Die Sonntagslesung: Was heißt Binde- und Lösegewalt?

Zu den Lesungen des 23. Sonntags im Jahreskreis (Lesejahr A). von Klaus Berger

Ez 33, 7–9; Röm 13, 8–10; Mt 18, 15–20

Das Wort vom Binden und Lösen, also die Zusicherung, dass Worte des Bindens oder des Lösens aus seinem Munde unverrückbar, in Himmel und Erde, gültig seien, hatte Petrus von Jesus auch nach Matthäus 16, 19 erhalten. Ähnliches sagt der auferstandene Jesus auch zu den Jüngern in Johannes 20, 23 (welchen ihr die Sünden vergebt, denen sollen sie vergeben sein. Welchen ihr sie nicht vergebt, denen sollen sie nicht vergeben sein). Vergleicht man mit Matthäus 18, so heißt „binden“ dort „nicht in die Gemeinde hineinlassen“ und „lösen“: die Türe zur Gemeinde öffnen. Das ist wie „Still gestanden!“ oder „Rührt euch!“. Denn der, dem man zuruft „Rühr dich!“, der darf sich bewegen und kommen. Der, dem man zuruft „Still gestanden“, der ist wie gebannt an seinem Ort und darf sich nicht bewegen. Aber wie können schlichte Menschenworte dieser Art solche Bedeutung in Himmel und Erde, also nicht nur hier und jetzt, sondern auch vor Gott und in Ewigkeit erlangen? Schon oft, besonders in der Reformation, hat man bezweifelt, ob Menschenworte angesichts der Leichtigkeit des Irrens bei Menschen hier nicht doch zu hoch eingeschätzt werden. Und: Nachprüfen könne das ja auch niemand. Und wie die Geschichte gezeigt hat, haben viele in der bereitwilligen Zusage Jesu die Möglichkeiten zum Missbrauch gewittert und genutzt. War es dann nicht, um es vorsichtig zu sagen, sehr kühn von Jesus, den Jüngern dieses zu verheißen? Konnte er die Möglichkeit zum Missbrauch sich nicht vorstellen? Und wird der Himmel sich wirklich an die Bann- und Lösungsworte von Päpsten und Konzilien halten?

Und was die Wirkmacht dieser Worte betrifft: Wo liegt letzten Endes der Unterschied zu Zauberworten? Interessant ist, dass Jesus hier die Bedingung angibt: „Wenn zwei von euch übereinstimmen auf der Erde über jede Sache, nach der immer sie verlangen wollen, wird ihnen geschehen von meinem Vater, der im Himmel ist. Denn wo zwei oder drei versammelt sind auf meinen Namen hin, dort bin ich in ihrer Mitte.“ Die Bedingung der bedingungslosen Erfüllung/Vollstreckung der Jüngerworte ist offenbar deren Einssein, deren Einigkeit.

Wo die Jünger übereinstimmen und versammelt sind, wirkt ihr Wort was es bezeichnet

Das erinnert an den Parallelfall der Konsekrationsworte bei der heiligen Messe: Die Gültigkeit der Konsekrationsworte über Brot und Wein ist gebunden an die Kirchengemeinschaft mit Papst und Bischöfen (Horizontale) und an die ununterbrochene Sukzession (Vertikale); ist Kircheneinheit in dieser doppelten Hinsicht gegeben, dann wirken die Worte, was sie bezeichnen. Das ist genauso wie in Matthäus 18: Wo die Jünger übereinstimmen und versammelt sind, wirken ihre Worte das, was sie bezeichnen. Das gilt vornehmlich vom Binden und Lösen, aber auch „von jeder Sache, die sie verlangen“. Meine These war und ist daher, dass die Realpräsenz in den konsekrierten Elementen darauf beruht, dass unter der Bedingung der intensiven und extensiven Kircheneinheit das Wort der Jünger wie Schöpfungsworte wirkt. In Matthäus 18, 18–20 wird das exemplarisch angewandt.

