Die Sonntagslesung: Jesus führt die Menschen in Gottes Nähe

Zu den Lesungen des neunten Sonntags im Jahreskreis (Lesejahr A) von Klaus Berger

Deuteronomium 11, 18.26–28.32; Römer 3,21–25a.28; Matthäus 7, 21–27

Man muss eine Weile nachdenken, bis man darauf kommt, welche Art von Widersprüchlichkeit oder Gegensätzlichkeit Jesus in Matthäus 7 angreift. Meint er etwa den Gegensatz von Frömmigkeit und Nächstenliebe? Dass es Christen gibt, die zwar viel beten und fromm reden, die aber doch recht garstige Zeitgenossen sind? Oder meint er die Heuchelei, die fromme Werke nur für die Fassade tut, aber im übrigen nie konkret wird im Leben – also weder in der Nächstenliebe noch in der Treue zum Bekenntnis? Nein, die Menschen, die Jesus hier angreift, haben das richtige Bekenntnis, denn sie sagen „Herr, Herr!“ Wie auch Menschen, die sagen, in der Papsttreue lasse ich mich von keinem übertreffen. Die aber doch nicht Gottes Willen tun, wie Jesus es fordert. Übrigens: Was ist Gottes Wille nach dem Matthäus-Evangelium? Das wäre auch für das Vaterunser wichtig, weil wir nach der Fassung bei Matthäus beten „Dein Wille geschehe“, was sich sicher nicht auf den nächsten Todesfall in der Umgebung bezieht. Dieser Wille Gottes ist Sorge um die Armen und Bedürftigen, Frieden stiften und mit den Seligpreisungen der Bergpredigt, ihrer Sanftheit, Geduld und Leidensbereitschaft aufwachen. Warum ist es so nötig, Gottes Willen nach Matthäus zu tun? Jesus würde sagen: Weil ihr dann jetzt und auf Dauer glücklicher seid und nicht mehr Angst haben müsst vor euch selbst und vor anderen. Dieses „auf die Dauer“ wird Jesus dann gleich zum Thema machen, und zwar im Gleichnis vom Hausbau. Auf Felsen bauen und nicht auf Treibsand. Jesus scheint dieses Bild vom Felsen zu lieben, auf den man baut. Ein paar Kapitel später wird er zu Petrus sagen: Du bist der Felsen, auf den ich mein Haus bauen will, meine Kirche. War das mit Petrus als Fels nicht vielleicht doch nur eine Zielvorstellung Jesu, ein Programm (nach dem Motto: Reiß dich zusammen, sei Fels), ein Idealbild: So will Gott dich? Und klaffen schon da nicht Widersprüche? Es ist der Kontrast zwischen der Solidität des petrinischen Glaubens und seiner erkennbaren charakterlichen Schwäche und Feigheit. Diesen Kontrast gibt es immer wieder auch bei Christen, gerade bei solchen, die bewusst und kämpferisch missionarisch sein wollen.

Denn Petrus wird in den Evangelien nicht gerade günstig dargestellt. Hat Jesus sich schon hier, bei der Numero eins unter seinen Jüngern, getäuscht? Hören wir genau hin: Jesus will das Haus bauen, nicht Petrus. Aber das, was festzuhalten ist an Petrus, sagen die Evangelien sehr genau. Dass er schwach war, aber bitterlich weinen konnte, dass er voller Arroganz meinte, gegen Versagen gefeit zu sein, und dass ihm doch das Kostbarste anvertraut ist, das Bekenntnis. Sein Versagen ist wahr. Und sein Bekenntnis ist wahr.

