Die Sonntagslesung: Vergebung ist eine kleine Revolution

Zu den Lesungen am 24. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A). von Klaus Berger

Sirach 27, 30–28,7; Römer 14, 7–9; Matthäus 18, 21–35

So jedenfalls hat sich – nach dem Zeugnis des Matthäus-Evangeliums – Jesus den Weg der Vergebung gedacht: Am Anfang beim Christwerden können dem Christen seine Sünden vergeben werden. Das wird Wirklichkeit durch das Trinken aus dem Kelch des Abendmahls. Denn nach Matthäus 26, 28 wird dieser den Jüngern gereicht, weil durch Jesu Blut die Sünden vergeben wurden. Wenn einer, der Christ geworden ist, aus dem Kelch trinkt, hat er Anteil an der Vergebung der Sünden durch Jesu Blut. Das ist eine gewaltige Sache. Bei Matthäus ist die Vergebung der Sünden nicht direkt mit der Spendung der Taufe verbunden. In Matthäus 28, 19 ist davon nicht die Rede, sondern erst bei der gleichfalls zur christlichen Eingliederung gehörigen ersten Kommunion aus dem Becher. Taufe und erste Kelchkommunion gehören hier zusammen. Zur Erinnerung daran ist noch heute die Erstkommunion vielerorten am Weißen Sonntag, das heißt am Anfang der zweiten Woche des Getauftseins: Getauft wurden die Christen in der Osternacht, am ersten Sonntag nach Ostern (am Oktavtag von Ostern) folgte direkt die erste heilige Kommunion. So ist es auch nach dem Matthäus-Evangelium bereits. Die Menschen werden getauft, und durch die erste Kommunion werden die Sünden vergeben. Damit erst ist der Anfang vollständig. Der nächste Schritt besteht nun darin, dass bei jeder Gelegenheit, die sich bietet, ein Christ dem anderen verzeiht, gerade so, wie Gott ihm vergeben hat. Wenn er das aber nicht tut, wenn der warme Regen der Vergebung nur bei dem einzelnen Christen endet und er ihn nicht weiterleitet, dann war alles umsonst. Diesen Fall hatte Jesus direkt vorher besprochen: Wenn der nötige Kreislauf der Vergebung ins Stocken gerät, dann bleibt nichts anderes als die Entfernung. Denn es ist ein Kreislauf: Mir wurde vergeben, und deshalb soll ich auch dem Bruder/der Schwester vergeben, und dieser oder diese soll die Vergebung weitergeben und so zur Verbreitung dieses Lebensstils der Befreiung beitragen, dann kann mir auch Gott wieder vergeben, wenn es nötig ist. Doch immer wieder hat man Jesus vorgeworfen, er sei ein unrealistischer Träumer. In Wahrheit sei Vergeben das Schwerste und wirklich menschenunmöglich. Man sehe sich nur die zahllosen Fälle von Ehescheidung an. Sie beruhen stets darauf, dass einer dem anderen nicht vergeben kann oder die Vergebung an bestimmte Bedingungen knüpft, von denen sich oft absehen lässt, dass sie unrealistisch sind.

Gott setzt mit dem Kreuz einen neuen Anfang

Doch Jesus versucht, seine Jünger und Jüngerinnen zu motivieren, indem er sagt: Schon gleich zu Beginn hat Gott eure Sünden vergeben. Deshalb könnt ihr überhaupt meine Jünger sein. Das ist keineswegs unrealistisch, sondern eine sehr reale Tat Gottes an euch. Ihr müsst nicht erst darauf hoffen, sondern Gott hat als erster bereits gehandelt. Und damit wir Gott seine Vergebungsbereitschaft und die Botschaft von der geschehenen Vergebung leichter abnehmen, weist Jesus auf sein am Kreuz vergossenes Blut. Seht, dadurch sind beziehungsweise werden eure Sünden vergeben, sagt er beim Trinken aus dem Becher beim letzten Mahl. Denn das vergossene Blut wäscht unsere Schuld ab.

Die Logik des Gleichnisses vom unbarmherzigen Sklaven hat Jesus auch im Vaterunser formuliert, und zwar gleich doppelt. Im Gebet selbst sagt er: „Und vergib uns unsere Schuld, weil auch wir denen bereits vergeben haben, die uns etwas schuldig geblieben sind.“ Der Hinweis „weil auch wir bereits denen vergeben haben“ ist eine Selbstempfehlung. In der oben rekonstruierten Geschichte einer christlichen Vergebung ist diese Vaterunserbitte dann fällig, wenn die Christen gesündigt haben. Wenn sie dem Bruder vergeben haben, können sie darauf vertrauen, dass ihnen (nicht nur einmal, wie zu Anfang, sondern) weiterhin und wiederholt vergeben wird. Weil dieses so wichtig ist, sagt Jesus es dann noch einmal in einer Art Kommentar zum Vaterunser in Matthäus 6, 14f: „Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, dann wird euch auch euer Vater im Himmel vergeben. Wenn ihr das nicht könnt, kann auch Gott euch nicht vergeben“. Die Ähnlichkeit mit Gott ist hier das entscheidende Kriterium. Wer handelt, wie Gott gehandelt hat, der darf auf Fortsetzung der Vergebung hoffen. Bei den Mahnungen im Matthäusevangelium 6, 14f ist zu bedenken: Gott hat den Anfang mit Vergeben gemacht. Wer von Gott etwas erwartet, soll sein Handeln nachmachen.

