Die Sonntagslesung: Jesu exklusive Aufgabe: der Sühnetod

Zu den Lesungen des

29. Sonntags im Jahreskreis (Lesejahr B) von Klaus Berger

Jes 53, 10–11; Hebr 4, 14–16; Mk 10, 35–45

Jesus spricht hier in einem Atemzug von Kelch und Taufe. Beides ist für ihn bestimmt. Im zwölften Kapitel des Lukasevangeliums wird er sagen, dass er ungeduldig darauf drängelt, endlich getauft zu werden. Hier könnte man einwenden: Aber Jesus ist doch schon getauft, durch Johannes den Täufer. Doch offenbar stehen der Täufer und Jesus in einer größeren Bewegung darin, die man auch Taufbewegung nennen kann und in der Getauftwerden ein öfter verwendetes Bild ist: Auch Pfingsten wird eine Taufe genannt werden (Taufe mit Heiligem Geist), auch das Weltgericht heißt so (Taufe mit Feuer). Das kennen wir heute anders. Wir fragen: Warum wird hier am Anfang immer wieder von Taufe gesprochen? Und wir vergessen nicht, dass es neben dem Christentum eine eigene orientalische Taufreligion gibt, in der Taufen so wichtig ist wie bei den Christen des Anfangs und in dieser Taufreligion (Mandäer, im Irak ansässig; die meisten Anhänger zurzeit in Deutschland als Gastarbeiter) spielt Johannes der Täufer eine ziemlich große Rolle, Jesus dagegen nicht.

Also: Warum so oft „Taufen“? Antwort: Taufen heißt, einen Menschen ganz eintauchen in eine „Flüssigkeit“, sei es Wasser, Blut, Heiliger Geist oder Feuer. Die beiden letzteren werden eben auch als Flüssigkeit vorgestellt. Wenn ein Mensch total in sie eingetaucht wird, dann gibt es sozusagen kein Entrinnen, da er restlos durch die Materie vereinnahmt wird, in die er getaucht wird. Insofern wird das Taufen zum Bild für die Begegnung mit Gott oder mit dem Gegenteil: Vernichtung. Daher zeigt das so häufig verwendete Bild des Taufens/Tauchens etwas von der Jesus und Johannes dem Täufer gemeinsamen Theologie: Denn die Totalität des Eintauchens entspricht der Totalität der Hingabe.

Leider zerstören wir mit unserer westlichen Form der Aspersionstaufe, in der nur ein paar Wassertropfen den Täufling berühren, schon das grundlegende Bild des Eintauchens. Meine katholischen Enkelkinder dagegen wurden in Mailand getauft, und zwar deshalb nach dem ambrosianischen Ritus, der noch die Ganztaufe vorsieht. Das heißt: Der Säugling ist nackt und wird einmal ganz ins Wasser gelegt und untergetaucht. Das ist fremdartig und doch sehr erhellend. Taufe kommt stets von außen, nicht aus dem Inneren des Menschen. Wer sich taufen lässt, begibt sich in Gottes Hand. Gott lässt etwas über ihn kommen, das der Mensch nicht selbst verfügt.

Dabei bedeutet Taufe entweder Reinigung, wenn sie durch Wasser oder Geist geschieht oder aber Tod (so in Markus 10, 38f; Lukas 12 und in Römer 6, 3–9), in Römer 6, 3–9 wohl beides: Ablegen des Alten und Neuwerden. Deshalb sind bei Paulus der Ritus des Untertauchens im Wasser und der Tod Jesu Christi miteinander verschränkt: Ein Bild für das Ablegen des Alten. Denn die alte Existenz des Alten Adam wird weggespült in der engstmöglichen Gemeinschaft mit Jesus Christus.

Das Nebeneinander von Tod und Becher weist dabei möglicherweise auf das Abendmahl. Denn nicht das Brot weist dabei auf Jesu Tod, sondern der Becher mit dem Wein beziehungsweise Blut Christi. Nach Markus 10, 38 trinken Jesus wie auch die Jünger aus dem Becher. Auch in Gethsemane, als Jesus bittet, der Kelch möge an ihm vorübergehen, bedeutet das Trinken aus dem Becher das Leiden. Träfe das zu, dann bedeutet das nicht, dass Jesus sein eigenes Blut trinkt, sondern dann ist der Wein im Kelch Bild für das von Gott zugedachte Leiden. Das Trinken aus dem Becher ist dann Benetztwerden mit einer Taufe: Eine Flüssigkeit von außen dringt auf Jesus ein, die blutigen Tod bedeutet.

