so nahe bei den Menschen geht, ist auch ganz klar, dass im Zweifelsfall die Einheit Gottes siegen muss und nicht der heillose Streit. Paulus macht im zwölften Kapitel des ersten Korintherbriefs deutlich, dass diese Einheit als elegantes, geistreiches Zusammenspielen wie in einem Organismus (oder: wie in einem Orchester) nötig ist. Der Modus ist sanft, aber die Einheit ist kostbar. Denn jede Teilung und Spaltung trifft Gott selbst geradezu physisch. Denn die Gemeinde ist Leib Christi (1 Kor 10,  15–17). Paulus hält es als geschickter Seelsorger allerdings für möglich, dass Einheit in der Verschiedenheit sein kann. Und er verrät, wenn man das einmal so nennen darf, einen Trick: Sich an den Opfern der Spaltungen orientieren, an denen also, die weder große Theologen noch große Organisatoren sind, diese besonders ehren und schonen. Denn jeder machtbewusste Charismatiker braucht Fußvolk. Jesus Christus aber steht auf der Seite des Fußvolks. Daher ist die Rückkehr des Gerangels um Ehren und Posten ein Rückfall in die Zeit vor dem Kreuz. Und insofern ist die Frage nach Vielfalt und vorzuziehender Einheit eine Frage nach dem Zentrum des Christlichen, nach dem Kreuz.   Klaus Berger