Die Sonntagslesung: Über die Provokation des Heils

Zu den Lesungen des dritten Sonntags im Jahreskreis

(Lesejahr C) VON HARM KLUETING

Neh 8, 2–4a.5-6.8–10; 1 Kor 12, 12–31a; Lk 1, 1–4.4, 14–21

Das Evangelium für den dritten Sonntag im Jahreskreis beginnt mit der Vorrede. Lukas, der Historiker unter den Evangelisten, will einen Bericht über Jesus – „über all das, was sich unter uns ereignet und erfüllt hat“ – geben und dabei nach der „Überlieferung derer, die von Anfang an Augenzeugen waren“ allem „von Grund auf sorgfältig nachgehen“. Er verfasst seinen Bericht für einen individuellen Adressaten, Theophilus – deutsch Gottlieb –, den er auch am Anfang der Apostelgeschichte (Apg 1, 1) nennt, um ihn von der „Zuverlässigkeit der Lehre“ zu überzeugen, in der er „unterwiesen“ wurde. Ob dieser Theophilus schon Christ war, geht daraus nicht hervor; eher war er es nicht, denn sonst hätte es der Bemühungen des Lukas, ihn zu überzeugen, wohl nicht bedurft.

An die Vorrede schließt sich der Abschnitt an, der in der Einheitsübersetzung unter der Überschrift „Jesus in der Synagoge von Nazaret“ steht. In einigen anderen Bibelübersetzungen lautet die Überschrift: „Jesu Predigt in Nazaret“. Jesus stammte aus Nazaret. Aus der Weihnachtsgeschichte bei Lukas kennen wir seinen Nährvater „Joseph aus Galiläa, aus der Stadt Nazaret“ (Lk 2, 4). Die Geschichte von Jesu Predigt in Nazaret steht bei Lukas zwischen der Versuchungsgeschichte und dem Bericht über Jesu Auftreten in Kafarnaum am See Genezaret, wo er predigte, böse Geister austrieb und Kranke heilte. Bei Markus (Mk 6, 1–6) und bei Matthäus (Mt 13, 53–58) wird dieselbe Geschichte an anderer Stelle erzählt, sozusagen „später“. Bei Lukas beginnt mit ihr das Wirken des erwachsenen Jesus. Bei Lukas lernen wir auch den ersten eigenen Satz kennen, den Jesus zu Menschen gesprochen hat. Sätze aus Jesu Mund, die Lukas „vorher“ mitteilt, sind Worte des zwölfjährigen Kindes im Tempel (Lk 2, 49), Worte gegen den Teufel, der ihn versucht (Lk 4, 4.8.12), oder Worte, die er aus dem Alten Testament vorliest (Lk 4, 18f.). Dieser erste eigene Satz des erwachsenen Jesu zu Menschen, gesprochen in der Synagoge seiner Heimatstadt, lautet: „Heute hat sich das Schriftwort erfüllt“.

Jesus war schon zu Beginn dieser Geschichte kein Unbekannter mehr. Nach der Rückkehr aus der Wüste, wo er den Versuchungen des Teufels widerstanden hatte, war er in Galiläa umhergewandert und hatte dort in Synagogen gepredigt. Doch kennen wir keines der Worte, die er dort sprach. Dann kam er nach Nazaret, um auch hier in der Synagoge zu predigen. Wie muss man sich das vorstellen? Im Synagogengottesdienst am Sabbat wurden – und werden auch heute noch – Abschnitte aus dem Gesetz, der Thora, also aus den fünf Büchern Mose Genesis, Exodus, Leviticus, Numeri und Deuteronomium, vorgelesen. Das geschah nach einer festgelegten Ordnung. Darauf folgte eine Lesung aus den prophetischen Büchern des Alten Testaments, der Bibel der Juden. Dafür gab es damals noch keinen vorgeschriebenen Text, keine Lese- oder Perikopenordnung, die erst später im Synagogengottesdienst auch für die Prophetenlesung üblich wurde. Jeder erwachsene männliche Jude durfte im Synagogengottesdienst vor die Versammlung treten, einen Prophetentext verlesen und das Gelesene anschließend auslegen. Zur Lesung erhob er sich, während die Auslegung im Sitzen erfolgte.

So geschieht es auch in der Synagoge in Nazaret. Das Gesetz ist verlesen und ausgelegt. Jesus steht auf und lässt sich das Buch Jesaja reichen, was damals noch eine Schriftrolle war. Er rollt die Schriftrolle auf und findet bei Jesaja in dem heutigen Kapitel 61 – die uns vertraute Kapiteleinteilung wurde erst im 13. Jahrhundert von Stephan Langton, Erzbischof von Canterbury, eingeführt – eine Stelle, die er vorliest: „Der Geist Gottes, des Herrn, ruht auf mir, denn der Herr hat mich gesalbt ...“ (Jes 61, 1a). Nachdem er gelesen hat, gibt er die Schriftrolle dem Diener zurück, den wir uns wie einen unserer Küster denken können. Er setzt sich und legt das Gelesene aus. Diese Auslegung ist seine Predigt in der Synagoge von Nazaret.