Unter den geschilderten Bedingungen gewinnt auch Matthäus 18, 21–22 neue Leuchtkraft: Denn in der Vergebungsbereitschaft zeigt sich das Gegenteil von Rache. Und genau die intensive Form von Liebe, die die Voraussetzung für die absolute Gebetserhörung ist. Im übrigen gibt Matthäus 18 eine interessante Auslegung des Gebotes der Nächstenliebe. In Levitikus 19, 18 ist damit nicht einfach humanitäre Liebe gemeint, sondern ein bestimmter Umgang mit den Fehlern des Nächsten: wie dich selbst. Das Frühjudentum nimmt diese Bedeutung der Ausgangsstelle auf: „Man soll zurechtweisen ein jeder seinen Nächsten in Wahrheit und Demut und huldvoller Liebe untereinander. Keiner soll zum anderen sprechen in Zorn oder Murren oder Halsstarrigkeit oder im Eifer gottlosen Geistes. Und er soll ihn nicht hassen in seinem unbeschnittenen Herzen; sondern am selben Tag soll er ihn zurechtweisen, aber nicht soll er seinetwegen Schuld auf sich laden. Ferner soll niemand gegen seinen Nächsten eine Sache vor die Vielen bringen, wenn es nicht vorher zu einer Zurechtweisung vor Zeugen gekommen ist.“ Vgl. CD 13,9f (über den „Aufseher“): „Und er soll Erbarmen mit ihnen haben wie ein Vater mit seinen Söhnen und alle ihre Verstreuten zurückbringen wie ein Hirt seine Herde. Und er soll all ihre fesselnden Bande lösen, damit kein Bedrückter und Zerschlagener in seiner Gemeinde sei.“ Vergleiche dann dieselbe Tradition in der Didache (Zwölf-Apostel-Lehre): „Stellt euch aber einander zur Rede nicht im Zorn, sondern in Frieden, wie ihr es im Evangelium habt. Und jeder, der sich gegen den anderen vergeht, mit dem soll niemand reden, und er soll von euch nichts hören, bis er umkehrt.“

Bei den Fällen von Missbrauch des Bindens und Lösens, die wir aus der Kirchengeschichte kennen, war daher genau die Bedingung der Liebe und Vergebung oft erkennbar nicht gegeben, die nach dem oben Ausgeführten Voraussetzung für die Kraft der Vollmacht ist. Dennoch ist ein „existenzialistisches“ Verständnis abzuwehren, so als sei der Erfolg der Vergebungszusage von Fall zu Fall abhängig von der Tagestemperatur der Liebe in der Gemeinde. Mit Recht hat man das jüngst gegen das lutherische Verständnis von Abendmahl eingewandt, bei dem nach vielen die Konsekration abhängig ist vom Glauben. Aber wenn nun der Glaube nicht so will, war keine Konsekration? So geht es auch bei der Vergebung nicht, dass sie abhängig wäre vom Grad der Liebe. Matthäus 18, 19–20 und auch das Gleichnis vom unbarmherzigen Sklaven versuchen bereits, hier gewisse Maßstäbe einzuführen.

Kein Zweifel, bei Binden und Lösen geht es

um den Eingang ins

Himmelreich

Überall dort, wo der Mangel an Vergebungsbereitschaft „schreiend“ und auch für Außenstehende erkennbar (gewesen) ist, sind daher Zweifel an der Wirksamkeit des Bindens und Lösens angebracht. Die erstaunliche Wirkung der Vollmacht bezieht sich daher nicht auf die Steigerung menschlicher Potenzen, sondern allein auf die göttliche Wirkmacht des Wunders von Liebe und Einssein. Und es besteht kein Zweifel, dass der vornehmliche Ort dieser Macht die Kirche ist.

Wenn Binden und Lösen auch „im Himmel“ gelten, dann kann kein Zweifel bestehen, dass es bei Binden und Lösen um den Eingang ins Himmelreich geht. Durch dieses Motiv besteht in Matthäus 16, 18 die Brücke zu den Schlüsseln, die der Herr Petrus anvertraut hat. Bestätigt wird diese Deutung durch Apokalypse 3, 7: „Diese Worte sind von dem Heiligen, der den Schlüssel Davids zu Himmel und Hölle, zu Leben und Tod in Händen hält. Wenn er damit aufschließt, so ist es endgültig; wenn er zuschließt, ist es für immer.“ Beschrieben wird hier die Vollmacht Jesu, die er in Matthäus 16 an Petrus, in Matthäus 18 an die Jünger gibt.

Dass sowohl Petrus wie die Jünger Träger dieser Vollmacht sind, das entspricht der Verfassungsstruktur der ältesten Kirche, wonach der Einzelne (Bischof, Apostel) und das Gremium (der Ältesten) stets parallel einander zugeordnet sind. Nach allem, was wir von Paulus und aus der Apostelgeschichte wissen, folgte auf die apostolische Struktur jeweils die presbyterale Ordnung. Das würde bedeuten: In Matthäus 16 ist die apostolische Struktur in Petrus verankert – mit allen Besonderheiten, die exklusiv für Petrus gelten. Aber Matthäus 18 berichtet dann von der Übertragung der gleichen Vollmacht auf das Gremium der Jünger, das müsste heißen: auf ein Presbyterium, das in der nachapostolischen Zeit die Gemeinde leitet. Dieser Schluss scheint mir unabweisbar, sodass das Matthäusevangelium sehr genau den Übergang von der Zeit der Apostel in die nachapostolische Zeit schildert, und zwar dargestellt in der literarischen Form der Wiederholung mit Analogie. Nach dem Bericht von Matthäus 18 entspricht dieses zudem genau dem Willen Jesu.