Die Sonntagslesung: Wunder als Signal für den Neuen Bund

Zu den Lesungen des zweiten Sonntags im Jahreskreis

(Lesejahr C) von Manfred Hauke

Jes 62, 1–5; 1 Kor 12, 4–11 Joh 2, 1–11

Am Sonntag haben wir ein erstes großes Ereignis aus dem öffentlichen Leben Jesu gefeiert: seine Taufe am Jordan. Heute stoßen wir auf ein weiteres wichtiges Geschehen, das ebenfalls Eingang gefunden hat in die sogenannten „lichtreichen Geheimnisse“ des Rosenkranzes, in denen Papst Johannes Paul II. die Brennpunkte des öffentlichen Wirkens Jesu zusammenfasst: das erste Wunder Jesu bei der Hochzeit zu Kana, wobei Christus Wasser in Wein verwandelte. Auf diese Weise offenbart sich die Herrlichkeit des göttlichen Sohnes. Es zeigt sich auf besondere Weise das Geheimnis Christi.

Besonders tiefgründig ist die Vorstellung des Heilsereignisses durch das Johannesevangelium. Dies beginnt bereits mit dem einleitenden Hinweis: „Am dritten Tag fand in Kana in Galiläa eine Hochzeit statt“. Mit diesen Worten beginnt jedenfalls das heutige Evangelium im Originaltext. Der Hinweis auf den „dritten Tag“ ist im Lektionar ersetzt worden durch die allgemeine Formel, die ein jedes Evangelium einleiten kann: „In jener Zeit“. Andernfalls würde das Erzählte für die Hörer sozusagen mit der Tür ins Haus fallen: Man wüsste nicht, worauf sich denn der Hinweis auf den „dritten Tag“ bezieht. Er sei trotzdem erwähnt, weil er zum vollen Verständnis des heutigen Evangeliums überaus hilfreich ist.

Im unmittelbaren Textzusammenhang nimmt die Zeitangabe „am dritten Tag“ Bezug auf die Begegnung zwischen Jesus mit Philippus und Natanael. Nach dem feierlichen Prolog beginnt das Johannesevangelium mit der Vorstellung einer vollständigen Woche. Die Woche wird eröffnet durch die Offenbarung Jesu bei seiner Taufe am Jordan und gelangt zum Abschluss mit der Enthüllung seiner Herrlichkeit. „Herrlichkeit“ meint vom hebräischen und griechischen Ursprung her gleichsam einen machtvollen Lichtglanz: Die Macht, die Herrlichkeit und die Güte des Herrn werden in den Blick gerückt. Der Hinweis auf die „Herrlichkeit“ kommt auch in der Weihnachtsbotschaft vor: Der Engel des Herrn erscheint den Hirten, „und die Herrlichkeit des Herrn umstrahlte sie“ (Lk 2, 9). Sofort danach zeigt sich eine Schar von Engeln mit dem Gesang des „Gloria in excelsis“: „Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden den Menschen des (göttlichen) Wohlgefallens“ (Lk 2, 14).

Im Alten Testament enthüllt sich die Herrlichkeit Gottes mit besonderer Deutlichkeit während des Auszuges des Volkes Israel aus Ägypten, also bei der Befreiung des Gottesvolkes aus der Sklaverei und bei seinem Weg zum Land der Verheißung. Vor allem die Erscheinung Gottes am Berge Sinai ist mit einer machtvollen Offenbarung der Herrlichkeit verbunden. Als das Buch Exodus vom Bundesschluss zwischen Gott und seinem Volk berichtet, lesen wir etwa: „Die Erscheinung der Herrlichkeit des Herrn auf dem Gipfel des Berges zeigte sich vor den Augen der Israeliten wie verzehrendes Feuer“ (Ex 24, 17). Als Gott sich am Berg Sinai offenbarte, da gab es Blitz und Donner; schwere Wolken lagen über dem Berg, und es erklang ein gewaltiger Hörnerschall. Vom Berg stieg Rauch auf wie von einem Schmelzofen, und die Erde bebte (vgl. Ex 19, 16f).

Diese Offenbarung der göttlichen Herrlichkeit am Berge Sinai geschah, wie der biblische Bericht hervorhebt, „am dritten Tag“ (Ex 19, 16). Im Laufe der Erzählung wird der Hinweis auf den „dritten Tag“ noch mehrmals wiederholt (Ex 19, 11.15–16). Wer die biblische Geschichte kannte (und die Juden zur Zeit Jesu waren damit bestens vertraut), der konnte die Erwähnung des „dritten Tages“ und die „Offenbarung der Herrlichkeit“ mit den Ereignissen am Sinai verbinden. Diese Ähnlichkeit zwischen der Hochzeit zu Kana und dem Bundesschluss am Sinai ist dabei nicht zufällig. Im vierten Evangelium finden wir häufig Anspielungen solcher Art: Die geschichtlichen Ereignisse der Offenbarung Jesu Christi tragen in sich eine zeichenhafte Tiefe; dabei verbindet sich das Leben Jesu mit seiner Vorbereitung im Alten Testament und mit seiner Bedeutung für unser persönliches Leben.

Während sich die Herrlichkeit Gottes am Sinai mit Feuer, Blitz, Donner und Erdbeben kundtut, offenbart sich die Herrlichkeit Christi bei der Hochzeit zu Kana durch die Verwandlung von Wasser in Wein. Der Evangelist Johannes betont dabei: „So tat Jesus sein erstes Zeichen“. Für die Wunder Jesu benutzt das Johannesevangelium das Wort „Zeichen“: Hervorgehoben wird hier, dass das geschichtliche Ereignis gleichzeitig eine symbolhafte Tiefe in sich trägt und das Geheimnis Jesu sichtbar offenbart.