Das Bekenntnis zu Christus allein reicht nicht aus

Und wenn wir nun noch einmal zu Matthäus 7 zurückkehren: Auch hier schildert Jesus Christen, die richtig sich zu ihm als dem Herrn bekennen und die sogar Wunder tun, wie auch Petrus welche getan hat. Aber das alles reicht nicht, wenn ganz schlicht Gottes Wille nicht getan wird. Bei Petrus sah das Problem so aus: Sein Bekenntnis ist in Ordnung, Wunder wirken kann er auch. Was er zunächst nicht kann, ist Gottes Willen zu tun, und der hängt mit Geduld und Leidensbereitschaft zusammen. Deshalb verleugnet er Jesus, weil er nicht begriffen hat, dass zum Mut auch die Treue dazugehört. Damit es nicht am Ende geschieht, dass ein gestandener galiläischer Fischer sich von einer Magd umwerfen lässt, weil er Angst hat vor ihr. Auch wir mögen immer wieder nicht leide und Nachteile in Kauf nehmen, oder zahlen für unser Christentum. Fazit: Die Versager, die uns Jesus hier vor Augen stellt, die nur Herr, Herr sagen, sind in der Lage des Petrus und von uns allen. Dennoch lässt Jesus uns nicht allein mit der Angst, vielleicht auf Sand gebaut zu haben. Sondern er sagt uns: Der Fels ist euer Glaube. Daran könnt ihr euch trotz allem festhalten. Petrus kann sagen: Der Fels ist meine Erwählung, wir können sagen: Der Fels ist unser Glaube. Können wir also trotz allen Versagens irgendwie getröstet werden in der Geschichte unseres Glaubens? Gibt es irgendein Treueverhältnis zwischen Jesus und uns, das nicht gleich bei der ersten schweren Sünde den Bach hinuntergeht? Ist dieses Treueverhältnis vielleicht die Nische, in die wir uns in Bedrängnis immer wieder zurückziehen können? So ergeht es mir; der Glaube ist wie ein Fels-Implantat. Es zählen nicht nur gute Werke oder Tod. Das wäre eine im Grunde gnadenlose Alternative. Für mich gilt 2 Timotheus 2,12: „Wenn wir ihn verleugnen, wird er uns auch verleugnen. Doch in einem Punkt gilt die Entsprechung nicht: Wenn wir untreu werden, so bleibt er doch treu, denn er kann nicht sich selbst aufgeben. Und das gibt uns Grund zum Vertrauen.“ (Berger-Nord S.756) Am Ende ist er selbst der Fels, und was wir von einem Felsen erwarten, kann in Wirklichkeit zu jeder Zeit nur er geben. Glaube heißt nur Anteil gewinnen an seiner Stabilität, die er uns großzügig jederzeit gewährt.

So fragen wir nochmals verschärft: Meint Jesus in Matthäus 7 die bloße Scheinheiligkeit? Nein, das wäre vorsätzlich frommes Getue, das von vornherein nicht mit der Absicht verbunden ist, Gottes Willen zu tun. Die Menschen, die Jesus hier meint, wollen nicht nur lediglich den schönen Schein, aber sie vergessen die ethische Konsequenz des Glaubens. Sie trennen zwischen dem Religiösen und Liturgischen einerseits, was leicht zu sein scheint, und dem Schwierigeren, wo es um Selbstbeherrschung geht und um Leidenkönnen. Sie übersehen oder vergessen, dass es sich um notwendige Konsequenzen handelt.

Glaube hat Konsequenzen für den Alltag

Wer jedoch meint, die Konsequenzen aus dem Glauben seien „nicht so wichtig“, „eher grauer Alltag“, der irrt. Denn Gott will den Alltag geheiligt sehen. Er will wirklich unter und mit seinem Volk leben. Und deshalb kommt man nicht darum herum, seinen Willen zu respektieren und zu tun. Das „Herr, Herr“-Sagen und das Austreiben der bösen Geister ist nun gegenüber dieser Praxis nicht etwa die bloße und leere Theorie.

Gott hat sich die Zuwendung zu den Menschen viel kosten lassen; Die Lesung aus dem dritten Kapitel des Römerbriefes sagt, dass mehr nicht ging und dass der radikale Weg der Liebe, die das Sterben „für“ die Menschen einschließt, die eindeutige Handschrift Gottes trägt. Sollte noch immer jemand bezweifeln, ob man Gott überhaupt wahrnehmen kann, so sollte er auf Jesus blicken und auf diejenigen seiner Heiligen (wie Mutter Teresa und zum Beispiel viele christliche Schwestern im Dienst an Kranken und Sterbenden), die wie selbstverständlich ihr Leben verschenkt haben. Wo also Bekenntnis und Liebe eins wurden.

Derartige Beispiele sollen uns nicht einschüchtern, sondern verstehen sich als Beiträge zur aktuellen Frage nach dem Glück. Ich für meine Person habe dieses immer nur dort gesucht, wo ich radikal gefordert wurde. Dazu gehörten wie in Matthäus 7 Bekenntnis und Liturgie und Handeln im Sinne von Gottes Gerechtigkeit. Indem Jesus die Menschen so überfordert, führt er sie in die Nähe Gottes. Denn je mehr man sich von diesem Herrn fordern lässt, umso mehr Kräfte wachsen einem zu. Dieses Verhältnis zwischen Anspruch und Kraft ist der beste „Gottesbeweis“. Dabei ist ganz klar, dass für mich Bibel, Gebet und Liturgie die Rückzugsgebiete für meine Seele sind, denn hier kann ich Kraft und Festigkeit der Identität aus dem Felsen schöpfen, der Gott selbst ist. Wenn ich auf diesem Felsen Rückhalt habe, kann ich auch anderen helfen, durch meine ausgestreckte Hand den Rückhalt zu finden, den sie benötigen. Die ästhetische, kunstgeschichtliche und künstlerische Dimension meines Glaubens konnte dabei stets „Identität“ kräftigen und „Heimat“ vermitteln. Der Herrgott, so war und ist meine Überzeugung, hilft uns gerade auch auf diese Weise entscheidend weiter. Daher bin ich nicht einverstanden, wenn die alten, heiligen und schönen Zeichen aus der Geschichte unseres Glaubens massenhaft über Bord geworfen werden.