Die Sonntagslesung: Jesu Einzug offenbart sein Ideal

Zu den Lesungen des

Palmsonntags 2011 (Lesejahr A) . Von Klaus Berger

Jesaja 50, 4–7; Philipper 2, 6–11; Matthäus 21, 1–11; 26, 14–27,66

Ich weiß noch recht genau, wie das war, als die Alliierten im Mai 1945 in meine Heimatstadt einmarschierten, in einer unübersehbar langen Kolonne aus Schweren Panzern, deren Geschützrohre kaum bedeckt waren. Ich lag oberhalb der Straße an einem Steilhang in einer Mulde, die der Volkssturm gegraben hatte, um von da aus einziehende Truppen zu beschießen. Glücklicherweise machte ich keine heftigen Bewegungen, sonst wäre ich wohl schnell erschossen worden. Meine kleine Schwester, kaum zweieinhalbjährig, war den einziehenden Truppen entgegengelaufen, etwa zwei Kilometer weit. Gottlob passierte ihr nichts, und wir fanden sie nach einer Weile wohlbehalten wieder.

Immer, wenn ich von Jesu Einzug nach Jerusalem lese, denke ich an diesen Einzug der Besatzer in die kostbare Stadt. Plötzlich stoppten die Kolonne, und so blieb es eine halbe Stunde lang. Der Kämmerer der Stadt war den Truppen mit einem weißen Bettlaken entgegengegangen, um die friedliche Übergabe der Stadt auszuhandeln, die Lazarettstadt werden sollte und wurde. Empörte Mitbürger wollten den Kämmerer daraufhin sofort aufhängen. Bei dem ganzen Einzug der Truppen in die Stadt und bei den Verhandlungen herrschte atemlose Stille. Vergleicht man mit Jesu Einzug in seine Stadt: Sie geschah ohne jede Ausrüstung (geschweige denn militärische), sie geschah unter dem Jubel etlicher Menschen, nicht in atemloser bedrückter Stille. Nein, Jesus wurde als Befreier gefeiert (nur so ganz laut sagen durfte das auch niemand), aber auch das Stichwort „Frieden“ fiel bei diesem Einzug, so jedenfalls nach dem Lukasevangelium 19,38.

Es war wohl dieser Einzug in die Stadt, der Jesu Schicksal besiegelte. Denn wenn er so weitermachte, konnte daraus wirklich eine Befreiungsrevolte werden. Bisher hatte Jesus nur von Dämonen befreit, nicht von Römern. Den „ideologischen Hintergrund“ gab die messianische Weissagung nach Sacharja 9, 9 ab. Und ängstliche Mitbürger wie Judas wohl einer war, mochten befürchten, das könne böse enden. Daher ist gut vorstellbar, dass Judas aus diesem Anlass auf die Idee kam, es sei wohl besser für Jesus und für die Stadt und das Volk, wenn Jesus „aus dem Verkehr gezogen“ würde. Judas konnte wohl planen, die jüdischen Honoratioren sollten mit Jesus reden und ihn zur Vernunft bringen, damit nicht am Ende doch die Römer kamen. Er sollte nicht das Possenspiel einer messianischen Befreiung Jerusalems fortsetzen.

„Es war wohl dieser

Einzug in die Stadt,

der Jesu Schicksal

besiegelte“

Es war genau diese Angst vor den Römern, die dann auch zur Gefangennahme Jesu und zum Verhör vor Pilatus führte. Möglicherweise wollte Judas alles andere als Jesu Tod. Doch als er Jesus in den Händen des Pilatus sah, brach er zusammen und erhängte sich (Matthäus 27, 3). Vielleicht hatte er doch das Beste für Jesus und sein Volk gewollt. Aber in den Fingern des Pilatus konnte er nur als Majestätsverbrecher verurteilt werden, und zwar nur zum Tod. So ging die Rechnung, die Judas für sich möglicherweise aufgemacht hatte, nicht auf. Aber wenn es so war, wie hier dargestellt, war Judas alles andere als der heuchlerische typisch jüdische Erzbösewicht, als den wir ihn im Religionsunterricht und in der Predigt kennenlernten. Vielleicht war Judas ein nüchterner und besonnener Politiker. Dennoch fehlte ihm das Augenmaß.

