Würzburg

In Treue nachfolgen oder untreu werden

Wenn wir standhaft bleiben, werden wir mit Christus: Die Sonntagslesung vom 13. Oktober.

Glaube und Gott
Beim Glauben ist Gott im Spiel. Denn Glauben oder nicht mehr glauben können, das betrifft die Tatsache, dass der Herr in uns wohnt, wenn wir glauben. Foto: Marc Müller (dpa)

Als erstes fällt die Asymmetrie in 2 Timotheus 2, 13 auf: Denn immer wird der Herr unser Tun entsprechend mit dem zugehörigen oder analogen Tun beantworten. Das gilt vom Mitsterben bis zur Geduld, so steht es schon im Evangelium (zum Beispiel Markus 8, 38). Nur wenn wir den Glauben verlieren, zieht er nicht mit, sondern er bleibt in all unserem Versagen doch uns treu. Dass unser Brief über Glaubenszweifel und Unglauben anders spricht als über Verleugnen, war eine der Begründungen dafür, dass man den Glauben als göttliche – eingegossene – Tugend ansah und eben nicht als menschliche Tugend unter anderen.

2. Könige 5, 14-17;
2. Timotheus 2, 8-13;
Lukas 17,11-19
Die Lesungen de 28. Sonntags im Jahreskreis (Lesekreis C)

Beim Glauben ist Gott im Spiel. Denn Glauben oder nicht mehr glauben können, das betrifft die Tatsache, dass der Herr selbst in uns wohnt, wenn wir glauben. Denn er kann sich nicht selbst verleugnen, sind wir doch im Glauben ein Leib mit ihm. Ähnlich sagt es Epheser 5, 28f: Ein Mann, der seine Frau hasst, der würde sich selbst hassen, denn er liebt sie doch wie sich selbst, als sich selbst, da er ein Leib mit ihr ist. So würde hier Gott, wenn er den Glaubenden, mit dem er eins ist, sich selbst aufgeben, wenn er ihn verließe. Gottes Treue siegt hier über jedes möglichen Abfallen und jede Sünde. Diese geradezu persönliche, leibliche Identität Gottes mit uns wird in der Taufe begründet und in der Eucharistie sichtbar.

Es sind im Übrigen vorpaulinische Stücke, die Paulus in diesem Abschnitt aufnimmt und verarbeitet. Erkennen kann man das übrigens schon rein äußerlich daran, dass der Apostel in 2, 11 die Formel verwendet „Vertrauenswürdig ist das Wort …“, welche regelmäßig überliefertes Gut kennzeichnet. Aber auch in Vers 8 gebraucht Paulus einen alten Baustein: „Jesus Christus, aus Toten auferweckt, aus dem Geschlecht Davids, nach meinem Evangelium“. Man vergleiche damit Römer 1, 3f : „Evangelium Gottes … über seinen Sohn, als Mensch aus dem Geschlecht Davids, aufgrund der Auferstehung von den Toten Sohn Gottes im Heiligen Geist …“

"Wenn wir nämlich mit Christus gestorben
sind, werden wir auch mit ihm leben;
wenn wir standhaft bleiben, werden wir
auch mit ihm herrschen; wenn wir ihn
verleugnen, wird auch er uns verleugnen"
2 Timotheus 2,11-12

Die Stichworte „Evangelium“ und die zweiteilige Aussage über Jesus „aus dem Geschlecht Davids“ und seine „Auferstehung beziehungsweise Auferweckung aus Toten“ sind gemeinsam und weisen darauf, dass es sich hier um eine Art Bekenntnis handelt. Auch dessen Ziel und Absicht kann man noch erkennen: Das Geschlecht Davids ist für Juden(christen) interessant, der Ausdruck „Evangelium“ wird von Juden und Heiden verstanden, bezeichnete er doch unter Augustus „Kaisers Geburtstag“, und der Ausdruck „Sohn Gottes“ (nur im Römerbrief 1, 3) ist für Juden und Heiden als einziger Titel Jesu gleicherweise verständlich. Die Beschränkung auf die Auferweckung aus Toten in 2 Timotheus 2, 8 weist eher auf jüdische Adressaten, denn wir wissen aus der Apostelgeschichte 17, dass Heiden auf diese Botschaft nicht mit Freude reagierten, sondern sie eher für schwierig hielten. Wenn man also so beginnt wie 2 Timotheus 2, 8: „aus Toten auferweckt“, dann stellt man die zentrale, revolutionäre Botschaft voran, ohne die Paulus nach eigenem Bekunden nicht Christ wäre (1 Korinther 15).

