Würzburg

Geistliche Prioritäten setzen: Religiöse Zuwendung ist vorrangig

Die Kirche leistet große soziale Hilfe. Ihr Marta-Dienst ist eine echte Stärke. Doch sie läuft Gefahr, darüber das zu vergessen, was ihr Maria vorgelebt hat.

Papst Franziskus grüßt einen Pilger auf dem Petersplatz
Papst Franziskus ruft die Kirche dazu auf, die geistliche Zuwendung zu den Armen nicht zu vergessen. Foto: KNA

Vordergründig geht es in der ersten Lesung (Genesis 18, 1–10a) und im Evangelium (Lukas 10, 38–42) um die Gastfreundschaft. Im Buch Genesis hören wir, wie Abraham Besuch erhält. Es ist der Herr, der ihn besucht. Drei geheimnisvolle Männer stehen vor ihm. Wir dürfen in ihnen prophetisch die Heilige Dreifaltigkeit angedeutet sehen. Abraham nimmt den Herrn auf. Er bewirtet ihn und wird reich beschenkt.

Genesis 18,1-10a
Kolosser 1,24-28
Lukas 10,38-42
Die Lesungen des 16. Sonntags im Jahreskreis

Im Evangelium kommt Jesus Christus in das Dorf von Marta und Maria. Auch sie nehmen ihren Gast herzlich auf und bewirten ihn. Es ist vor allem Marta, die sich hervortut. Sie versucht, dem Herrn den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen. Der Herr anerkennt das, aber er lobt mehr Maria, die auf seine Worte hört, die seine Gabe empfängt.

Biblisches Abbild der Liturgie

Wir können in diesen beiden Begebenheiten ein Bild für den Gottesdienst sehen. Abraham und Marta geben Gott, was sie geben können. Abraham wäscht den Gästen die Füße, er gibt ihnen Speise. Aber am Ende ist es der Herr, der Abraham das eine Notwendige gibt, auf das er seit langem gewartet hat: den Sohn, der ihm Zukunft gibt, der die Verheißung erfüllt (Genesis 18, 10a). Bei Maria und Marta ist es ähnlich. Marta sorgt sich um das leibliche Wohlbefinden des Herrn. Sie tut das Ihre. Aber am Schluss geht es um viel mehr: um das, was der Herr tut. Er schenkt Maria sein Wort, seine Gegenwart, sich selbst.

In der Liturgie, beim Gottesdienst, ist das auch so. Wir bereiten ihn vor. Wir bauen Kirchen und schmücken sie. Wir singen Lieder und feiern nach den liturgischen Regeln. Wir bringen Brot und Wein zum Altar. Wir tun also das Unsrige. Und das ist gut so. Es ist – wenn man es einmal so sagen darf – die Gastfreundschaft, die wir dem Herrn anbieten können, wie es Abraham und Marta getan haben. Aber wir dürfen nicht denken, dass das dann schon das Wesentliche ist. Es ist Gott selbst, der sich uns schenkt, in seinem Wort, im Sakrament, unter den Gestalten von Brot und Wein. Es ist das, was wir nicht selber zu machen vermögen, was uns Rettung und Heil schenkt, so wie es auch bei Abraham und bei Maria geschehen ist.

Es geht um tätige Nächstenliebe

Wir können das Bild der Gastfreundschaft noch weiter fassen. Es betrifft nicht nur die kirchliche Liturgie, sondern es sagt etwas Grundsätzliches aus über die Kirche überhaupt. Um das besser zu verstehen, müssen wir noch das Evangelium hinzunehmen, das wir letzten Sonntag gehört haben, das Evangelium vom barmherzigen Samariter (Lukas 10, 25–37). Dort geht es auch und vor allem um tätige Nächstenliebe. Wir sollen sie üben. Das sagt uns Jesus eindringlich: „Amen, ich sage euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan (Matthäus 25, 40).