In den Versen 7 bis 10 im 14. Kapitel des Römerbriefes liefert Paulus so etwas wie einen Kommentar zu Matthäus 18, 21–35: Keiner von uns lebt ja nur für sich allein, und keiner stirbt nur für sich allein. / (8) Wenn wir leben, leben wir im Angesicht des Herrn, und wenn wir sterben, sterben wir im Angesicht des Herrn. Im Leben und im Tod gehören wir dem Herrn. / (9) Denn Jesus, der Messias, ist gestorben und wieder lebendig geworden, um Herr zu sein über Tote und Lebende. / (10) Deswegen gibt es gar keinen Grund, den Bruder oder die Schwester zu verurteilen oder zu verachten, denn wir haben denselben Herrn, und wir werden alle vor Gottes Richterstuhl treten müssen. / (11) Denn nach der Schrift sagt Gott ,So wahr ich lebe, jedes Knie wird sich vor mir beugen müssen, und jeder Mensch wird sich zu mir bekennen.‘ / (12) So wird jeder Einzelne von uns vor Gott Rechenschaft ablegen müssen. / (13) Daher wollen wir nicht einer den anderen maßregeln.“

Nur der Herr soll über die Menschen urteilen

Denn, so sagt Paulus, nicht verurteilen, das wäre dasselbe wie Vergeben in der Botschaft Jesu. Nicht verurteilen sollen wir den Bruder/die Schwester, weil wir nicht deren Herren sind. Einer ist Herr, nämlich Jesus Christus. Ihm gehören wir, und auch von unseren Mitchristen gilt das genauso. Er ist der Herr, wir alle aber sind Sklaven, Sklavinnen, Mitsklaven, wenn man das in der Sprache der Bibel so anstößig ausdrücken darf. Während der Verzicht auf das Aburteilen des Nächsten bei Paulus durch die wörtlich verstandene Dominanz des Einen nahegelegt wird, die alle übrigen Unterschiede verblassen lässt, motiviert bei Jesus die Nachahmung Gottes zu Vergebungsbereitschaft.

Zum Vergeben aber gehören seltene Dinge: einmal sehr viel Mut, dass wir uns aufraffen können zum ersten Schritt. Zum anderen eine ausgeprägte Sensibilität dafür, was es bedeutet, wenn Gott vergibt. Wir verachten das leicht, weil es immerzu gepredigt wird und für uns ganz selbstverständlich ist, als müsse Gott so sein. In Wirklichkeit ist Vergebung stets ein Bruch und eine kleine Revolution. Denn wenn Rächen und Gerechtigkeit sprachgeschichtlich zusammenhängen, dann wäre doch nach gewöhnlich heidnischer Einschätzung der gerecht, der sich rächt. Dann wäre Rache und nicht Vergebung das Normale und Selbstverständliche. Dann wäre Rächung bis ins dritte und vierte Glied die erwartbare Form von Gerechtigkeit. Erst Judentum und Christentum haben die unendliche Kette der Gewalt mutig durchbrochen. Im Judentum geschieht das durch die Regel „Auge um Auge, Zahn um Zahn“. Diese Regel ist, wohlverstanden, eine erste Revolution, denn die Rache wird hier beschränkt auf das erste Glied. Also nicht eine unendliche Folge von Rächungen, sondern eine Beschränkung der Vergeltung/Strafe auf das erste Glied, und zwar im Verhältnis eins zu eins. Verglichen mit arabischen oder germanischen Stammesfehden war das ein ungeheurer Fortschritt. Jesus indes sagt: Nicht nur auf das erste Glied beschränken, sondern die Rache überhaupt abstellen. Für Menschen ist das unmöglich, und nur der ganz konzentrierte Blick auf Gott kann das ändern. So anspruchsvoll legt Jesus das Erste Gebot aus, und das ist für ihn Glaube an Gott. Und wer kann da noch sagen, das Christentum sei lasch und farblos? In Wirklichkeit ist es ganz schön anstrengend. Nur wer sich sehr über Gott freut, dem ist so Schwieriges zumutbar.