Sonntagslesung: Apostelg. 13, 43–52; Offenb. 7, 14–17; Johannes 10, 27–30;

Sonntagslesung

Wenn man in Italien einen Priester anspricht, nennt man ihn „Padre“, also Vater. Der Priester ist in der Kirche einer, der die Stelle des Vaters übernimmt, des Hirten, wie es in Johannes 10, 27–29 anklingt, dem Evangelium vom guten Hirten gehört, das am Welttag der geistlichen Berufe gelesen wird. Die Kirche weiß, dass sie ohne die Hirten, die Väter im Glauben, nicht wirken kann. Und so sind wir dazu aufgerufen zu beten, dass es in der Kirche auch heute solche gibt, die sie im Namen Christi gut leiten. Der Sonntag des guten Hirten fällt dieses Jahr mit dem Muttertag zusammen. Ein Anlass, sich gleich über beide Formen des Elternseins Gedanken zu machen: die geistliche und die leibliche Vater-, Mutter- beziehungsweise Elternschaft. In beiderlei Hinsicht hat sich in jüngster Zeit viel verändert. Noch vor wenigen Jahrzehnten gab es viele Berufungen zum Priestertum und zum Ordensstand. Aber nicht nur die Kirche war fruchtbar, auch die Familien waren es. Heute ist es anders: Priesterberufungen gibt es bekanntlich wenige und auch die Familien sind weniger und kleiner geworden. Natürlich haben sich die Lebensbedingungen geändert. Es ist sicher auch Ausdruck der verantworteten Elternschaft, wenn Familien heute kleiner sind. Und die Zahl der Priester ist im Vergleich zu den Gläubigen, die aktiv in der Kirche mitleben und mitwirken, nicht kleiner geworden, auch wenn sie absolut gemessen abgenommen hat. Gerne macht man den Wohlstand dafür verantwortlich, dass es weniger Berufungen zur Ehe und zum Priestertum gibt. Da ist sicher etwas dran. Aber der Wohlstand ist nicht die Wurzel des Problems. Denn wenn man reich ist, hat man ja gerade die Mittel, um eine Familie zu unterhalten.

Leben und Fruchtbarkeit durch Hingabe

Das Problem liegt tiefer, es hat mit dem Glauben an Gott selbst zu tun. Mit ihm ist etwas verloren gegangen, das zum Wesen des Christseins gehört: die Hingabe und die Selbstlosigkeit. Das Leben Jesu Christi sagt uns: Nur wenn man sich hingibt, wenn man sich aufopfert für die anderen, dann wächst neues Leben, dann entsteht Fruchtbarkeit. Das ist gerade die Botschaft von Karfreitag und Ostern. und im Wort Jesu vom Weizenkorn: Nur wenn es in die Erde fällt und stirbt, bringt es Frucht (Johannes 12, 24). Wenn es nicht sterben will, bleibt es allein. Hinzu kommt eine Verdunkelung über das, was letztlich das Ziel des Menschen ist. In der Lesung aus der Apostelgeschichte erinnern Paulus und Barnabas daran, dass das Ziel des Menschen das ewige Leben ist (13, 46). Und in der zweiten Lesung aus der Offenbarung des Johannes wird uns das himmlische Jerusalem vorgestellt: Dort fließen die lebendigen Wasser und Gott wird alle Tränen abwischen (7, 17). Weil viele Menschen ihre christliche Berufung, die über diese Welt hinaus gilt, nicht mehr verstehen oder annehmen, wollen sie allein bleiben und ihr Leben nur für sich leben und genießen. Sie hüten ihren kostbaren Schatz der Selbstbestimmung und Unabhängigkeit, doch sie tun es um den Preis des Alleinseins, der Unfruchtbarkeit, geistlich und menschlich. Der emeritierte Papst Benedikt XVI. hat gerade kürzlich darauf hingewiesen: „Das erste grundlegende Geschenk, das uns der Glaube darbietet, besteht in der Gewissheit, dass Gott existiert. Eine Welt ohne Gott kann nur eine Welt ohne Sinn sein. Denn woher kommt dann alles, was ist? Jedenfalls hat es keinen geistigen Grund. Es ist irgendwie einfach da und hat dann weder irgendein Ziel noch irgendeinen Sinn. (…). Eine Gesellschaft, in der Gott abwesend ist – eine Gesellschaft, die ihn nicht kennt und als inexistent behandelt – ist eine Gesellschaft, die ihr Maß verliert. In unserer Gegenwart wurde das Stichwort vom Tod Gottes erfunden. Wenn Gott in einer Gesellschaft stirbt, wird sie frei, wurde uns versichert. In Wahrheit bedeutet das Sterben Gottes in einer Gesellschaft auch das Ende ihrer Freiheit, weil der Sinn stirbt, der Orientierung gibt.“

Der Glaube an Gott bringt Sinn und Freiheit

In der Tat: Man kann es in unserer Kirche und unserer Gesellschaft beobachten: Wenn der Sinn stirbt, dann wird der Mensch nicht frei, sondern er verkümmert. Er zieht sich zurück auf das, was sich unmittelbar genießen und konsumieren lässt und der große, von Hoffnung auf Gott geprägte Wurf bleibt aus. Denn nur mit Blick auf Gott kann sich der Mensch über seine unmittelbaren Bedürfnisse hinaus erheben, sich dauerhaft schenken, sich ganz in Dienst stellen lassen, arm, ehelos, gehorsam. Wenn keine lebenslang gültigen Weiheversprechen mehr abgelegt, sondern nur noch Arbeitsverträge unterschrieben werden, dann geht die Kirche ein. Das gleiche gilt im Verhältnis von Mann und Frau. Nur wenn sie sich gegenseitig für immer schenken, ihre Selbstbestimmung zugunsten des Partners zurücknehmen und die Ichbezogenheit sterben lassen, kann neues Leben wachsen und gedeihen. Das geht nur, wenn es Sinn und Orientierung aus dem Glauben gibt, die den Menschen über den Tag hinausblicken lassen. Danken wir in diesen Tagen den Vätern und Müttern für ihre Hingabe und ihren Einsatz. Bringen wir, wenn es angebracht ist, auch einmal einem Priester, einem Ordensmann oder einer Ordensfrau unsere Dankbarkeit für ihre Hingabe zum Ausdruck. Denn sie sind ja auch Menschen, die getragen sein sollen von der Gemeinschaft der Kirche. Nehmen wir von diesem Sonntag, der uns auf den letzten Sinn unserer Existenz hinweist, die Frage mit in unseren Alltag: Lebe ich aus der christlichen Hoffnung auf das himmlische Jerusalem, die Vollendung meiner irdischen Existenz in Gottes ewiger Gegenwart? Ist das letztlich mein Antrieb, weshalb ich mich in Familie, Beruf und Gesellschaft hingebe und einsetze? Und denken wir daran: Wir werden gerade dann glücklich, wenn wir uns hingeben, wenn wir nicht kleinlich den kostbaren Schatz unserer Freiheit, die Gott uns geschenkt hat, vergraben. Das mag paradox erscheinen, aber es ist so. Es ist so paradox wie das Weizenkorn, das nur Furcht bringt, wenn es sich in die Erde senken lässt und stirbt. Dann aber wird es groß und bringt ein Vielfaches dessen hervor, was es einmal war. So war es bei Jesus Christus. So soll es auch bei uns sein.