Die Sonntagslesung: Sich auf Gott verlassen

Zu den Lesungen des

27. Sonntags im Jahreskreis (Lesejahr B) VON HARM KLUETING

Gen 2,18–24; Hebr 2,9–11; Mk 10,2–16

Das Evangelium für den 27. Sonntag besteht scheinbar aus zwei Abschnitten, die nichts miteinander zu tun haben. Der erste gehört zu den sogenannten Streitgesprächen. Die Pharisäer wollen Jesus auf die Probe stellen, ihn aufs Glatteis führen, um ihn anklagen zu können. Es geht um die Ehescheidung, ein auch in der Antike und im Alten Orient bedrückendes Problem, vor allem wegen der materiellen Versorgung der Frauen. Das Gespräch hier im Markusevangelium erinnert an eine Stelle bei Matthäus, in der Bergpredigt, die Theologen als Antithesen bezeichnen: „Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist …“ – „Ich aber sage euch …“. Dort ist auch von Ehescheidung die Rede: „Ferner ist gesagt worden: ,Wer seine Frau aus der Ehe entlässt, muss ihr eine Scheidungsurkunde geben‘. Ich aber sage euch: Wer seine Frau entlässt, obwohl kein Fall von Unzucht vorliegt, liefert sie dem Ehebruch aus; und wer eine Frau heiratet, die aus der Ehe entlassen worden ist, begeht Ehebruch“ (Mt 5, 31f.). Jesus stellt in diesen Antithesen dem jüdischen Gesetz die wahre Gerechtigkeit der Nachfolge Christi entgegen, wobei er sich bei der Ehescheidung auf Deuteronomium 24, 1 bezieht. Bei Markus steht aber noch mehr: „Was Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen“ – der Satz ist ein beliebter Trauspruch und Grundlage der Lehre der Kirche von der Sakramentalität und der Unauflöslichkeit der Ehe.

Nun der andere Abschnitt, der scheinbar mit dem ersten nichts zu tun hat, mit dem Kernsatz: „Lasst die Kinder zu mir kommen; hindert sie nicht daran! Denn Menschen wie ihnen gehört das Reich Gottes. Wer das Reich Gottes nicht so annimmt, wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen.“ Wir kennen das Elend gescheiterter Ehen. Wo eine Ehe in die Brüche geht, wird Kindern eine Welt zerstört. Hier könnte die Verbindung zwischen beiden Abschnitten gesucht werden. Aber dort liegt sie nicht. Wenden wir unsere Aufmerksamkeit diesem zweiten Abschnitt zu. „Wenn ihr nicht umkehrt und wie die Kinder werdet, könnt ihr nicht in das Himmelreich kommen“ (Mt 18, 3), so dasselbe im Matthäusevangelium. Worum geht es? Es geht um kindliches Vertrauen. In einer intakten Familie vertraut das Kind seinem Vater und seiner Mutter. Das Kind vertraut darauf, dass Vater und Mutter für es sorgen. Vater und Mutter enttäuschen das Vertrauen ihres Kindes nicht. Das Kind in der intakten Familie kann dem Vater und der Mutter blind vertrauen. So wie das Kind Vater und Mutter vertraut, so sollen wir Gott vertrauen.

Aber tun wir das? Es ist die Grundbefindlichkeit des Menschen, gegen Gott aufzubegehren und wie Gott sein zu wollen. Selbst entscheiden zu wollen. Unabhängig von Gott, emanzipiert von Gott, autonom gegenüber Gott. Das ist das Geheimnis des Sündenfalls im dritten Kapitel des Buches Genesis. Das Menschenpaar, das für uns alle steht, und dessen gottgewollte Gemeinschaft im Kapitel davor – im Text der ersten Lesung – mit den Worten begründet wird (Gen 2, 24), die bei Markus wieder begegnen, steht unter den Bäumen des Gartens, deren Früchte es nach Gottes Gebot genießen soll. Nur von den Früchten eines Baumes sollen sie nicht essen. Dann kommt die Schlange und sagt der Frau: „Sobald ihr davon esst, gehen euch die Augen auf; ihr werdet wie Gott sein“ (Gen 3, 5). Und die Frau nahm von den Früchten und aß und gab sie auch ihrem Mann. Dieses Sein-Wollen-Wie-Gott, das ist die Signatur unserer Gottesbeziehung – die Ursünde oder Erbsünde. Aber wir sollen werden wie die Kinder und Gott vertrauen, wie ein kleines Kind Vater und Mutter vertraut.

Wir wissen aber auch, dass das Vertrauen der Kinder in die Eltern oft sehr früh enttäuscht wird. Und wir wissen auch, dass jedes Kind in den Jahren, in denen es dem Kindsein entwächst, die Erfahrung macht, dass Vater und Mutter nicht alles können, dass ihre Möglichkeiten begrenzt sind. Wir haben diese Erfahrung alle selbst gemacht, dass irgendwann blindes Vertrauen in Vater und Mutter nicht mehr richtig war. Irgendwann sind auch die besten Väter und die liebevollsten Mütter mit „ihrem Latein an Ende“. Jetzt müssen die Kinder erwachsen – selbstständig – werden. Aber bei Gott ist das anders! Gott ist nicht irgendwann mit seinem Latein am Ende. Wie so ein Alter, der nicht mehr ganz mitkommt. Nein! Gott ist nicht nur ganz anders: Er ist allmächtig. Ihm können wir wie Kinder ihren Eltern vertrauen. Gott weiß, was wir brauchen (Mt 6, 8). Man muss nur vertrauen. Das ist ein anderes Wort für glauben und findet seinen Ausdruck in der Vaterunserbitte: „Dein Wille geschehe“ (Mt 6, 10). Dieses Sich-Verlassen-auf-Gott hat nichts zu tun mit Rückzug ins stille Kämmerlein, mit Verzicht auf beruflichen Erfolg. Man kann im Vertrauen auf Gott ein ganz aktives Berufsleben führen und mit Selbstbewusstsein Entscheidungen fällen.

