Die Sonntagslesung: Jesu Gebet weist in die Zukunft

Zu den Lesungen des siebten Sonntags der Osterzeit (Lesejahr B). von Klaus berger

Apg 1, 15–17.20a.c–26; 1 Joh 4, 11–16; Joh 17, 6a.11b–19

Das Johannesevangelium zeigt hier eine doppelt konservative Denkstruktur: Die Jünger sollen Jesu Wort und Gesetz bewahren, und Gott, der Vater Jesu Christi, soll die Jünger bewahren in der Welt. Wenn Jesus so betet und mahnt, zeigt er, dass er in Zeiten des Abbrechens von Traditionen und Geborgenheiten lebt. Die Jünger sind ängstlich, und beim Heraustreten aus der Geborgenheit des Judentums besteht die Gefahr, dass alle auseinanderlaufen. Das 17. Kapitel des Johannesevangeliums zeigt, dass genau dieses auch die Gefahr beim Abschied Jesu vor seinem Leiden war. Insofern ist der Text am Ende der Wirksamkeit Jesu genauso aktuell wie zu der Zeit der Entstehung des Johannesevangeliums. Und das gilt auch heute, denn das Behütetsein des Schäfchens in der Herde scheint unwiederbringlich verspielt.

Denn zu den Dingen, die in den vergangenen fünfzig Jahren verloren gingen, gehört das „katholische Milieu“, das heißt: ein kollektiver Lebensstil, der am Kirchenjahr entlang lief, der vom Rosenkranz bis zum Wählen der CDU, von der Sonntagsmesse inklusive Sakramentsan-dacht bis zu dem mindestens zwischen dem 11. und dem 14. Lebensjahr gehegten Wunsch reichte, Priester zu werden. Alles das scheint verschwunden. Es war anstrengend, autoritär gebaut, aber es machte glücklich. Katholisches Christentum war eine Lebensweise, eine Erlebnisweise des Lebens; die Liebe zur Muttergottes gehörte unverbrüchlich dazu. Das „katholische Abenteuer“ war in sich stimmig und alternativlos prägend.

Was schwierig war und immer schwieriger wurde, war genau die Situation, die die Abschiedsreden des Johannesevangelium beschreiben, nämlich der Abschied von der geformten und geprägten Kindheit und frühen Jugend, der Abschied von etwas mächtig Prägendem, das in seiner Geschlossenheit unersetzlich war. Für Jugendliche sind das nicht nur Konflikte mit den Eltern, die im Katechismus nicht vorgesehen sind, vor allem aber die unregulierte und unregulierbare Sexualität. Das Ideal, wie es die Kirche predigte und predigt, ist allen gut geläufig. Nur ergeht es einem da mit seinem Glauben wie einem werdenden Bankrotteur, der immer mehr Schulden aufhäuft. Und warum soll man zur Beichte gehen, wenn man „um der Liebe willen“, wie man sagt, weder viel ändern kann noch will?

Wie reagiert Jesus auf diese Situation? Er betet für die Jünger, das heißt: er weiß sie in einer einzigartigen Gefahr. Er bittet erstaunlicherweise nicht darum, dass sie unter allen Umständen ihren Glauben bewahren sollen. Sondern er bittet darum, dass sie eins bleiben möchten. Was über die Krisen des Glaubens hinüberträgt, sind Freundschaften, und zwar im weitesten Sinne des Wortes. Das bewahrt davor, sich verlassen zu fühlen. Ich kenne das von Priestern her, die in Lebens- und Berufungskrisen kamen. Sie wurden von ihren Gemeinden buchstäblich getragen. Nicht vor allem mit moralischen Sprüchen, sondern ganz schlicht, so wie eben Freundschaft funktioniert.

Und Jesus sagt, dass er so betet, wie er es tut, „damit meine Jünger sich genauso freuen wie ich mich selbst“. Da ist es wieder, das johanneische Motiv der Freude, wie wir es kürzlich aus Johannes 15, 11 vernahmen.

