Sonntagslesung: Apg 10, 34–43; Kolosser 3, 1–4; Johannes 20, 1–9:

Daniel, Jona und Jesaja Hinweise auf Jesu Auferstehung im Alten Testament. Von Klaus Berger

Sonntagslesung: Seid wachsam Der Herr kommt unerwartet Jesaja 2, 1–5; Römer 13, 11–14a; Matthäus 24, 37–44 Zu den Lesungen des ersten Adventssonntags 2019 (Lesejahr A) :

Wo gibt es eigentlich in der Verkündigung Jesu Hinweise darauf, dass er mit seiner Auferstehung gerechnet hat? Denn nur auf diese Weise könnte die Osterbotschaft selbst ein unabtrennbarer Teil der Verkündigung Jesu gewesen sein. Eine genaue Untersuchung entsprechender Stellen zeigt, dass Jesus solche Hinweise vor allem in einer auf die eigene Person zugespitzten Auslegung „der Schrift“, des Alten Testaments, liefert. Die Formel „auferstanden gemäß der Schrift“ gewänne so plausiblen Hintergrund. Und zugleich würde auch für die Liturgie der Osternacht ein Grundzug erkennbar. Denn auch hier steht zumal in der Abfolge der Lesungen sogar exklusiv das Alte Testament Pate: Im Exsultet ist es der Auszug aus Ägypten nach der Schilderung des Buche Exodus, in den weiteren Lesungen die Schöpfungsgeschichte, Texte über Mose und Gesetz, sowie Propheten. Die Evangelien bieten nun nicht einfach Texte des Alten Testaments, wohl aber auf die Person Jesu zugespitzte „typologische“ Verwendungen sehr alter biblischer Texte.

Zuerst stößt man auf die „Leidens- und Auferstehungsweissagungen“ im Munde Jesu. Die ältere einhellige Auskunft, diese Weissagungen seien nachösterliche Erfindungen der Gemeinde, beruht auf unsinnigen Voraussetzungen und ist im Resultat unbeweisbar. Vielmehr lässt das Stichwort „Menschensohn“ erkennen, dass es sich um eine typologische, auf Jesus zugespitzte Auslegung von Daniel 7 handelt. Denn im Bild des Menschensohnes (Daniel 7, 13) geht es dort um Israel: Dreieinhalb Zeiten, also eine halbe Unglückswoche lang ist es ausgeliefert an die Völker, um dann von Gott zum König über die Völker eingesetzt zu werden (Daniel 7, 27). In der Formulierung „auferstehen nach drei Tagen“ in Markus 8, 31 ist die Möglichkeit der dreieinhalb Tage enthalten. Und wer damit Probleme hat, die dreieinhalb Zeiten mit der Angabe „am dritten Tag“ (1 Korinther 15, 4) zur Deckung zu bringen, sollte bedenken, dass Jesu Ausgeliefertsein nicht erst mit der Stunde seines Kreuzestodes beginnt. Kurzum: Indem Jesus das eigene Geschick als das des Menschensohnes nach Daniel 7 deutet, stellt er unübersehbar den Bezug zu Israel her, für das er leidet und mit dem zusammen er als der Erhöhte regieren will; dieses Letztere wird verwirklicht im „Regiment“ der Zwölf Apostel in der Kirche (vgl. Matthäus 19, 28).

Jesus als Zeichen und Licht für die Heiden

In der Jona-Typologie greift Jesus wiederum auf zwei geläufige biblische Typologien zurück, einmal auf den Menschensohn (Matthäus 12, 40 siehe oben, daher auch hier die drei Tage), und zum anderen auf die abenteuerliche Geschichte des Propheten Jona. Nicht erst die christliche Kunst deutet das Gefangensein im Bauch des großen Fisches als Bild für den Tod. Im Judentum wird diese Geschichte vielmehr in breiter Form entfaltet und auf den Tod bezogen; vergleiche dazu die schöne Übersetzung von Folker Siegert (armenischer Philo: De Iona). Interessant ist hier besonders, dass Jona schon nach dem Jona-Buch zum Zeichen für die Heidenvölker werden soll. Auch in Daniel 7 sind die Heiden im Blick und das gilt auch vom Galiläa der Heiden in der folgenden Stelle des Neuen Testamentes. Nachdem Israel mehrheitlich Jesus als Messias abgelehnt hat, wendet sich das Evangelium den Heidenvölkern zu.