Damit hier nicht die Bilder durcheinander geraten, ist folgende Unterscheidung hilfreich: Das eine ist es, aus dem Kelch zu trinken. Das heißt: zu leiden, indem man den Wein oder Bitterwein als Zeichen des Todes auf sich nimmt. Und das gilt für Jesus und die Jünger gleichermaßen. Hier ist dann weder an Bund noch an Sündenvergebung gedacht. In der Tat fehlt beides in Markus 10, 38 wie in Markus 14, 36. Und ganz eindeutig trinkt hier Jesus als erster – was beim Abendmahl umstritten ist, denn da sagt Jesus nur: Trinkt alle daraus.

Und das andere ist es, aus dem Kelch zu trinken zu geben. Das bedeutet: Stellvertretend für die vielen sein Leben zu geben und den Bund für sie zu schließen. Das tut nur Jesus, die Jünger aber nicht. Wenn die Jünger aus dem Kelch trinken, dann hier nicht, weil sie ebenfalls leiden, sondern weil sie in den Genuss des stellvertretenden Leidens Jesu kommen und an dem durch ihn geschlossenen Bund teilhaben. Aber vom Abschluss des Sinaibundes in Exodus 24 her bedeutet der Kelch mit seinem Inhalt gleichfalls Leiden, nur eben als Zeichen des Bundesschlusses und als Zeichen der Sündenvergebung zugunsten anderer (der umstehenden „Gemeinde“). Und hier ist es klar: Jesus gibt den Kelch zu trinken. Im Vordergrund steht nicht die Leidensgemeinschaft, in der er wie die Jünger trinkt, sondern dass er, Jesus zu trinken gibt.

Denn einmal ist Jesus (Markus 10 und 14) der Messias, der leidet und der die Jünger in die Leidensnachfolge ruft. Und dabei gilt die besondere Dialektik (Abfolge von Gegensätzlichem) des Themas Menschensohn, nämlich die Abfolge von Niedrigkeit und Hoheit. Zu den Bedingungen der gottfeindlichen Welt kann der Menschensohn nur der Niedrige und Dienende sein. Nur wenn er diese Phase durchmacht und auf sich nimmt, kann er bei Gott und dann, wenn es nur noch Gott und sein Reich gibt, der Hohe und Majestätische sein. Das ist die Grundregel. Deshalb heißt er der Menschensohn. Im Unterschied zur jüdischen Daniel-Apokalyptik (Dan 7) ist der Menschensohn nicht einfach der Hohe und der Repräsentant Gottes, sondern es gibt diesen Äon des Leidens und den kommenden Äon des Herrschens. Erst das eine und dann das andere. Und das ist der Rahmen, der für die Jünger genauso gilt. Und diesen Rahmen kann Jesus nicht einfach überspringen, indem er im gegenwärtigen Äon schon mal damit anfängt, Plätze und Pöstchen zu verteilen. Das hätten die beiden Jünger in Markus 10 (Jakobus und Johannes) gerne gehabt. Diese beiden Jünger stehen stellvertretend für alle Christen, die die Leidenszeit wenigstens durch feste Zusicherungen und Versprechungen aufgehellt haben möchten. Jesus steht dafür nicht zur Verfügung, denn er ist ganz konsequent der Niedrige und Dienende (Mk 10, 45). Er ist kein Träumer, der vom herrlichen Reich Gottes schwärmt. Sondern wenn Dienen angesagt ist, gilt Dienen.

Nun heißt es aber in Markus 10, 45b „und sein Leben einzusetzen für viele als Lösegeld“. Wie verhält sich das zum Sühnetod Jesu? So fragen Exegeten schon lange. Wir haben doch eben die Leidensgemeinschaft zwischen Jesus und den Jüngern betont und gefunden, dass bei Markus vom Sühnetod nicht die Rede ist, sondern vom gemeinsamen Geschick. Ist das in Markus 10, 45 anders? In der Tat spricht Jesus hier von der Rolle allein des Menschensohnes. Aber das bezieht sich auf das, was Jesus hier in diesem Äon tut. Allerdings spricht Jesus in Markus 10, 45 nicht von seinem Blut, sondern von seinem ganzen Leben. Und dieses Leben zu geben, das ist nicht exklusiv der Sinn von Jesu Tod, sondern der rote Faden in seinem ganzen Leben. Von Blutvergießen spricht Jesus hier wohl deshalb nicht, um eine Verwechslung mit Vers 38f auszuschließen. In 10, 38f ging es um das Gemeinsame, hier wie in Vers 37 um Jesu Aufgabe. Sein Leben als Lösegeld einzusetzen, das ist eben nicht das Lebensziel der Jünger.