Wir dienen Jesus in jedem Menschen, weil er Mensch geworden ist und weil dadurch jeder Mensch ein Bruder, eine Schwester Christi, ist. Deshalb dienen wir immer Christus, wenn wir einem Kranken, einem Leidenden beistehen. Aber kirchliches Handeln, das Handeln eines jeden Christen und einer jeden Christin – das zeigt das heutige Evangelium – ist eben noch mehr. Es ist mehr als der eigene Einsatz, so barmherzig und hilfreich er auch sein möge. Nicht nur in der Liturgie kommt zum Ausdruck, dass es der Herr ist, der das Entscheidende schenkt, auch im gesamten kirchlichen Handeln ist es so.

"Marta, Marta, du machst dir viele Sorgen und Mühen.
Aber nur eines ist notwendig.
Maria hat den guten Teil gewählt,
der wird ihr nicht genommen werden."
Lk 10,41b f.

Was den Marta-Dienst betrifft, ist die Kirche in den deutschsprachigen Ländern bekanntlich gut aufgestellt. Sie hat ein enges Netz von sozialen Diensten eingerichtet. Und was ihre Organisation betrifft, ist die Kirche daran, diese Strukturen immer mehr zu perfektionieren, durch Synoden, Kommissionen, Akademien, Papiere, Stellungnahmen, Diskussionsforen und Pastoralprogramme. Sicher hat dieser Marta-Dienst, der darin zum Ausdruck kommt, auch seinen Platz. Aber manchmal hat man den Eindruck, dass die Kirche dadurch vergisst, was für sie und alle Gläubigen das allein Notwendige ist: für den Herrn da zu sein, zu seinen Füßen zu sitzen, auf ihn zu hören, für ihn und für die Regungen des Heiligen Geistes verfügbar zu sein.

Der Mangel an geistlicher Zuwendung ist die schlimmste Diskriminierung

Denn wenn wir zu sehr auf unser Planen und Bauen vertrauen, dann ziehen wir uns den Tadel des Herrn zu, der an Marta ergeht: Dass sie das eine Notwendige vergessen hat ob all der Betriebsamkeit, der Geschäftigkeit für den Herrn. Und dann kann sogar das Caritative, das Soziale, das so viel Gutes wirkt, zur Ablenkung werden, zur Geschäftigkeit, die am Eigentlichen vorbeigeht.

In diesem Zusammenhang ist es wichtig, an das zu erinnern, was Papst Franziskus in seinem programmatischen Schreiben „Evangelii Gaudium“ aus dem Jahr 2013 bemerkt hat: „Da dieses Schreiben an die Mitglieder der katholischen Kirche gerichtet ist, möchte ich die schmerzliche Feststellung machen, dass die schlimmste Diskriminierung, unter der die Armen leiden, der Mangel an geistlicher Zuwendung ist. Die riesige Mehrheit der Armen ist besonders offen für den Glauben; sie brauchen Gott, und wir dürfen es nicht unterlassen, ihnen seine Freundschaft, seinen Segen, sein Wort, die Feier der Sakramente anzubieten und ihnen einen Weg des Wachstums und der Reifung im Glauben aufzuzeigen. Die bevorzugte Option für die Armen muss sich hauptsächlich in einer außerordentlichen und vorrangigen religiösen Zuwendung zeigen“ (200). Damit sagt der Papst: Wir helfen den Armen und Bedürftigen nicht wirklich, wenn wir sie primär als sozialen Faktor sehen. Sie sind Gläubige wie wir und erwarten von uns zuerst und vor allem das Zeugnis des Christen, das Sitzen zu Füßen des Herrn. Wir sollen ihnen durch unser Tun verkünden: „Christus ist unter euch, die Hoffnung auf Herrlichkeit“, wie es in der zweiten Lesung heißt (Kolosser 1, 27).

Denken wir deshalb über unsere Prioritäten nach. Fragen wir uns, ob sich – wie es Papst Franziskus sagt – in unserer Zuwendung zu den anderen in unserem Alltag in Familie, Beruf und Freizeit immer jene „vorrangige religiöse Zuwendung“ zeigt, auf die es ankommt. Denn letztlich ist eben nur eines notwendig, wie der Herr zu Marta sagt (Lukas 10, 42). Denn es ist Gott, der uns das Heil schenkt. Aus eigener Kraft vermögen wir es nicht zu erreichen.