Die Sonntagslesung: Ungeteilt die Liebe Gottes weitergeben

Zu den Lesungen des zweiten Sonntags in der Osterzeit (Weißer Sonntag). von Klaus Berger

Apostelgeschichte 2, 42–47; 1 Petrus 1,3–9; Johannes 20, 19–31

Die neutestamentlichen Osterberichte sind ein bevorzugter Ort, um über die Zweifel der Jünger zu berichten. Weil diese Zweifel regelmäßig besiegt werden können, sprechen diese Berichte auch die Zweifel der Leser des Evangeliums an. In den Berichten werden sie formuliert, besprochen und aus der Welt geräumt. Dazu gehören der Zweifel des Apostels Thomas (Johannes 20), die Notiz des Evangelisten Matthäus bei der Erscheinung Jesu in Galiläa („Einige aber zweifelten“, Matthäus 28,17), in Lukas 24 beseitigt Jesus mögliche Zweifel dadurch, dass er sich etwas zu essen geben lässt und in der gesamten Zeit bis zur Himmelfahrt mit den Jüngern gemeinsam isst (synhalizomai heißt „gemeinsam Gesalzenes essen“, Apostelgeschichte 1, 4). Denn so schließt er aus, dass er ist, was die Jünger in ihrem Schrecken zunächst glauben: ein Totengeist. Totengeister inklusive Engel können nichts essen. Wenn sie es doch tun, wie bei Abraham nach Genesis 18, tun sie es zum Schein und machen das Kälbchen im Anschluss wieder lebendig. Die übrigen Zweifel beziehen sich gleichfalls (ohne den Test des Essens) auf die Frage, ob der Erscheinende, der so aussieht wie Jesus, wirklich Jesus ist. Der Apostel Thomas erkennt Jesus an den Wundmalen. Denn einen Geist, der Fleisch und Blut nicht hat, kann man nicht verwunden. Sein Geistleib lässt keine Spuren zu. Indem Jesus nach Johannes 20 Thomas direkt auffordert, ihn zu berühren, fordert er zu dem entscheidenden „Test“ heraus. Doch Thomas durchfährt ein heilsamer Schrecken. Er will Gott nicht versuchen. So lässt er seine Absichten bleiben, und in der Tat berichtet der Evangelist nicht, dass Thomas seine Finger in die Seite Jesu gelegt habe. Schon die Aufforderung begreift er als Zumutung. Bei Matthäus werden die Zweifel wohl dadurch überwunden, dass Jesus verheißt, „mit“ den ausgesandten Jüngern zu sein. Und das bedeutet, wie Markus 16, 12–16 berichtet und Johannes 3, 2 bestätigt, dass das Mitsein durch Wunder als wahr erwiesen wird („Denn keiner kann solche Wunder wirken wie du, wenn nicht Gott mit ihm ist“).

Bei den Erscheinungen an einen Totengeist zu denken, war das Nächstliegende. Denn auch wenn die Jünger aufgrund der Vorhersagen Jesu eine Auferweckung erhoffen konnten, so war es gerade deshalb gut möglich, einem Nachahmer-Geist zum Opfer zu fallen, der die Gelegenheit des Todes Jesu und die ganz und gar mangelnde Erfahrung der Jünger im Umgang mit Auferweckungen ausgenutzt hätte.

Späterer Evangelist will nicht Augenzeugen diskriminieren

Der Schlusssatz in Johannes 20, 29 lautet gewöhnlich: Selig, die nicht sehen und doch glauben. Wenn man diesen Wortlaut recht bedenkt, läuft er auf eine Diskriminierung der Augenzeugen hinaus: Glauben ohne Sehen wäre dann besser als Glauben nach oder mit Sehen. Wer glaubt und sieht wie zum Beispiel Petrus und der Lieblingsjünger nach Johannes 20, wäre dann nicht seligzupreisen. Das kann aber nicht sein, denn Seligpreisungen sind nie gegen andere gerichtet. Deswegen haben Berger/Nord hier übersetzt: „Du hast jetzt geglaubt, weil du mich gesehen hast. Selig, wer in Zukunft auf dein Zeugnis hin glauben wird, ohne mich gesehen zu haben.“ Das heißt, obwohl er in ungünstigerer Lage als der Evangelist ist, kann doch die Orientierung an diesem Zeugnis den Nachteil der Lage ausgleichen. Denn oft werden die Augenzeugen seliggepriesen: „Selig die Augen, die sehen, was ihr seht, die Ohren, die hören, was ihr hört“ (Matthäus 13, 16). In solchen Fällen werden dann die Zeugen bevorteilt. Der Evangelist Johannes muss einen Ausgleich zwischen den authentischen Zeugen und den späteren Lesern schaffen. Gerade dazu hilft das Evangelium. So meint es der Evangelist: Die Augenzeugen sind ein Schatz, aber das gilt nicht weniger auch für alle Späteren, die glauben können. Zur Bergung des Schatzes der ersten Zeugen wurden die Evangelien geschrieben. Denn die Grundfakten des Glaubens sind an die Geschichte gebunden und spielen in der Geschichte. Da das 4. Evangelium das Verhältnis zur „Welt“ wie in einem Prozess denkt, ist es auf jede Art von Zeugen zwingend angewiesen. Mit dem Abschnitt 20, 24–29 schafft der Evangelist des 4. Evangeliums dagegen eine einzigartige Brücke zu seinen Lesern, indem er sie einbezieht und nicht ausgrenzt.