Das wäre in der Tat erstaunlich, wenn ein Pfarrer seinem Jugendlichen zum Abschied sagte: Und vor allem vergiss die Freude nicht. Und zu Johannes 15 hatten wir schon festgestellt, dass Freude hier Lebensfreude ist, eine ansteckende Gesundheit und das Gegenteil von Kleinmut. Denn Jesu eigene Freude kommt aus seinem unverlierbar ewigen Leben. Aus der Stabilität, die ihm die Nähe zu Gott selbst schenkt. Und ein solcher Pfarrer würde vielleicht auch sagen: Wir müssen ahnen, dass die meisten von euch abtrünnig werden, der Kirche nicht mehr folgen. Aber ihr werdet eines Tages wiederkommen, und die Besonderheit der Freude, die die Kirche selbst ausstrahlt oder ausstrahlen könnte, besteht darin, dass die Kirche dann bereit sein wird euch aufzunehmen. Fidel Castro, legendärer Christenhasser und Kirchenverfolger, ist auf dem besten Weg dazu, versöhnt mit der Kirche und mit Gott zu sterben. Stünde Jesus hier, so würde er vielleicht sagen: Gott ist da ganz cool, Menschen kommen und gehen, sie machen Karriere und vergehen. Gott aber hat der Kirche eine Freude vermacht, die Menschen befähigt, noch über den letzten Schatten der eigenen Biografie zu springen.

Die johanneische Auffassung von Freude ist verankert in einer tiefen Lebensbeziehung zu Gott. Sie ist unverwüstlich, weil Gott unverwüstlich ist. Jesus wagt diese Verheißung auch für die Kirche: Die Hölle, das Reich des Todes, wird sie nicht überwältigen. Laut Lexikon heißt unverwüstlich: auch dauernden, starken Belastungen standhaltend, dadurch nicht unbrauchbar werdend, nicht entzweigehend. Das war das mit der Einheit. Und über die Freude spricht das Lexikon interessanterweise auch: einen unverwüstlichen Humor haben.

Noch etwas zum Stichwort Freundschaft: Freunde oder Freundinnen von früher nicht aufzugeben bedeutet auch, dass man gemeinsam die Funktion des Gedächtnisses ausprobiert, das Gute zu behalten und das Ungute zu vergessen. So stärkt die Freundschaft auf Dauer die Grundfesten, da sie in ein Dankgebet mündet. So realisiert die Freundschaft ein jüdisches Erbe: Was das Gedächtnis tut, hält daher Kirche zusammen, und das ist genau das, was Jesus meint, wenn er sagt: dass alle eins seien. Diese Überlegungen bringen mich darauf: In Johannes 17 ist die Kirche noch jung. Aber dass dieses Kapitel geschrieben wurde, nach dem 16. Kapitel des Johannesevangeliums eine Folge davon, dass der Heilige Geist an alles erinnert, ist selbst schon ein Anzeichen dafür, dass die Kirche das, was sie ist, in der Erinnerung an Jesus findet.

Am Ende eines langen gemeinsamen Weges stehen wir auch jetzt wieder, was die Struktur der Kirche, vor allem aber die Menschen darin betrifft: Es ist der Abschied von Pfarrgemeinden, von Pfarrern, die sich um jeden kümmern können, symbolisch gesagt, der Abschied von Kirchtürmen. Und jetzt gilt Jesu Gebet noch einmal: Vater, lass sie alle eins sein, lass sie nicht verzweifeln an der Situation radikalster Diaspora. Gib, dass sie sich nicht nur formell an Jesus erinnern, sondern zu seinem Gedächtnis Eucharistie feiern. Erneuere deine Kirche aus diesem heiligen Mahl.

Lass den Glauben wieder zu einer prägenden Kraft werden. Lass die Christen die Einheit der Kirche suchen mit ganzem Herzen und verteidigen mit Zähnen und Klauen. Jesus hat ganz klar erkannt, dass die Gefährdung der Kirche nicht von außen kommt, sondern aus der Zwietracht ihrer Mitglieder, die so überaus erfindungsreich darin sind, sich gegenseitig Fallen zu stellen und zum Stolpern zu bringen. Schenke du uns die notwendige Weltfremdheit, der Papst nannte sie Entweltlichung. Denn Jesus redet vom notwendigen Hass der Welt gegen die Christen. Lass uns resistent sein gegen alle Verweltlichung, die immer mit beiden Armen nach uns greift.

Niemand weiß jetzt schon, wie es in Zukunft gelingen soll, Gemeinden zusammenzuhalten, überhaupt noch Gemeinden zu haben und zu halten. In dieser Situation gibt es Christen, die noch immer meinen, sie könnten es sich leisten, beim Abendmahl nicht des Nachfolgers Petri zu gedenken. Sie haben die Zeit und deren Zeichen nicht verstanden. Jesu Gebet nach dem Johannesevangelium weist dagegen schon vor 2000 Jahren in die Zukunft. Sie ist unabdingbar die Zukunft Gottes.