Aber was ist das für eine Auslegung, was ist das für eine Predigt, die die Gottesdienstbesucher von Jesus zu hören bekommen? Jesus hat ihnen aus dem Buch des Propheten Jesaja die Sätze vorgelesen, die die Gnade und Erlösung beschreiben, die ein durch Gottes Geist Gesalbter Israel bringen wird: „Der Herr hat mich gesandt, damit ich den Armen eine frohe Botschaft bringe und alle heile, deren Herz zerbrochen ist, damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Gefesselten die Befreiung“ (Jes 61, 1b–c). Christen haben das Alte Testament immer auf Jesus hin gelesen und auch in diesen Sätzen den Hinweis auf Jesus als den Messias gesehen. „Messias“ heißt der „Gesalbte Gottes“. Jesus selbst gibt diesem Verständnis Recht, wenn er das Jesajawort mit der Ankündigung des Gesalbten Gottes vorliest und dazu sagt: „Heute hat sich dieses Schriftwort erfüllt“.

Dieser Satz ist unerhört! Und es ist unerhört und eine Provokation für die Leute in der Synagoge von Nazaret, dass Jesus sich hier als den Messias, den Gesalbten Gottes, zu erkennen gibt – und das vor Menschen, die ihn von Kindheit an haben aufwachsen sehen. „Ist das nicht der Sohn Josephs?“ (Lk 4, 22), so sagen sie staunend und bald auch aufgebracht unmittelbar im Anschluss an unseren Abschnitt.

Gar nicht unerhört, sondern geltendes Recht war hingegen das Wort vom „Gnadenjahr“ – „Er hat mich gesandt, damit ich ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe“ – oder vom „Erlassjahr“, auch wenn heutige Prediger oft gerade hier, an den Erlass der Schulden von armen Ländern der „Dritten Welt“ denkend, den Schwerpunkt setzen. Das „Gnadenjahr des Herrn“ ist das Erlassjahr, Freijahr oder „Halljahr“ des Gesetzes, das bestimmte, dass in jedem 50. Jahr solche Israeliten, die sich, um der Armut zu entgehen, als Sklaven verkauft hatten, ohne Entschädigung ihrer Herren freigelassen werden sollten (Lev 25, 10.39–55). Jesus liest das aus dem Buch Jesaja vor, wobei er die Gerichtsankündigung auslässt: „…damit ich ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe, einen Tag der Vergeltung unseres Gottes“ (Jes 61, 2).

Unerhört auch für uns und nicht nur für die Menschen in der Synagoge von Nazaret, ist aber wieder das Wörtchen „heute“: „Heute hat sich das Schriftwort erfüllt“. Das ist kein „heute“, das einmal, damals in Nazaret, Gegenwart war und das jetzt, in unserer Zeit, längst vergangene Vergangenheit ist. Das ist dasselbe „heute“, das die Engel in der Weihnachtsgeschichte anstimmen: „Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren“ (Lk 2, 11). Es ist dasselbe „heute“, das Jesus am Kreuz zu dem einen der beiden Verbrecher, die mit ihm gekreuzigt werden, spricht: „Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein“ (Lk 23, 43). Und es ist dasselbe „heute“, das unausgesprochen im Raum steht, wenn Jesus in die Nachfolge ruft: „Zu einem anderen sagte er: Folge mir nach! Der erwiderte: Lass mich zuerst heimgehen und meinen Vater begraben. Jesus sagte zu ihm: Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkünde das Reich Gottes“ (Lk 9, 59f.). Der Mann will ja Jesus nachfolgen, aber nicht heute, sondern erst morgen. Heute will er das tun, was auch nach unserem Empfinden ihm zu tun geboten ist. Morgen will er Jesu Ruf folgen. Aber morgen ist es zu spät!

Äußerlich eine ähnliche Szene begegnet uns im Buch Nehemia. Esra, ein jüdischer Priester der Zeit nach dem Babylonischen Exil, zieht – um 458 v. Chr. – mit seinen Volksgenossen zurück nach Jerusalem (Esra 7, 1.6) und verliest dort das Gesetz, also Teile der Thora, und zwar auf einer Versammlung aller, „die das Gesetz verstehen konnten“, wozu – für jene Zeit erstaunlich – auch Frauen gerechnet wurden. Doch über diesen Personenkreis hinaus „lauschte das ganze Volk auf das Buch des Gesetzes“. Deshalb las „man aus dem Buch, dem Gesetz Gottes, in Abschnitten vor und gab dazu Erklärungen, so dass die Leute das Vorgelesene verstehen konnten“. Anscheinend hatte Esra Helfer, die ihn bei der Verlesung des Gesetzes ablösten. Diese Geschichte ist viel alltäglicher als die Predigt Jesu in der Synagoge von Nazaret. Das „heute“, das zweimal fällt – „Heute ist ein heiliger Tag“ – steht auch nur in der deutschen Übersetzung und weder in der hebräischen Bibel, wo nur vom „heiligen Tag“ die Rede ist, noch in der griechischen oder der lateinischen Fassung des Alten Testaments, also der Septuaginta beziehungsweise der Vulgata. Stets ist nur von dem konkreten Tag als einem heiligen – oder heiligmachenden – Tag („dies sanctivicatus“) die Rede, an dem die Verlesung des Gesetzes erfolgte.

Die Lesung aus dem ersten Korintherbrief ist der Abschnitt über die verschiedenen Geistesgaben: „So hat Gott in der Kirche die einen als Apostel eingesetzt, die andern als Propheten, die dritten als Lehrer“. Der Sinn erschließt sich aus dem, was einige Sätze davor steht: „Es gibt verschiedene Geistesgaben, aber nur einen Geist. Es gibt verschiedene Dienste, aber nur einen Herrn“ (1 Kor 12, 4–5). Das ist der, der von sich gesagt hat: „Heute hat sich das Schriftwort erfüllt“.