Denn an zwei Stellen der Passionsberichte wird an Jesu vorösterliches Wort erinnert, dass er den Jüngern nach Galiläa (sprichwörtlich: Galiläa der Heiden) vorausgehen wird („nach meiner Auferweckung“) und dass sie ihn dort „sehen“ werden. Dass hier unzweifelhaft Jesaja 8, 22–9, 1 im Hintergrund steht, wurde kaum je gesehen. „… Bedrängnis, Not und Finsternis, drückende Not und Finsternis, so dass man nicht sehen konnte. Und die Not wird nicht schwinden… Dieses tu zuerst, tu es schnell…, Galiläa der Heiden, Volk, das im Finsteren wandelt, seht ein großes Licht und die ihr das Land bewohnt und im Schatten des Todes sitzt, ein Licht wird über euch leuchten…“ Leitworte in diesem Text sind: „sehen“, „Galiläa“, „ein großes Licht“. Das wiederholte „sehen“ entspricht der Ankündigung Jesu: „Dort werdet ihr ihn (mich) sehen“ (Markus 16, 7). Der Zusammenhang von Galiläa und „sehen“ ist in der Bibel nur hier gegeben.

Ostern als Schlüssel zum Verständnis der Schrift

Zudem ist dieser Text jedenfalls dem Evangelisten Matthäus gut bekannt. Denn er zitiert ihn ausführlich schon lange vor den Passionsberichten, und zwar in Matthäus 4, 14–18. Denn für ihn ist der Text aus Jesaja eine Art Generalüberschrift über die mit 4, 17 nach der Gefangennahme des Täufers beginnende Verkündigung Jesu („Jesus begann zu verkündigen“). Denn für Matthäus werden hier nicht nur die Landstriche angegeben, in denen Jesus verkündigte. Vielmehr zitiert Matthäus 4, 16 ausdrücklich Jesaja: „Das Volk, das im Finstern saß, sah ein großes Licht, und denen, die im Land und im Schatten des Todes saßen, ging ein Licht auf.“

Bei der Lektüre dieser Stellen wird der Bezug auf die Christus-Vision des Apostels Paulus, des Heiden-Missionars, unabweisbar: Denn er sieht den Auferstandenen als großes Licht. Und die kommentierende Stimme weist ihn ausdrücklich in die Heidenmission (Apostelgeschichte 9, 3; 26, 17 f.).

Doch wenn wir richtig gelesen haben, dann geht diese Verbindung von Völkermission und Licht nicht erst auf die Apostelgeschichte oder das ebenfalls immer wieder als „spät“ angesetzte Matthäusevangelium zurück, sondern ist ein Stück der Verkündigung Jesu, in der eben Jesus selbst sagt, dass er in Galiläa gesehen wird. Das Galiläa der Heiden aber ist das, in dem Jesus als das Licht „zur Erleuchtung der Heiden“ (Lukas 2, 32) gesehen wird, wie schon der Jude Simeon sagt.

Theologisches Fazit: Der auferstandene Jesus wird hier als das große Licht dargestellt. Jede Finsternis wird er auflösen. Dabei sind die Übergänge zwischen metaphorischer und allegorischer Bedeutung fließend. Die spätere Auffassung, dass gerade die Osternacht den Schlüssel für die Auslegung des Alten Testaments bietet, beginnt daher in der Verkündigung Jesu.