Die Sonntagslesung: Kriterien des Erwähltseins im Wandel

Zu den Lesungen des

15. Sonntags im Jahreskreis

(Lesejahr C) von Klaus berger

Dtn 30, 10–14; Kol 1, 15–20; Lk 10, 25–37

Im barocken Theater, besonders in dem der Jesuiten, hat man Tugenden und Laster disputieren lassen. Im folgenden Versuch soll deutlich werden, dass insbesondere die Laster ganz vernünftig zu sein scheinen und die Tugenden keineswegs so selbstverständlich, wie wir es oft darstellen. Personen des Dramas: Die Selbstsucht (Laster), die Barmherzigkeit (Tugend).

Die Selbstsucht: Die Leser sind geneigt, hier nach schwarz und weiß zu urteilen. Seit Jahrhunderten scheint festzustehen, dass Priester und Levit bösartige Menschen sind. Sie hatten vielmehr ihre Berufspflichten, noch dazu welche, die kein anderer so leicht übernehmen konnte.

Die Barmherzigkeit: Priester und Levit werden hier in der Tat nicht aus antiklerikaler Gesinnung genannt, so als solle klar gemacht werden, dass Priester und andere Tempelbedienstete von Natur aus zu Heuchelei, Scheinheiligkeit und mangelnder Nächstenliebe neigen. Antiklerikale aller Jahrhunderte haben geradezu mit Wollust darin geschwelgt, die „Kleriker“ hier als Egomanen vorzuführen. Wahr ist vielmehr, dass auch Jesus hier kein Wort gegen den klerikalen Dienst sagt.

Die Selbstsucht: Wir können daher unseren Gesprächsgang darin zusammenfassen, dass Priester und Levit hier nicht irgendeinem lieblosen Hobby dienen, sondern einem heiligen und notwendigen Beruf. Die Barmherzigkeit ist davor zu warnen, sich hier die Verurteilung zu leicht zu machen. Jesus erzählt seine (Gleichnis-)geschichten nicht, um Berufsstände, die ihr gutes Fundament in der Schrift haben, pauschal moralisch zu disqualifizieren. Jesus liefert hier nicht ein Paradebeispiel von Pastoren- und Küsterschelte. Beide, Priester und Levit, hätten ihre Gründe haben können, ihr Vorbeisehen und –gehen notfalls mit Argumenten zu rechtfertigen.

Die Barmherzigkeit: Ich wäre nun sehr daran interessiert, solche Gründe zu hören.

Die Selbstsucht: Priester und Levit haben nur den Gottesdienst der praktischen Nächstenliebe vorgezogen. Damit gaben sie dem Ersten Gebot Achtung gezollt. Wird es nicht auch später in der Regel des heiligen Benedikt heißen, dass nichts dem Gottesdienst vorzuziehen ist. Auf deutsch hieße das: Krankenpflege ja, aber nicht ohne zuvor das Morgengebet oder das Konvent-Amt gefeiert zu haben.

Die Barmherzigkeit: Und dann also ruhig die Schmerzpatienten in der Zeit schreien lassen?

Die Selbstsucht: Aber das ist hier doch gar nicht das Problem. Ich kenne keine jüdische oder christliche Praxis, die in solchen Notfällen das Kultgebot herzlos nach vorne puscht. Das Problem liegt doch sehr viel eher darin, dass wir es hier mit grenzüberschreitender Soforthilfe zu tun haben. Denn Juden und Samaritaner sind im Lauf der Geschichte einander fremde Völker geworden, sind füreinander Ausländer. Und zwar reichlich verfeindete. So wirft man sich gegenseitig vor, von bösen Dämonen besessen zu sein. Die europäische Geschichte ist reich an Beispielen betreffend barbarische Vorurteile ähnlicher Art. Manche hängen auch mit Teufels- oder Dämonenbrut zusammen oder mit dem Samen des Antichrist.

Die Barmherzigkeit: Und das war zur Zeit Jesu die Frage: Gilt gegenüber solchen, die so weit weg sind, die Pflicht zur Nächstenliebe, die nach Levitikus 19, 18 ausdrücklich dem Volksgenossen geschuldet ist – und nur ihm?

Die Selbstsucht: Einmal kann man exegetisch wirklich eindeutig erweisen, dass es sich in Levitikus 19, 18 bei der sogenannten Nächstenliebe wirklich nur darum handelt, nicht rachsüchtig und nicht nachtragend zu sein, sondern dass man den Nächsten im Gespräch zur Rechenschaft zieht (notfalls dann zu zweit oder zu dritt), also eher im Sinne brüderlicher Korrektur. Und sodann zeigt der unmittelbare Kontext in Levitikus, dass es sich um den Volksgenossen handelt, also den jüdischen Nachbarn. Dass das so eng zu verstehen ist, darauf weist Levitikus, wo die Regel von Levitikus auf den „Beisassen“ ausgedehnt wird, der mit Israel zusammen wohnt, wir würden vielleicht sagen: auf Gastarbeiter. Aus alledem geht hervor, dass bei sorgfältiger Lektüre der Schrift weder für Juden noch für Samaritaner eine Regel sich herleiten lässt, nach der man zu Katastrophenhilfe gegenüber den Menschen aus dem jeweils anderen Volk verpflichtet sein soll. Das ist wie mit dem Zinsverbot im Mittelalter: Es galt für Juden untereinander und für Christen untereinander. Aber nicht für Juden gegenüber Christen und umgekehrt, denn man war ja nicht ein Volk.