Aber worin besteht genau dieses Zeichen? Das in Wein verwandelte Wasser diente für die Waschungen, die vom Gesetz des Mose und der Überlieferung der Alten vorgesehen war. Der Wein weist also auf das neue Gesetz Jesu, die überreichen Früchte des Neuen Bundes. Staunenswert ist dabei die Fülle des Weines: Die sechs steinernen Wasserkrüge fassen gemeinsam ungefähr 600 Liter. Der Mangel an Wein erscheint im Alten Testament als Zeichen göttlicher Heimsuchung (so in Jesaja 24, 8–11), während die Überfülle bester Weine die überreichen Güter der messianischen Zeit illustriert (Jesaja 25, 6–9). Die wunderbare Verwandlung von Wasser in Wein erscheint in dieser Perspektive als prophetische Ankündigung des Neuen Bundes.

Der Bund zwischen Gott und seinem Volk am Berg Sinai hängt ab von der Antwort Israels. Mose bringt ein Opfer dar und sprengt das Blut der geopferten Tiere auf den Altar und auf das Volk. Das Volk lauscht dem Wort Gottes im Bundesbuch und antwortet: „Alles, was der Herr gesagt hat, wollen wir tun; wir wollen gehorchen“ (Ex 24, 7). Schon als der Bund angekündigt wurde, hatte das Volk geantwortet: „Alles, was der Herr gesagt hat, wollen wir tun“ (Ex 19, 8).

Fast der gleiche Wortlaut findet sich im heutigen Evangelium im Munde Marias: „Was er euch sagt, das tut!“ (Joh 2, 5). Dies sind die letzten Worte, die uns die Evangelien von der Gottesmutter überliefern. Worte, die einem feierlichen Testament gleichen von gewaltiger Bedeutung. Angesichts der ersten Offenbarung der Herrlichkeit Jesu in seinen Wunderzeichen nimmt Maria die Stelle ein, die das Volk Israel beim Abschluss des Bundes am Berge Sinai eingenommen hat. Während der Sinaibund gescheitert ist, aufgrund der späteren bösen Antwort des Volkes, eröffnet die gläubige Antwort Marias zu Kana den Weg zum Neuen Bund durch das Heilswerk Jesu. Maria kann also als „Frau des Bundes“ benannt werden.

Jesus wendet sich an Maria mit der Anrede „Frau“. Die gleiche Wendung benutzt er, als er sie vom Kreuz herab anspricht. Kein Sohn würde seine Mutter einfachhin mit dem Titel „Frau“ ansprechen. Christus benutzt dieses Wort, weil Maria die Frau schlechthin ist, die das ganze Volk in seiner Antwort vor Gott vertritt. Die Propheten, vor allem Ezechiel, sehen den Sinaibund als innige Verbindung zwischen Gott und seinem Volk, ein Bund, der mit einer Ehe verglichen wird. Gott erscheint als Bräutigam und Israel als Braut. Eine Zwangsehe wäre keine gültige Ehe. Maria, die neue Frau, gibt dem göttlichen Bräutigam die angemessene Antwort. In der Gottesmutter zeigt sich das neue Israel in seiner bräutlichen Prägung, das sich dem Messias auf einzigartige Weise öffnet, mit einer makellosen Bereitschaft in Glauben, Hoffnung und Liebe.

Die Anrede „Frau“ weist darüber hinaus auf die Verheißung des künftigen Messias im sogenannten „Protoevangelium“ („erste Frohe Botschaft“): „Feindschaft setze ich zwischen dich und die Frau, zwischen deinen Nachwuchs und ihren Nachwuchs. Er trifft dich am Kopf, und du triffst ihn an der Ferse“ (Genesis 3, 15). Die „Frau“ der Genesis ist vor allem die Mutter des künftigen Messias, der die Mächte des Bösen besiegt und die der „Schlange“ als Feindin gegenübersteht. Der Bezug auf das Protoevangelium ist auf jeden Fall klar im Blick auf die Offenbarung des Johannes: Die „Frau“, mit der Sonne bekleidet, wird gemeinsam mit ihrem Sohn dem roten Drachen entgegengesetzt, der identifiziert wird als die „alte Schlange, die Teufel oder Satan heißt“ (Offenbarung 12). Mit dem Titel „Frau“ erscheint Maria so als neue Eva und als siegreiche Vertreterin des Gottesvolkes, als „Siegerin in allen Schlachten Gottes“, wie Papst Pius XII. sie nannte, als er am 31. Oktober 1942 die Welt inmitten der Stürme des Zweiten Weltkriegs dem Unbefleckten Herzen Mariens weihte.

Maria stellt so auf eine ganz neue Weise die Würde der Frau ins Licht und weist gleichzeitig den rechten Weg für einen jeden von uns. Wenn wir die Antwort Marias gegenüber Christus nachahmen („Was er euch sagt, das tut!“), dann erfahren auch wir in unserem irdischen Leben die Herrlichkeit Christi, die im künftigen Leben zur Fülle gelangt. Maria hat ihre Antwort, ihr Jawort, bis unter das Kreuz hin durchgehalten. Dadurch konnte sie auch an der Osterfreude des auferstandenen Christus teilhaben. Das „Ja“ Mariens kommt unserem „Ja“ zu Hilfe und führt uns zur Fülle der göttlichen Gaben, die vergleichbar sind mit der überreichen Fülle des guten Weines bei der Hochzeit zu Kana. Darum wollen auch wir die Antwort der Gottesmutter aufnehmen: „Was er euch sagt, das tut!“