Und Jesus ohne Absprache auszuliefern, war gewiss keine Freundestat. So erlitt Judas die Aufhängung wie dann auch Jesus sein Meister. In den Ohren eines Römers mussten die beim Einzug Jesu gefallenen Stichworte („kommendes Reich unseres Vaters David“ nach Markus 11, 10; Sohn Davids nach Matthäus 21, 9; der König, „der kommt“ nach Lukas 19, 38, der „König Israels“ im Johannesevangelium 12, 13, „dein König“ nach Sacharja 9, 9) lückenlos zu den späteren Vorwürfen oder auch Vorwänden passen, Jesus habe sich als König der Juden bezeichnet (erst ab Markus 15, 2, sonst nie im Markusevangelium zuvor!). Pilatus glaubte das jedenfalls so, was man an der Kreuzesinschrift sehen kann. Aber bis zum Einzug nach Jerusalem hat Jesus dazu nicht den geringsten Anlass gegeben. Ein Vorspiel gibt es nur bei Matthäus, wo die Magier nach dem neugeborenen König der Juden fragen (Matthäus 2, 2). Nein, mit dem Einzug in die Stadt begannen vor 2 000 Jahren wie 1945 die Herrschaftswechsel. Doch was sollte ein halbwegs kluger Römer angesichts des Spektakels beim Einzug Jesu in die Stadt denken?

Welches Gewicht die Einzugsliturgien haben, das kann man an der Liebe erkennen, mit der sie gestaltet sind und ausgeführt werden. Jeden Freitagabend feiert jede jüdische Familie den Einzug des Sabbat wie den einer Königin. Dabei heißt es: „Auf, mein Freund, der Braut entgegen, den Sabbat wollen wir empfangen!“ (Schlomo al Kabez aus Safed). Und in der alten Karfreitagsliturgie wurde der Tod Jesu gefeiert als der Einzug der Königsfahnen des Messias (Vexilla regis): „Des Königs Fahnen ziehn einher, es glänzt geheimnisvoll und hehr das Kreuz, daran das Leben starb und Leben aus dem Tod erwarb. Kreuz, einz'ge Hoffnung, sei gegrüßt!“ Und vor Zeiten wurde der Einzug in die Kathedrale begonnen mit „Procedamus in pace“ – „in nomine Christi, amen“.

„Bis heute gilt, dass

Kirche in Bewegung ihr Wesen äußerst attraktiv darstellen kann“

In der Feier der Osternacht ertönt der Ruf „Lumen Christi“/„Deo gratias“ an drei Stationen des Einzugs in die Kirche. Dazu passt ein Gebet, das an den Auszug aus Ägypten erinnert (und an den Einzug in dass Gelobte Land: „Wie du dem Moses beim Auszug aus Ägypten Leuchte warst.“ So steht der Einzug Jesu am Palmsonntag inmitten eines ganzen Kranzes von Einzugsliturgien. Und bis heute gilt, dass Kirche in Bewegung (Wallfahrt, Prozession, Einzug in die Kathedrale) ihr Wesen äußerst attraktiv darstellen kann. Selbst in den evangelischen Magdeburger Dom zieht der Pfarrer nicht ohne Vortragekreuz und begleitende „Ministranten“ ein. Dem entspricht schon Justin, Dialogus 53, 2, wonach Jesus beim Einzug in Jerusalem „offenbar“ wird; bis dahin war er verborgen. Andererseits entspricht die Art, in der Jesus einzieht, durchaus dem zeitgenössischen Ideal des weisen und bescheidenen Königs, eines Königs ohne Heer und Waffen.

Denn Gewaltlosigkeit ist mehr und mehr zum königlichen Ideal geworden. Daher fügt Justinus beim Zitieren von Sacharja 9, 9 hinzu: „(sanft) und arm“. Wo solche philosophischen Könige einziehen, jubelt das Volk, Kinder akklamieren. Die Kinder, sagt man, begrüßen den einziehenden Herrscher als Ernährer, die Erwachsenen als Retter. Der slavische Josephus (eine legendarische Umformung des jüdischen Historikers Flavius Josephus in altslavischer Sprache) berichtet über Jesu Einzug: „da sie – das heißt seine hundertfünfzig Knechte und die Volksmenge – aber sahen seine Macht, dass er alles, was er wollte, ausführe durchs Wort, so befahlen sie ihm, dass er einziehe in die Stadt und die römischen Krieger und Pilatus niederhaue und über sie herrsche. Aber jener (Jesus) verschmähte es.“

Kirche als sich bewegende ist attraktiv. Denn zu den grundlegenden Bildern der Bibel gehört der Weg. Er hat ein Ziel, und zum Ziel zu gelangen bedeutet in der Regel Anstrengung. Auf dem Weg will man behütet sein. Vor allem will man wissen, wo der Weg hinführt. Jesu Weg und der seiner Christen führt unweigerlich zu Kreuz und Auferstehung. Auf diesem Weg ist der Einzug in Jerusalem mehr als nur eine Vorahnung. Denn jeder Weg in das Reich Gottes ist ein Kreuzweg.