Würzburg

Selbstgerechtigkeit versus Gottvertrauen

Wer bereut, kämpft den guten Kampf. Die Sonntagslesung vom 27. Oktober

„Einigen, die von ihrer eigenen Gerechtigkeit überzeugt waren und die anderen verachteten, erzählte Jesus dieses Beispiel“ – kennen wir sie nicht, solche Menschen, solche Selbstgerechten, die sich für gute Christen oder gute Katholiken halten und mit Verachtung auf andere herabsehen? Jene Hochmütigen, die stolz auf ihre eingebildete Demut und sogar hochmütig vor Gott sind und meinen, Gott müsse sich doch freuen, dass sie so anständige Leute sind, die sich nie etwas zuschulden kommen lassen, an denen man nichts aussetzen kann und die immer alles richtig machen. Die Gott dafür danken, dass sie nicht sind wie die anderen, über die sie sich erhaben glauben. Solche Leute kennt das Evangelium als Pharisäer. Und solche Pharisäer gibt es auch heute.

Ein solcher Pharisäer begegnet uns hier. Pharisäer gab es schon vor dem Auftreten Jesu. Sie waren die Gesetzestreuen und die „Abgesonderten“, wie sie zuerst von ihren Gegnern genannt wurden und wie sie sich dann selbst nannten. Es ging ihnen um die genaueste Erfüllung auch der kleinsten Einzelheiten der jüdischen Ritualgesetze, etwa bei den Speisegeboten oder den Reinlichkeitsgeboten. Alle, die die Ritualgesetze nicht so streng beachteten, wurden von ihnen geringgeschätzt. Die Pharisäer waren die Sekte derer, die sich viel darauf einbildeten, auch die geringsten Kleinigkeiten der Ritualgesetze auf das Genaueste zu erfüllen. Mit theologischer Gelehrsamkeit hatte das nichts zu tun. Auch nicht mit Priesterschaft. Der Sekte der Pharisäer gehörten Theologen und Nichttheologen an. Die Theologen unter ihnen waren die Schriftgelehrten. Man konnte Pharisäer sein, ohne Schriftgelehrter zu sein. Im Neuen Testament ist ja oft die Rede von den „Pharisäern und Schriftgelehrten“.

Und dann tritt in unserem Evangelientext auch noch ein Zöllner auf. Die Zöllner waren nicht das, was wir heute als Zollbeamte kennen. Palästina gehörte in der Zeit Jesu teilweise direkt zum römischen Reich, teilweise bildete es ein von Rom abhängiges Staatswesen. Steuern und Zölle wurden nicht von Finanz- und Zollämtern erhoben. Es gab keine staatlichen Steuer- und Zollbeamten. Das römische Reich und die abhängigen Kleinstaaten verpachteten das Steuer- und Zollwesen an Privatunternehmer, Steuer- und Zollpächter. Es gab Generalpächter ganzer Bezirke – wie der aus dem Lukasevangelium als „Oberster der Zöllner“ bekannte Zachäus in Jericho (Lukas 19, 2) –, die Unterpächter für einzelne Orte hatten.

Die Generalpächter zahlten Pacht an den Staat, die Unterpächter an den Generalpächter. Sie trieben zum eigenen Gewinn Steuern und Zölle ein. Weil die Tarife nicht genau festgelegt waren, konnten die Steuer- und Zollpächter von den Steuer- oder Zollpflichtigen überhöhte Beträge erpressen. Deshalb standen die Zöllner in schlechtestem Ruf und wurden mit Übeltätern aller Art in einen Topf geworfen. So ist im Neuen Testament oft von den „Zöllnern und Sündern“ die Rede.

Solch ein Pharisäer und solch ein Zöllner kommen zu derselben Stunde in den Tempel in Jerusalem, um zu beten. Der Pharisäer, der selbstgerechte Fromme, betet. Sein Gebet ist Ausdruck des Selbstvertrauens. Es ist ein Dankgebet an Gott. Er dankt Gott dafür, dass er „nicht wie die anderen Menschen“ ist und vor allem nicht so „wie dieser Zöllner dort“, den er im Tempel stehen sieht. Aber eigentlich ist sein Gebet ein Lobpreis. Doch kein Lobpreis auf Gott, sondern ein Lobpreis auf sich selbst. Der Pharisäer rühmt sich vor Gott: „Ich faste zweimal in der Woche und gebe dem Tempel den zehnten Teil meines Einkommens“.

Und was macht der Zöllner, der weiß, dass sein Leben nicht in strenger Erfüllung der Ritualgesetze besteht? Der Zöllner, der weiß, dass er andere Menschen übervorteilt, sie übers Ohr haut und ihnen ungerecht Geld aus der Tasche zieht? Der Mann, dem bewusst ist, dass er korrupte Geschäfte treibt? Er ist in das Gotteshaus gegangen. Er empfindet Reue. Er lobt und rühmt sich nicht. Er senkt die Augen nieder und betet nur: „Gott, sei mir Sünder gnädig“.

Uns erinnert diese Szene an viele andere Stellen in den Evangelien: an die Gesunden, die des Arztes nicht bedürfen, sondern die Kranken (Matthäus 9, 12; Markus 2, 17; Lukas 5, 31) – der Pharisäer ist einer von den selbstgerechten Gesunden, der Zöllner einer von den Kranken, denen Jesus sich zuwendet –, an die neunundneunzig Schafe, die zurückgelassen werden, um das eine verlorene Schaf zu suchen (Matthäus 18, 12; Lukas 15, 4) – der Pharisäer ist einer von den Neunundneunzig, der Zöllner ist das verlorene und wiedergefundene Schaf, zu dem es bei Lukas heißt, dass „im Himmel mehr Freude herrschen wird über einen einzigen Sünder, der umkehrt, als über neunundneunzig Gerechte, die es nicht nötig haben umzukehren“ (Lukas 15, 7). Der Zöllner kehrt um. Und er wird seiner Sünden ledig vor Gott. Jesus sagt es selbst: „Dieser – der Zöllner – kehrte als Gerechter nach Hause zurück, jener – der prahlerische Pharisäer – nicht.“

Der Zöllner hat mit seiner Reue „den guten Kampf gekämpft“, wie der Verfasser des zweiten Briefes an Timotheus, den Begleiter des Paulus auf seinen Missionsreisen und Leiter der Gemeinde in Ephesos (1 Timotheus 1, 3); auch für ihn liegt „der Kranz der Gerechtigkeit“ bereit, den ihm „der Herr, der gerechte Richter“ geben wird.

Das Bild vom siegreichen Kampf lässt an einen Wettkampf und an einen Läufer denken, der im Stadion den Siegeskranz erhält – ein Bild, das sich auch andernorts in der Bibel findet (1 Korinther 9, 24; Hebräer 12, 1). Hingegen gilt für den Pharisäer – und für die Pharisäer unserer Zeit – das Wort aus dem Buch Sirach, jenem Buch, das das griechische Alte Testament, die Septuaginta, „Weisheit Jesu, des Sohnes Sirachs“ nennt und das die lateinische Bibel, die Vulgata, als „liber Ecclesiasticus“ kennt: „Bei Gott gibt es keine Begünstigung“ oder, wie Martin Luther übersetzt hat: „Vor ihm gilt kein Ansehen der Person“.