Doch zurück zur Ehe und zur Ehescheidung. Ich bin sicher, dass Ehen, die im kindlichen Vertrauen beider Partner auf Gott geschlossen und geführt werden, nicht scheitern können. Kindliches Vertrauen auf Gott auch in partnerschaftlichen Konflikten. Wer das hat, dem gehört das Reich Gottes.

Dem Satz „Was Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen“ fügt Jesus in dem von Markus überlieferten Wort als eine Art Schlussfolgerung ein Zitat aus dem Buch Genesis hinzu: „Darum verlässt der Mann Vater und Mutter und bindet sich an seine Frau, und sie werden ein Fleisch.“ Doch dieser Satz ist selbst Schlussfolgerung, Schlussfolgerung des Erzählers der Geschichte von dem ersten Menschenpaar, die er aus der Rede des Adam zieht, mit der dieser reagiert, als er aus seinem Tiefschlaf erwacht und seines menschlichen Gegenübers, der Frau, gewahr wird: „Das endlich ist Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch.“ Das Wörtchen „endlich“ ist wichtig. Denn zuvor hat Gott die Tiere geschaffen, die ihm in vieler Weise „Hilfe“ waren. Aber eine ebenbürtige, eine gleichrangige Hilfe – „eine Hilfe, die dem Menschen entsprach“ – waren sie nicht. Das Wort „Mensch“ in „es ist nicht gut, dass der Mensch allein bleibt“ – hebräisch „odom“ – ist geschlechtsloser Gattungsname und wird nicht in dem Sinne gebraucht, dass der Mann Mensch in vollem Sinne wäre und die Frau eine Art niedrigere Erscheinungsform des Menschen. Der Text geht weiter: „Frau soll sie heißen; vom Mann ist sie genommen.“ Im Deutschen ist das missverständlich; im Hebräischen ist es dasselbe Wort – „ish“ (Mann) und „isho“ (Frau) –, so dass wir „Mann“ und „Männin“ übersetzen müssten. Auch der Ausdruck: „eine Hilfe“, „die dem Menschen entsprach“, bringt Gleichheit zum Ausdruck. Das Wort „Hilfe“ darf nicht, wie Luther das in seiner Bibelübersetzung machte, mit „Gehilfin“ übersetzt werden, sondern ist im Sinne sich gegenseitig ergänzender Unterstützung zu verstehen. Die „Hilfe“ ist die ein Leben, in dem „der Mensch nicht allein bleibt“ überhaupt erst ermöglichende Unterstützerin. Und das Wort „sie werden ein Fleisch sein“ hat zwei Bedeutungen. Es bezieht sich einmal auf die Kinder, die aus der geschlechtlichen Vereinigung beider hervorgehen und in denen beide „ein Fleisch“ werden. Es bezieht sich aber auch darauf, dass beide im Entstehen „ein Fleisch“ waren. Das meint der Satz: „Gott, der Herr, baute aus der Rippe, die er vom Menschen genommen hatte, eine Frau“.

Weder von Ehe noch von Ehescheidung, weder von Mann noch von Frau ist die Rede in dem Abschnitt aus dem Hebräerbrief, wohl aber von den „Söhnen“, die Gott „zur Herrlichkeit führen wollte, der seinen Sohn Jesus Christus als „Urheber ihres Heils durch Leiden vollendete“, durch sein „Todesleiden“ am Kreuz, das ihn „mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt“ hat. Im griechischen Urtext steht tatsächlich „polloi hyoi“ – „viele Söhne“ –, was aber die Töchter nicht ausschließt, zumal dieses Wort sich auch sonst im Neuen Testament als Bezeichnung für Menschen männlichen und weiblichen Geschlechts findet, am deutlichsten mit den „Kindern Gottes“ oder wörtlich den „Söhnen des Vaters“ – griechisch „hyoi tou patros“ – im Matthäusevangelium 5, 45. Der Abschnitt beginnt damit, das Jesus – nur dieser Name fällt, nicht Christus oder Jesus Christus – „für kurze Zeit unter die Engel erniedrigt“ wurde, womit der Verfasser des Hebräerbriefes nicht nur an Psalm 8, 6 anknüpft – „Du hast ihn nur wenig geringer gemacht als Gott“ –, sondern auch sein Verständnis der Menschwerdung Gottes in Jesus deutlich macht. Beachtung verdient der Schlusssatz: „Denn er, der heiligt, und sie, die geheiligt werden, stammen alle von Einem ab.“ Der Hebräerbrief scheint also die gemeinsame Herkunft Jesu Christi und der Seinen von Gott und die Präexistenz nicht nur des Gottessohnes, sondern auch der Seinen andeuten zu wollen. Das ist ein dem Neuen Testament ansonsten fremder Gedanke, der wohl am ehesten im Sinne der „Kinder Gottes“ der erwähnten Matthäusstelle zu verstehen ist. Hier ist es die Begründung dafür, dass Jesus „sich nicht schämt“, die Seinen seine „Brüder“ – griechisch „adelphoi“ – zu nennen, was auch hier nicht nur männlich zu verstehen ist.