Man kann es als Akt der göttlichen Barmherzigkeit bezeichnen, dass Jesus um des Thomas willen noch einmal erscheint. Man könnte ja sagen, Thomas habe eben Pech gehabt, dass er acht Tage zuvor nicht im Jüngerkreis anwesend war. Aber Jesus geht dem Zweifel des Thomas nach wie der Hirte dem verirrten Schaf. In immer stärkerem Maße trifft die Seelsorge auf Menschen, denen Kenntnisse ebenso mangeln wie eine klare Position. Hier ist nicht Urteilen und Scheiden die Aufgabe des Pfarrers, sondern oftmals geduldiges Nachgehen, nicht Nachgeben. Je länger desto mehr wird das für den älter werdenden Seelsorger ein immer einfacher werdender Elementarunterricht. Dieser hat mit Widerständen so zu kämpfen, als wären sie zum ersten Mal erfunden (obwohl es wirklich immer dieselben Anfragen sind, vom Zölibat bis zum Frauenpriestertum). Es gibt das, was man seelsorgerlichen Erfolg nennt, und es gibt andererseits etwas, das damit oft genug im Streit liegt: die Bewahrung der Substanz und der Identität. Jeden Tag muss ein Priester oft genug zwischen beidem entscheiden, und zwar auf verschiedenen Ebenen. Ich meine die Gratwanderung zwischen Prinzipienfestigkeit und liebevoller Seelsorge, die die Menschen aufmuntert, aber nicht überfordert.

Heiligkeit als wichtiges Kriterium

Für das Übersetzen, also die Weitergabe von Zeichen an andere, kennt die Kommunikationswissenschaft drei Loyalitäten: Gegenüber den Autoren der Ausgangstexte (Bibel und kirchliche Tradition), gegenüber den Adressaten der Übersetzung (gegenwärtige Menschen) und gegenüber dem Auftraggeber (Bischof und Weltkirche). Der Weg zwischen diesen Loyalitäten ist eine Gratwanderung. Es ist nicht von vornherein klar, nur der Tradition oder nur den Wünschen der Jugend oder nur dem zu folgen, was „von oben verordnet“ ist. So wird man unterscheiden müssen zwischen dem, was das Glauben erleichtert (etwa eine gute Erklärung) und dem, was ihn einebnet, zwischen bloßer Laxheit und dem, was überflüssige Lasten sind, die man den Menschen nicht aufbürden sollte (Klärung im Beichtstuhl), zwischen dem, was nur Show ist und was die mütterlichen Züge der Kirche sind. Vor 50 Jahren (zum Teil bis heute) meinen Priester freilich oft, Menschen seien schon gewonnen, wenn ein Priester erkennen lässt, dass er auch nur ein Mensch ist. Was sicher überhaupt nicht reicht.

Kriterien für die Gratwanderung gibt das Credo selbst in den Aussagen über die Kirche, die die eine sein soll und heilig, katholisch und apostolisch. Es gibt nur eine Kirche und nicht mehrere; Christus hat keinen Harem, sondern eine Braut. Katholisch ist die Kirche, das heißt: Keine Neuerung darf die Einheit stören; die sichtbare Einheit ist das höchste Gut. Apostolisch heißt sie, weil frühere Generationen und besonders die der Apostel sich in ihr wiedererkennen können müssten. Das auch im christlichen Alltag wichtigste Kriterium ist die Heiligkeit. Das heißt: Hier bestimmt Gott, und die Menschen sind durch heilige Scheu gehindert, einzugreifen. Unser Wunsch zu manipulieren und zu verändern wird hier radikal gebremst. Heiligkeit heißt: Zieh die Schuhe aus, hier ist dein Wunsch, alles zu machen, zu Ende. Der Verlust der Heiligkeit auch in der liturgischen Erfahrung wird von vielen Menschen mit Recht als die bitterste und schmerzlichste Veränderung der letzten 50 Jahre gesehen.

Jenseits der Loyalitätskonflikte, in denen ein Priester steht, brauchen die Menschen indes eigentlich sehr viel Liebe wie ein Fass ohne Boden. Sie haben das Gefühl, dass „die Kirche“ sie nicht genug liebt. Die Kirche soll ersetzen, was die Familien nicht mehr leisten. Kein Priester kann das schaffen. Aus meiner Sicht ist Papst Benedikt vor allem in diesem Punkt höchst glaubwürdig. Nicht umsonst fragt Jesus dreimal: Simon Petrus liebst du mich? Genau wegen dieser Liebe ist der Zölibat ausgesprochen aktuell. Denn da möchte einer die Liebe Jesu ungeteilt weitergeben. Der Zölibat gehört damit zu den Prinzipien, aber in seinem Inneren ist er Weitergeben von Liebe.