Die Barmherzigkeit: Aber Jesus gibt eine neue Auslegung, in der er euch Schriftgelehrte aufs Kreuz legt. Jesus fragt plötzlich: Wer ist denn der Nächste dessen geworden, der unter die Räuber fiel?

Die Selbstsucht: Jesus wäre damit in jedem exegetischen Proseminar durchgefallen. Denn „der Nächste“, „der Volksgenosse, „der Beisasse“, „der Fremde“, das sind Status-Begriffe und damit statisch. Sie sind nicht zum Werden da, sondern entweder ist man so etwas oder eben nicht.

Die Barmherzigkeit: Für Jesus kommen da die scheinbar so festgelegten Abgrenzungen in eine Krise. Sie werden „weich“. Auch das ist nicht mehr festgelegt, wer zum auserwählten jüdischen Volk gehört.

Die Selbstsucht: Jesus ist da in Bezug auf die Kategorie der Erwählung beinahe so etwas wie ein Anarchist. Denn der barmherzige Samaritaner ist plötzlich durch sein Tun (!) zum jüdischen Miterwählten, zum Nächsten im Sinne des Gesetzes geworden. Und nur weil er sich erbarmt hat. Das kann doch nicht wahr sein!

Die Barmherzigkeit: Aber Jesus sagt es so. Denn es gibt ein neues Kriterium der Erwähltheit, und das heißt „Barmherzigkeit“ oder „soziale Gerechtigkeit“.

Die Selbstsucht: Nein, das ist pure Anarchie. Die Barmherzigkeit: Schon Johannes der Täufer hat erklärt, dass alle Abstammung von Abraham, das Beschnittensein, und alle Geschichte als auserwähltes Volk überhaupt nichts nützt, wenn einer nicht gerecht und/oder barmherzig ist. Und das könnte auch Heiden betreffen.

Die Selbstsucht: Es ist zwar richtig, dass im Falle der fehlenden Barmherzigkeit das Judesein nichts nützt (Priester und Levit gehen eben nicht „gerechtfertigt“ von dannen). Aber es hilft auch nichts, einfach nur barmherzig zu sein.

Die Barmherzigkeit: Warum reicht das nicht? Das sagen doch auch viele Menschen des 21. Jahrhunderts! Nur das Gutsein zählt, und darauf beschränken viele Jesu Forderung. Oder ist meine Optik hier doch etwas beschränkt? Sollte Jesus doch mehr gewollt haben als nur mehr soziale Gerechtigkeit?

Die Selbstsucht: Sicher hat Jesus mehr gewollt, als nur erneut soziale Gerechtigkeit zu fordern. Aber auf Kosten sozialer Gerechtigkeit kann dieses Mehr kaum gehen. Ich werde aus diesem „Mehr“ jedenfalls kein Kapital schlagen können.

Die Barmherzigkeit: Wird nicht die Erwähltheit, der Status, das Sein, neu bestimmt durch den Glauben an Gott und Jesus Christus? Allerspätestens dann, als das junge Christentum unter die Heiden tritt, wird deutlich, dass es mehr ist als nur eine Moralbewegung. Die Abstammung von Abraham, die Beschneidung, das erwählte Volk, sie entfallen nicht einfach, sondern sie werden – inklusive Gottesvolk – umgewandelt in die Kirche.

Die Selbstsucht: Für mich wird Gottes Handeln in Jesus immer rätselhafter. Sollte es etwas zu tun haben mit der Aufhebung der Grenzen zwischen den Menschen nach Lukas 10?

Die Barmherzigkeit: Auch nach Lukas 10 ist Jesus nicht nur der Verkünder erweiterter Nächstenliebe. Vielmehr hat es mit ihm selbst zu tun, dass er so redet. Die ältere Gleichnisforschung hat oft bestritten, dass es in den Gleichnissen überhaupt so etwas gebe wie eine Christologie. Dass das ein Fehlschluss war, wird deutlich, wenn man Lukas 10 zuende denkt. Dann muss man doch vom Wunder der Zuwendung Gottes in der Menschwerdung reden, vom Glauben, der dazu Ja sagen müsste, von der Gestalt der Liebe in der Kirche als Christi Leib, von den Sakramenten. Denn man kann nicht einfach im luftleeren Raum „Israel erweitern“ und die Auserwähltheit vergessen. Der Evangelist Lukas hat es überliefert: „Denn er hatte unserem Vater Abraham geschworen, dass er uns die Kraft schenken wollte, von Angst und von Feinden befreit heilig und gerecht ihm zu dienen alle Tage unseres Lebens (1, 73–75)… Denn unser Gott hat mir uns Erbarmen.“