Für Paulus selbst sind diese die Auferstehung Jesu und seine Herkunft von David, die entscheidenden Argumente für seine Messianität. Eben in diese Richtung weist auch die Bethlehem-Überlieferung der Kindheitsgeschichten. Wäre sie Fälschung, wie die meisten Exegeten annehmen, bräche auch für Paulus eines der beiden Standbeine seines Glaubens weg. In Wahrheit ist gerade die Tatsache, dass Maria und Joseph in Bethlehem ein Grundstück besaßen, sowohl für die berühmte „Zählung“ wie auch für die Annahme der Herkunft Jesu von David eine wichtige empirische Stütze, die auch der Familienüberlieferung entsprochen haben dürfte und den Anspruch auf das Grundstück in Bethlehem begründete. Damit begegnen wir hier einem Herzstück paulinischen Glaubens. Wir vergessen dabei nicht, dass gerade die Pharisäer waren, die intensiv begonnen hatten, an die Auferstehung Toter zu glauben. Für den Pharisäer Paulus ist diese in Jesus unzweifelhaft Wirklichkeit geworden.

Dieser Satz geht noch ganz unspiritualisiert von wirklichem Sterben mit Christus und wirklichem geduldigem Leiden aus, das Vorbedingung für die Mitregentschaft im Himmel ist. Denn „mit Christus sterben“ meint hier genau das, was Petrus und die Jünger nach Markus 14 voreilig versprechen und dann nicht halten können. Paulus selbst wie auch Petrus werden am Ende diesen Weg gehen. Aber alle anderen Christen – die normalen Nicht-Märtyrer – doch im Wesentlichen nicht. Für sie gilt das Mitsterben in der Taufe (Römerbrief 6). Die sakramentale Deutung ist zweifellos etwas weniger schmerzvoll als die martyrologische Deutung im Vollsinn des Wortes. Auch das „Ertragen“ („Aushalten“) von Vers 12 ist wörtlich zu nehmen, eine „vergeistigte“ Deutung gibt es hier nicht. Die Alternative ist „verleugnen“, und gerade diese Wortfolge von „mitsterben“ und „verleugnen“ ist den Lesern gewiss aus den Passionsgeschichten von Petrus her geläufig.

Nicht Martyrium, sondern lebenslang Dienen!

Außer Römer 6 versucht auch schon Markus 10, 35–45 die Leser davon abzubringen, Martyrium sei der angemessene Weg der Christusnachfolge. In Markus 10, 45 wird Jesus sagen: Nicht Martyrium, sondern lebenslang Dienen! – Wir erkennen daher in 2 Timotheus 2, 11f eine Märtyrertheologie wieder, die den Gemeinden gar nicht zumutbar war. Zu Beginn des zweiten Jahrhunderts wird dann Ignatius von Antiochien ein letzter einsamer Zeuge dieser alten Theologie sein, nach der das freiwillig gesuchte Martyrium „der“ christliche Weg ist. Auch für sich selbst denkt Paulus zweifellos in diesen alten Kategorien. Auch bei ihm ist eine Umdeutung oder Abmilderung nicht erkennbar.

2 Timotheus 2, 13 hebt nun die Entsprechungen von Sterben und Mitregieren auf. Dabei wird genau zwischen Verleugnen und Unglauben unterschieden. Beides kennt man aus den Jünger-Themen der synoptischen Evangelien: Jesus tadelt den mangelnden Glauben oder Kleinglauben der Jünger. Gerade an Matthäus 14, 32 kann man sehen: Verzagtheit und Anfechtung in diesem Sinn ist nichts, das endgültig von Jesus trennt, sondern was immer wieder auf Jesus als den einzigen Halt verweist und was erbetet werden kann.